Wo die Buchstaben wohnen
Bibliotheken, Büchereien und Buchhandlungen sind die neuen Wohnzimmer der Stadt. Während die Welt mit TikTok und Onlineplattformen immer schnelllebiger wird, bemühen sich die öffentlichen Buchhäuser mit architektonischen Wow-Effekten um neues Lesepublikum.
Binhai Library, Tianjin
Das Titelbild zeigt die öffentliche Binhai Library in Tianjin – eine atemberaubende, topografisch geformte Leselandschaft, entworfen vom Rotterdamer Architekturbüro MVRDV im Rahmen eines 120.000 Quadratmeter großen Masterplans von GMP. Willkommen in einer Bibliothek, rund 150 Kilometer von Peking entfernt, die Teil eines neuen Kultur- und Bildungszentrums ist und direkt an ein weitläufiges Auditorium mit Musik- und Theaterbühne anschließt.
»Das Innere der Tianjin Binhai Library wirkt fast wie eine Höhle, wie ein ewiges, niemals endendes Bücherregal«, beschreibt Winy Maas, Mastermind von MVRDV. »Wir haben uns entschieden, die Regale und Sitzbereiche wie eine Topografie zu formen – wie Höhenschichtlinien, die das Gebäude in rhythmischen Sequenzen aushöhlen und zahlreiche Gelegenheiten zum Suchen, Recherchieren und genüsslichen Hineinlesen bieten.«
Ein Bücherregal mit 34 Regalfächern, weich geschwungen übereinanderliegend, manche davon echte Tablare mit Lektüren zum Angreifen und Hineinschmökern, andere wiederum eher visueller Natur mit hineingeklebten Fototapeten, um einen viel belesenen Eindruck zu vermitteln.
Und als wäre man – wie Alice im Wunderland – in einen verschlungenen Kaninchenbau hineingefallen, tanzen die Regalböden mit kleinen Sitz- und Trittstufen mal einladend nach vorne, nehmen sich dann auch wieder ausladend zurück, indem sie über den Besucher:innen kopfüber in den Raum hineinragen und die Sehnsucht nach den Buchstaben der Fantasie überlassen.
Dank TikTok, Onlinezeitungen und anderen schnell verfügbaren Content-Plattformen, erzählt Maas, habe sich das Leseverhalten weltweit radikal verändert. »Die Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass viele Leute überhaupt keine Bücher mehr lesen. Also müssen wir alles Mögliche unternehmen, damit das Lesen wieder aufregend wird. Wir müssen das Buch inszenieren und den physischen Ort, wo die Bücher zu Hause sind, so attraktiv gestalten, dass er mit Kinos, Theatern, Casinos, Einkaufszentren und Entertainment-Parks mithalten kann.« Im Vordergrund, so der Architekt, steht die Schaffung eines urbanen Wohnzimmers für alle. Die Vermittlung von Wissen, Medien und Literatur sei quasi eine durchaus erwünschte Nebenwirkung.
An genau dieser Schnittstelle zwischen Wohnzimmer und Instagram-Fotospot-Abenteuer ist in den letzten Jahren weltweit eine Vielzahl an Bibliotheken, Büchereien und Buchhandlungen entstanden, die dem Klischee von alten, verstaubten, schmuddeligen Bücherarchiven eine ordentliche Portion Humor, Gemütlichkeit und Überraschungsmoment entgegenstellen. Einige dieser Projekte – ob in China, Taiwan, Oslo, Helsinki oder irgendwo in Upstate New York – wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Die ebenfalls chinesische Buchhandlungskette Zhongshuge beispielsweise setzt schon seit langer Zeit auf den architektonischen Wow-Effekt und lässt all ihre Filialen vom Shanghaier Büro X+Living Architecture and Interior Design gestalten. Entstanden sind zum Teil wahnwitzige Räume mit Spiegelungen, Perspektiven und Beleuchtungseffekten, die dafür sorgen, dass die Bookstores in Peking, Shanghai, Shenzhen, Hangzhou und Chongqing auf Tripadvisor und Lonely Planet regelmäßig als Sightseeing-Hotspot gelistet werden. Die jüngste Filiale, zufälligerweise ebenfalls in Tianjin beheimatet, ist sogar für den Brick Award 2026 nominiert.
Was von außen wirkt wie ein prächtiger Palazzo aus traditionell rotem Backstein, entpuppt sich im Inneren als dreigeschoßiges Raumkontinuum mit Säulen, Konsolen, Gesimsen, Wendeltreppen und kilometerlangen Bücherregalen, die so irritierend sind, dass man bisweilen das Gefühl hat, in einer Zeichnung von M. C. Escher gefangen zu sein. Insgesamt wurden bei diesem Projekt rund 400.000 Ziegel verbaut. »Ich wollte einen dunklen, mythischen, abenteuerlichen Ort schaffen, der aus Licht, Ziegel und Büchern besteht«, sagt Li Xiang, Gründerin und Geschäftsführerin von X+Living, »und den Menschen auf diese Weise das Lesen wieder emotional näherbringen.«