Zum Inhalt springen
© Foto beigestellt

Wo die Buchstaben wohnen

Architektur
Interior Design
Residences

Bibliotheken, Büchereien und Buchhandlungen sind die neuen Wohnzimmer der Stadt. Während die Welt mit TikTok und Onlineplattformen immer schnelllebiger wird, bemühen sich die öffentlichen Buchhäuser mit architektonischen Wow-Effekten um neues Lesepublikum.

Binhai Library, Tianjin

Das Titelbild zeigt die öffentliche Binhai Library in Tianjin – eine atemberaubende, topografisch geformte Leselandschaft, entworfen vom Rotterdamer Architekturbüro MVRDV im Rahmen eines 120.000 Quadratmeter großen Masterplans von GMP. Willkommen in einer Bibliothek, rund 150 Kilometer von Peking entfernt, die Teil eines neuen Kultur- und Bildungszentrums ist und direkt an ein weitläufiges Auditorium mit Musik- und Theaterbühne anschließt.

»Das Innere der Tianjin Binhai Library wirkt fast wie eine Höhle, wie ein ewiges, niemals endendes Bücherregal«, beschreibt Winy Maas, Mastermind von MVRDV. »Wir haben uns entschieden, die Regale und Sitzbereiche wie eine Topografie zu formen – wie Höhenschichtlinien, die das Gebäude in rhythmischen Sequenzen aushöhlen und zahlreiche Gelegenheiten zum Suchen, Recherchieren und genüsslichen Hineinlesen bieten.«

Oodi Helsinki Central Library
Als eines der »offensten, freundlichsten Gebäude in Helsinki« bezeichnet Antti Nousjoki, Partner bei ALA Architects, die neue Oodi-Bibliothek in der finnischen Hauptstadt.

ala.fi, oodihelsinki.fi

© MVRDV/Ossip van Duivenbode, kuvaajan nimi

Ein Bücherregal mit 34 Regalfächern, weich geschwungen übereinander­liegend, manche davon echte Tablare mit Lektüren zum Angreifen und Hineinschmökern, andere wiederum eher visueller Natur mit hineingeklebten Foto­tapeten, um einen viel belesenen Eindruck zu vermitteln.

Und als wäre man – wie Alice im Wunderland – in einen verschlungenen Kaninchenbau hineingefallen, tanzen die Regalböden mit kleinen Sitz- und Trittstufen mal einladend nach vorne, nehmen sich dann auch wieder ausladend zurück, indem sie über den Besucher:innen kopfüber in den Raum hineinragen und die Sehnsucht nach den Buchstaben der Fantasie überlassen.

Oslo Public Library
Die beiden Büros Atelier Oslo und Lundhagem Architects haben eine abgetreppte, polygonale Leselandschaft aus Teppich, Holz und Leder geschaffen.

atelieroslo.no, lundhagem.no

© Lukas Schaller, beigestellt

Dank TikTok, Onlinezeitungen und anderen schnell verfügbaren Content-Plattformen, erzählt Maas, habe sich das Leseverhalten weltweit radikal verändert. »Die Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass viele Leute überhaupt keine Bücher mehr lesen. Also müssen wir alles Mögliche unternehmen, damit das Lesen wieder aufregend wird. Wir müssen das Buch inszenieren und den physischen Ort, wo die Bücher zu Hause sind, so attraktiv gestalten, dass er mit Kinos, Theatern, Casinos, Einkaufszentren und Entertainment-Parks mithalten kann.« Im Vordergrund, so der Architekt, steht die Schaffung eines urbanen Wohnzimmers für alle. Die Vermittlung von Wissen, Medien und Literatur sei quasi eine durchaus erwünschte Nebenwirkung.

 

Cloudscape of Haikou
Da sind wir also wieder bei »Alice im Wunderland«: Wie ein Wurmloch, wie eine organische Skulptur wirkt diese Bibliothek von MAD Architects auf der chinesischen Insel Hainan.

http://i-mad.com

© Lukas Schaller, beigestellt

An genau dieser Schnittstelle zwischen Wohnzimmer und Instagram-Fotospot-Abenteuer ist in den letzten Jahren weltweit eine Vielzahl an Bibliotheken, Büchereien und Buchhandlungen entstanden, die dem Klischee von alten, verstaubten, schmuddeligen Bücherarchiven eine ordentliche Portion Humor, Gemütlichkeit und Überraschungsmoment entgegenstellen. Einige dieser Projekte – ob in China, Taiwan, Oslo, Helsinki oder irgendwo in Upstate New York – wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Cornell University Library, Ithaca, New York
Der Wiener Architekt Wolfgang Tschapeller hat die Universitätsbibliothek in New York als moderne Neuinterpretation der klassischen Lesehalle gestaltet.

tschapeller.com

© Lukas Schaller, beigestellt

Die ebenfalls chinesische Buchhandlungskette Zhongshuge beispielsweise setzt schon seit langer Zeit auf den architektonischen Wow-Effekt und lässt all ihre Filialen vom Shanghaier Büro X+Living Architecture and Interior Design gestalten. Entstanden sind zum Teil wahnwitzige Räume mit Spiegelungen, Perspektiven und Beleuchtungseffekten, die dafür sorgen, dass die Bookstores in Peking, Shanghai, Shenzhen, Hangzhou und Chongqing auf Tripadvisor und Lonely Planet regelmäßig als Sightseeing-Hotspot gelistet werden. Die jüngste Filiale, zufälligerweise ebenfalls in Tianjin beheimatet, ist sogar für den Brick Award 2026 nominiert.

Zhongshuge Bookstore, Tianjin
Die chinesische Buchhandlungskette Zhongshuge setzt schon seit vielen Jahren auf die Architektur: Die jüngste Filiale von X+Living Architecture and Interior Design ist eine mystische Collage aus Licht, Büchern und rund 400.000 Ziegeln.

xl-muse.com

© Lukas Schaller, beigestellt

Was von außen wirkt wie ein prächtiger Palazzo aus traditionell rotem Backstein, entpuppt sich im Inneren als dreigeschoßiges Raumkontinuum mit Säulen, Konsolen, Gesimsen, Wendeltreppen und kilometer­langen Bücherregalen, die so irritierend sind, dass man bisweilen das Gefühl hat, in einer Zeichnung von M. C. Escher gefangen zu sein. Insgesamt wurden bei diesem Projekt rund 400.000 Ziegel verbaut. »Ich wollte einen dunklen, mythischen, abenteuerlichen Ort schaffen, der aus Licht, Ziegel und Büchern besteht«, sagt Li Xiang, Gründerin und Geschäftsführerin von X+Living, »und den Menschen auf diese Weise das Lesen wieder emotional näherbringen.«

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 9/2025

Zum Magazin

Wojciech Czaja
Mehr zum Thema
1 / 12