Trinkgeld gehört in der Gastro zum Alltag – und ist seit 2026 neu geregelt.
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Österreichs neue Trinkgeld-Regelung: So bewährt sich die Pauschalierung
Schweigen zum Schmattes: Das diskrete »Danke« beim Zahlen wurde bundesweit normiert, die neue österreichische Trinkgeldpauschale ist in Kraft. Ein PROFI-Rundruf zeigt die Probleme auf.
von redaktion
28. Juni 2026
TEXT Nicole Schlaffer
Trinkgeldgeben war in Österreich einmal die letzte analoge Geste im Lokal: Ein Schein unter der Rechnung oder ein paar Münzen sagten Danke für eine gelungene Einkehr. Seit 1. Jänner 2026 ist daraus ein Fall für Pauschalen, Sozialversicherung und Verordnungstexte geworden. Zur Erinnerung: Steuerfrei bleibt das Trinkgeld weiterhin, in der Sozialversicherung gilt es aber als »beitragspflichtiges Entgelt Dritter«.
Vor allem gibt es statt eines föderalen Fleckerlteppichs nun bundesweit einheitliche Sätze. Für Service-Mitarbeiter mit Inkasso sind 2026 65 Euro/Monat als Bemessungsgrundlage angesetzt. Gastromitarbeiter ohne Inkasso – etwa Köche – werden mit 45 Euro eingestuft, Lehrlinge mit 20 Euro monatlich. Bis 2028 steigt diese Pauschale stufenweise weiter an; am Ende liegt die Bemessungsgrundlage dann bei 100 Euro monatlich für Zahlkellner.
Weniger netto, mehr Diskussion
Auf dem Papier klingt das zwar nach Ordnung, in der Praxis erzeugt es oft Stirnrunzeln. PROFI hat sich von Ost bis West in der Branche umgehört. Auffällig dabei: Nicht alle wollen offiziell etwas sagen. Sei es, weil das Thema gerade Lohnverrechnung und Personalgespräche berührt. Andere, weil man bei Trinkgeld, »Tronc« (= anteiliger Trinkgeld-Pott) und Kartenzahlung Grauzonen befürchtet. Was fast alle vereint: Die Unsicherheit, die von der Politik offiziell für beendet erklärt wurde, ist noch da.
Johannes Pfefferkorn, Hotelier in Lech/-Arlberg, sagt ohne Umschweife: »Trinkgeld ist eine freiwillige Leistung«. In seinen Häusern sei der Ärger daher groß, weil auch Beschäftigte mit der Pauschale konfrontiert seien, die klassischerweise kein Trinkgeld bekommen – etwa in der Wäscherei, dem Backoffice oder der Reservierung. Auch sie müssten durch »ständiges Zettelunterschreiben nachweisen, dass sie kein Trinkgeld erhalten haben«. Doch ein Prüfer könnte laut Pfefferkorn trotzdem willkürlich infrage stellen, »dass die Klofrau kein Trinkgeld bekommen hat und dann trotzdem eine Nachzahlung verhängen«.

Als Kernvorwurf sieht der »Krone von Lech«-Betreiber, dass für einige Beschäftigte weniger netto herauskomme. Am Ende lande die Diskussion so wieder beim Unternehmer. Denn der müsse Lohn ausgleichen. »Im Grunde ist das wie die Einführung einer zusätzlichen Steuer für die Gastronomie«, definiert Pfefferkorn das neue Modell aus seiner Sicht.
Neue Begehrlichkeiten befürchtet
Dass die Regelung systemisch sauber aussieht, im Alltag aber Auswirkungen auf den Lohnzettel hat, bestätigen auch andere Kollegen. Etwa der Wiener Gastro-Unternehmer mit mehreren Betrieben, der anonym bleiben möchte, aber die Relation vermisst. »Die 65-Euro-Monatspauschale ist in manchen Betrieben weniger als das, was ein Kellner an einem einzigen Tag an Trinkgeld bekommt«. Seine eigentliche Sorge gilt daher möglichen Begehrlichkeiten des Staates. Denn je mehr mit Kreditkarten bezahlt werde, desto sichtbarer werde auch das Trinkgeld. »Wenn das transparenter wird, wie lange dauert es dann, bis der Staat versucht, Trinkgeld doch als Einkommen zu behandeln?«
Der Anlassfall, der zur Neuregelung geführt hat, bestärkt diese Unsicherheit. Bekanntlich wurde 2025 ein Salzburger
Gastronom im Zuge der Betriebsprüfung zur Nachzahlung von 100.000 Euro aufgefordert. Die rückwirkende Sichtbarkeit von Trinkgeld bei Kartenzahlung legte dies für die Behörde nahe. Kein Wunder, dass ein Kärntner Branchenvertreter davon sprach, man greife damit den Beschäftigten »in die Geldbörse«.
Auf Arbeitnehmerseite klingt das naturgemäß anders: Gewerkschaft und ÖGB verweisen darauf, dass die neue Pauschale Pension, Krankengeld und Arbeitslosengeld erhöht und Trinkgeld weiterhin steuerfrei bleibt. Für viele Beschäftigte sei Trinkgeld eben nicht bloß ein nettes Extra, sondern ein fixer Teil des Einkommens. Und dieser sei bisher zu wenig sozial abgesichert gewesen.

Keine »Lex Gastronomiae«!
Damit spricht man auch den Vorwurf an, das Grundproblem sei nicht die Pauschale, sondern die generell niedrigen Löhne. Für die Gewerkschaft trägt das Trinkgeld in Österreich vielerorts mehr zum Auskommen bei, als es eigentlich tragen sollte. Eine andere Perspektive hat Isabell Graf, Mitarbeiterin eines Drei-Sterne-Hotels in Obertauern: In ihrem Betrieb wird Trinkgeld gesammelt und »am Ende der Saison als zusätzlicher Betrag ausgezahlt«. Die Verteilung erfolge transparent und basiere auf den tatsächlich geleisteten Arbeitstagen, unabhängig von der Tätigkeit.
»Die Stimmung hinsichtlich der neuen Regelung ist zurückhaltend. Gleichzeitig begrüßen wir die Bereitschaft der Geschäftsführung, uns das Trinkgeld, das wir direkt von den Gästen erhalten, weiterhin zu überlassen, sowie die zusätzliche Anerkennung am Saisonende«. Für Graf ist damit auch klar, dass Trinkgeld freiwillig bleiben soll. »Es darf nicht als Bestandteil des Lohns betrachtet werden«.

Dass es Verunsicherung um das »Trinkgeld neu« gibt, weist das Finanzministerium aber zurück. Sprecherin Miriam Koch verweist auf die Rechtssicherheit durch die einheitliche Regelung. Das Trinkgeld bleibe steuerfrei, die einzigen Steigerungen seien bis 2028 festgelegt: »Es ist also alles geregelt und es denkt niemand daran, das zu ändern«. Zudem gelte die Versicherungspauschale nicht nur für Gastronomie und Hotellerie, sondern erfasse auch Branchen wie Kosmetik, Massage, Personenbeförderung oder Friseure. Offizielle Lesart: weniger Wildwuchs, weniger Nachforderungen!
Wie macht man es richtig?
In den Lokalen, Hotels und Küchen dieses Landes befürchtet man dennoch eine neue Runde in dieser Debatte. Vor allem zeigen sich die Befragten gespalten: Man will keine neue Bürokratie, aber auch keine Nachzahlung. Man sucht Fairness für Beschäftigte, möchte aber keine zusätzliche Last für Betriebe, die ohnehin mit Kosten, Personalmangel und Inflation kämpfen.
Vielleicht erklärt das die eigentümliche »Schmattes-Omertà«: Man redet vielleicht über die 65 Euro, es geht aber um mehr – Anerkennung etwa. Aber auch die Frage, wie viel Staat in einem »Danke« stecken darf.
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