Skulptur im Kleid
Falstaff LIVING begleitete die Fashion Weeks in Mailand und Paris, wo zwischen Avantgarde und Reeditionen die Normen verschoben und Silhouetten neu gedacht werden.
Mode ist längst mehr als textile Hülle. So kann Kleidung umschmeicheln oder gezielt verfremden, etwa durch architektonische Strukturen oder gebogene Materialien. Heißt: Subversion statt Standard? Duran Lantink erklärte es 2024 in »WWD«: »Mich interessiert, was Kleidung mit dem Körper macht.« 2025 reüssiert er für Jean Paul Gaultier – eines von mehreren Debüts der diesjährigen Fashion Weeks in Mailand und Paris.
Aufmischen ist das Stichwort in Mailand. Während Versace-Neo-Designer Dario Vitale für seine Spring/Summer-26-Kollektion ins Archiv blickte und mit Layerings sowie einer bunt-nostalgischen 80er-Ästhetik à la Versace antwortet, griff auch Demna (Gvasalia) als neuer Gucci-Creative-Director zur Geschichte. Seine Entwürfe für »La Famiglia« spielen mit den Codes des Hauses, gegliedert in Archetypen: »Kompromisslos sexy, extravagant und gewagt«, heißt es auf Instagram. Glitzer, Tailoring und Monogramme prägen den neuen alten Stil. Die italienische Struktur findet sich in körperbetonten Lederensembles und bestickten Roben wieder.
Zugleich löst sich Demna von der klassischen Dramaturgie: Was ist vergangen, was ist neu? Selbst den heiligen Gral der Verschwiegenheit brach er, indem er die Modelle vorab auf Instagram zeigte. Die Show selbst war ein Kurzfilm, für den er Kleidung und Kamera gleichberechtigt glänzen ließ, begleitet von Stars wie Demi Moore und Gwyneth Paltrow. Die Inszenierung wirkt zwar kalkuliert, doch Gucci ist wieder Gucci. Und das kreative Chaos, für das Demna bekannt ist, bleibt Programm.
Zuvor wirbelte Demna Balenciagas Pariser Couture-Erbe als Fusion aus Luxus und Subkultur auf. Unter Nachfolger Pierpaolo Piccioli (vormals bei Valentino) zeichnet sich eine ruhigere Linie ab, die näher an der künstlerischen DNA des Hauses liegt, dabei aber respektvoll gegenüber seinen Vorgängern bleibt. Auch seine früheren Valentino-Kund:innen dürfte seine Handschrift erfreuen. Gerne erinnert man sich dabei an Gründer Cristóbal Balenciaga, der einst formulierte: »Ein Modeschöpfer muss ein Architekt für das Design, ein Bildhauer für die Form, ein Maler für die Farbe, ein Musiker für die Harmonie und ein Philosoph für die Passung sein.« Ob Cocoon-Mäntel oder Balloon-Kleider der 50er-Jahre, Cristóbals Anspruch, weiche Draperie mit präziser Konstruktion zu verbinden, hallt bis heute nach.
Viele Designer:innen suchen nach eigenen Silhouetten jenseits etablierter Schönheitsideale. An kastenförmige Schultern haben wir uns schon gewöhnt – diese Saison fielen sie besonders bei Mänteln und Blazern bei Saint Laurent, The Attico oder Bottega Veneta auf. Das Konzept der Dekonstruktion greift aber tiefer und fragt: Was ist ein schöner Körper? Rei Kawakubo zählt zu den Ersten dieser Avantgarde-Riege. Mit »Lumps and Bumps« (1997) brach die Japanerin mit traditionellen Konventionen. Heute zerlegt sie weiterhin Anzüge, verlängert Proportionen, verschiebt Hüften und experimentiert mit Peplums.
Duran Lantink prüft Mode und Geschlecht auf fast dadaistische Weise, Existenzielles thematisiert Rick Owens und schafft mit düsterer Ästhetik immaterielle Körperräume. Sein Materialmix aus Leder bis Chiffon wirkt roh, meist architektonisch. Dystopisch inszenierte Shows, durchzogen von Nebel, Licht und Wasser, verdichten die Ambivalenz zwischen Schwere und Leichtigkeit und vervollständigen seine Vision.
Während Owens »tough clothes for tough times« kreiert, arbeitet die niederländische Designerin Iris van Herpen zukunftsweisend an der Schnittstelle von KI und Wissenschaft. Wie man am Titelbild sieht, kombiniert sie dafür biotechnologische Verfahren mit Haute-Couture-Techniken und erschafft hybride Kleiderobjekte aus Mikroalgen, biobasierten Polymeren oder 3D-gedruckten Strukturen.
Auch junge Kreative setzen auf Dreidimensionales, etwa Galib Gassanoff, Gründer von Institution, der in Mailand auffiel. Handgewebte Stoffe aus Baumwollschnürsenkeln verweisen subtil auf die Teppichkunst seiner Heimat, ohne folkloristisch zu wirken. Weiche Formen stützen gezielt den Körper. Seit 2024 lotet er mit seinem Soloprojekt Mode als soziales und künstlerisches Ausdrucksmittel aus.
Von Mailand bis Paris bleibt es ein Laufsteg vielfältiger Konzepte. Und immer deutlicher wird, wie sehr sich die Grenzen zwischen Kunst, Kleidung und Konzept verschieben.