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V.l.n.r: Erwin Hameseder, Carl Aigner, Michael Höllerer und Lisa Kandlhofer. © Niklas Stadler

Mehr als Bank: Die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien positioniert ihre Kunstsammlung neu

Kunst
Wien

Mit strategischem Sammlungsaufbau, performativem Profil und öffentlicher Präsenz setzt die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien ein klares Zeichen für zeitgenössische Kunst und nachhaltige kulturelle Verantwortung.

Keine Kennzahlen, keine Bilanzen, dafür Kunst als gesellschaftliches Bindeglied: Anfang Jänner präsentiert die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien den strategischen Neustart ihrer über Jahrzehnte gewachsenen Kunstsammlung. Drei Schwerpunkte – die Professionalisierung des Sammelns, ein klarer Fokus auf performative und zeitgenössische Kunst sowie der Zugang für die Öffentlichkeit – stehen dabei besonders im Zentrum.

Vom situativen Sammeln zur kuratierten Strategie

»Heute sind wir nicht da, um Ihnen Wirtschaftszahlen und KPIs zu präsentieren, sondern um uns von einer ganz anderen Seite zu zeigen«, eröffnete Erwin Hameseder, Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien, das Pressegespräch. Diese andere Seite ist eine Kunstsammlung, deren Ursprünge bis in die 1950er-Jahre zurückreichen, entstanden aus Büroausstattungen, regionalem Engagement und persönlichen Netzwerken. In den 1990er-Jahren prägte sie vor allem der langjährige Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes, Christian Konrad.

Was also lange situativ gewachsen ist, soll nun gezielt weiterentwickelt werden. Hameseder formuliert klar die zukünftige inhaltliche Leitlinie: »Für uns stehen die Natur und der Mensch im Mittelpunkt, verbunden mit unserer christlich-sozialen Wertewelt.« Gleichzeitig gehe es darum, verstärkt junge Künstlerinnen und Künstler anzusprechen und ihnen zusätzliche Chancen am Kunstmarkt zu eröffnen.

© Niklas Stadler
© Niklas Stadler

Zwischen Tradition und Gegenwart

Für die inhaltliche Neuausrichtung werden externe Expert:innen eingebunden, die zugleich das Ankaufs-Komitee bilden. Michael Höllerer, Generaldirektor von Raiffeisen NÖ-Wien, betont den Anspruch: »Wir maßen uns nicht die Kompetenz an, das selbst zu kuratieren. Dafür haben wir uns Profis an Bord geholt.« Gemeint sind der langjährige Museumsdirektor Carl Aigner und die Wiener Galeristin Lisa Kandlhofer. Ersterer bringt vor allem historisch fundiertes Kunstwissen mit. Zudem war Aigner bereits beratend unter Konrad tätig und ist mit der archivarischen Aufarbeitung der Exponate betraut, während Kandlhofer in wichtige Ausstellungen zu Hermann Nitsch involviert war sowie die Sparten Konzeptkunst bis Video als ihre Schwerpunkte nennt. Höllerer unterstreicht zudem die ökonomische Notwendigkeit hinter dem Engagement: »Wir investieren in etablierte Namen und in zukunftsträchtige Emerging- und Mid-Career-Künstler:innen mit regionaler Verankerung und internationalem Potenzial, mit dem Ziel, langfristige Werte zu schaffen.« Jährlich soll für die Ankäufe ein mittlerer sechsstelliger Betrag in den Ausbau der Sammlung fließen. »In Zeiten schrumpfender öffentlicher Kulturbudgets sei dies Teil der genossenschaftlichen Verantwortung«, so der Generaldirektor. »Ein mutiger und wichtiger Weg«, wie Kandlhofer nochmals bekräftigt.

Fokus Performance: Ein Alleinstellungsmerkmal

Ausgehend von der von Aigner als »unglaublich charmant« bezeichneten Bestandssammlung, die rund 240 Künstler:innen und etwa 700 relevante Werke umfasst – darunter Arbeiten von Tina Blau, Prachensky und Staudacher, der Werkblock Josef Engelhardt, die Kunstgruppe Retz sowie ein historisch abgesichertes Schiele-Blatt –, soll die Neuausrichtung künftig vor allem Performancekunst und Videoarbeiten einschließen.

Galeristin und Beraterin Lisa Kandlhofer spricht von einem »klaren Bekenntnis zur zeitgenössischen Kunst und zu nachhaltiger Förderung«. Aigner präzisiert: »Wir meinen Performance nicht im theatralen Sinn, sondern den Aktionismus, der die Kunst nach 1945 prägte.« Medienüberschneidungen und das Auflösen von Gattungsgrenzen zwischen Malerei, Skulptur, Installation und Video seien seither zentrale Entwicklungen.

Um entsprechende Talente in diesem Feld zu finden, sind für den angestrebten Prozess Scoutings an Akademien und Kooperationen mit Galerien vorgesehen. Der inhaltliche Schwerpunkt liege auf gesellschaftlichen Themen wie Identität, Digitalisierung, Natur und Ökologie. Das Ziel sei, als einzige Sammlung in Österreich das Profil Performance konsequent auszubauen. Als historischer Anker soll Hermann Nitsch eine wichtige Rolle spielen. »Sein Schaffen bildet eine sinnvolle Basis für die performative Erweiterung«, so Kandlhofer. Als exemplarische künstlerische Position für die angestrebte Ausrichtung nennt Aigner die Künstlerin Carola Dertnig.

Öffnung nach außen

Folgerichtig wird eine Auswahl der Sammlung in diesem Jahr erstmals öffentlich sichtbar sein. Für April 2026 ist eine Ausstellung im Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels geplant. Die Basis bildet der Katalog. Für Hameseder ist es der logische Schritt: »Wir wollen ab sofort die Menschen teilhaben lassen.« Dafür tritt die Kunst in den Diskurs und verlässt damit die Büros und das Depot.

Die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien positioniert sich mit diesem Vorhaben nicht nur als Sammlerin, sondern als aktive und neue Mitgestalterin in einem sich rasant wandelnden Kunstfeld.

Elisabeth Klokar
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