Marina Abramović: Die Königin der Performancekunst kehrt zurück
Sie gilt als Pionierin der Performancekunst, als Grenzgängerin zwischen Körper, Geist und Publikum: Marina Abramović. Mit der großen Retrospektive in der Albertina Modern zieht die 78-jährige Künstlerin erstmals in Österreich eine Bilanz ihres radikalen Lebenswerks und zeigt, dass Kunst immer eine existentielle Erfahrung ist.
Marina Abramović hat die Kunst neu definiert und sie an den Rand des Erträglichen geführt. Seit den frühen 1970er-Jahren nutzt sie ihren eigenen Körper als Medium, als Projektionsfläche, als Prüfstein für Ausdauer, Schmerz und Bewusstsein. Ob sie stundenlang schreit (Freeing the Voice, 1975), sich einem brennenden Stern hingibt (Rhythm 5, 1974) oder Besuchern erlaubt, ihr Gewalt anzutun (Rhythm 0, 1974) – immer ging es ihr um die Frage, wie weit der Mensch in der Begegnung mit sich selbst und anderen gehen kann. In Wien war Abramović schon früh präsent: 1978 trat sie beim Internationalen Performance Festival auf. Nun, fast ein halbes Jahrhundert später, kehrt sie zurück – mit einer umfassenden Schau, die ihre Entwicklung von der kompromisslosen Körperkünstlerin zur spirituellen Vermittlerin nachzeichnet.
Die Ausstellung: Kunst als Energiequelle
Die Albertina Modern widmet Abramović in Kooperation mit dem Bank Austria Kunstforum Wien und der Royal Academy of Arts, London ihre erste große Retrospektive in Österreich. Kuratiert von Bettina M. Busse, zeigt die Ausstellung mehr als 100 Werke und vier täglich live aufgeführte Performances, darunter ikonische Arbeiten wie Imponderabilia, Luminosity, Nude with Skeleton und Art Must Be Beautiful – Artist Must Be Beautiful. Die Schau ist als choreografierte Reise angelegt: Thematische Räume beleuchten zentrale Aspekte ihres Schaffens – von Körpergrenzen über Energie, Spiritualität und politische Erinnerung bis hin zur Interaktion mit dem Publikum. Besonders eindrucksvoll: Four Crosses (2019), vier monumentale Skulpturen, deren ausdrucksstarke Gesichter Schmerz und Erlösung gleichermaßen verkörpern. So entsteht ein Panorama, das den Wandel der Künstlerin sichtbar macht, von der physischen Präsenz zur energetischen Resonanz, von der Provokation zur Meditation.
Der Körper als Spiegel
»Ohne Publikum kann ich nichts tun, ich brauche seine Energie«, sagt Abramović. Dieser Austausch ist zentral für ihr Werk und in Wien wird er wieder erlebbar. Die Ausstellung integriert das Publikum direkt: In den Reperformances wird die Beziehung zwischen Betrachter und Werk zum eigentlichen Geschehen. Was früher Schock und Grenzerfahrung bedeutete, ist heute eher ein kollektives Ritual – eine stille, fast kontemplative Begegnung mit Kunst als Bewusstseinszustand. Damit schließt sich ein Kreis: Abramović, einst Inbegriff der Provokation, ist zur Lehrmeisterin des bewussten Erlebens geworden – ihre »Abramović Method«, in der Besucher etwa Reiskörner zählen oder in Stille verharren, steht für den Versuch, Kunst zu einer Übung der Wahrnehmung zu machen.
Kunst, die bleibt
Auch wenn viele ihrer Performances nur im Moment existieren, arbeitet Abramović unaufhörlich daran, Vergänglichkeit zu bewahren – in Videoarbeiten, Reperformances und Objekten, die von anderen aktiviert werden dürfen. Für sie ist Kunst kein abgeschlossener Akt, sondern ein Prozess: »Wenn der Tod an meine Tür klopft, will ich bewusst und ohne Angst in diese letzte Erfahrung eintreten.« Mit der Ausstellung in der Albertina Modern zieht Marina Abramović Bilanz und öffnet zugleich ein neues Kapitel: eines, in dem Kunst nicht nur körperlich erfahrbar, sondern spirituell transformativ wird. Noch bis 01. März 2026 können Sie die Retrospektive besuchen.