Itshe Petz und Io Tondolo © Thomas Galli-Magerl
»Die ganze ›Absteige zur bärtigen Therese‹ ist ein queerer Raum«
Im steirischen Trahütten hat mit der »Absteige zur bärtigen Therese« vergangene Woche Österreichs erstes dezidiert queeres Hotel aufgesperrt. PROFI hat sich mit den Betreibern Itshe Petz und Io Tondolo zum Interview getroffen.
von Alexander Schöpf
15. Februar 2024
Die »Absteige zur bärtigen Therese« ist ein besonderes Hotel. Das Haus, das vergangenes Wochenende im beschaulichen Trahütten in der Weststeiermark (Bezirk Deutschlandsberg) aufgesperrt hat, ist nämlich Österreichs erstes dezidiert queeres Hotel. Was das konkret bedeutet, erzählen die Betreiber, das Künstler-Duo Itshe Petz und Io Tondolo, im Gespräch mit PROFI. Darüber hinaus verraten sie auch, wie sie in der Dorfgemeinschaft aufgenommen wurde, warum im Garten ein »Love Tempel« steht, was das Hotel von anderen unterscheidet, die sich als »LGBTIQ+ Friendly« bezeichnen und geben noch viele spannende und interessante Einblicke.
PROFI: Sie beschreiben die »Absteige zur bärtigen Therese« als Österreichs erstes dezidiert queeres Hotel. Wie äußerst sich diese dezidierte Queerness konkret und was unterscheidet das Haus von anderen, die sich als »LGBTQ-freundlich« bezeichnen?
Itshe Petz: Der Unterschied beginnt schon bei uns selbst, wir als Itshe und Io sind queer und treten täglich seit sechs Jahren als gleich gekleidete nonbinäre Dragkings auf. Allein der Alltag im Hotel verändert sich durch unsere Präsenz. Dazu kommt, dass unsere Kunst überall im Haus hängt, die sich mit queeren Themen auseinandersetzt. Das ganze Haus ist ein queerer Raum und im unterschied zu LGBTIQ+ Friendly bezeichnen wir uns eher als heterofriendly.
Io Tondolo: Es geht aber noch weiter als das – zum Beispiel bei der Auswahl unserer Lieferant:innen. So haben wir eine wunderschöne Selektion von Weinen queerer Winzer:innen wie Simona Meier, von der Vogelweide, Doktor Wunderer, Holder Hagen, uvm. Selbst Säfte, Eier und das berühmte steirische Kernöl beziehen wir vom »Thonjörgl«, einem Hof, betrieben von zwei queeren Bauern.
Wann und wie ist die Idee dazu entstanden und was waren die größten Hürden und Herausforderungen bei der Umsetzung?
Petz: Wir arbeiten in unserer künstlerischen Praxis seit Jahren mit queerem, performativem Raum in der Stadt und hier am Land tauchte sofort die Frage auf was könnte ein queerer Raum am Land sein? Und diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, da wir (queere Menschen – Anm. d. Red.) Jahrhunderte in unserem Sein unterdrückt wurden und gerade mal anfangen krabbeln zu lernen, und das ist wirklich nicht leicht, da wir ja gleich Gefahr laufen von der Heterokultur assimiliert zu werden. Die Frage, was ein queeres Hotel ist, können wir nicht final beantworten, sondern uns nur auf einen Prozess einlassen, Erfahrungen sammeln, wie die Bedürfnisse unserer Gäste das Hotel verändern werden.
Wie sind Sie auf den Standort Trahütten (Steiermark) gekommen? Auf den ersten Blick wäre es doch naheliegender so ein Projekt im urbanen Raum zu starten.
Petz: Das Haus ist schon lange im Familienbesitz, Io’s Großmutter hatte den Traum einen Gasthof aufzubauen und erwarb die »Villa Therese« in den 1960er Jahren und betrieb diesen bis zu ihrem Tod 2003. Maria Lernpeiss hatte schon früh erkannt, dass ihr Enkel Io Tondolo Talent für die Gastronomie hatte. Vor ihrem Tod hat sie sich gewünscht dass ihr Enkel das Haus bekommt und weiterführt. Doch wie es so ist, haben die Verwandten das anders gesehen und das führte leider zu jahrzehntelangen Streitereien. Bis wir uns dann Ende 2019 dazu entschieden, die Verwandten auszuzahlen und das Haus zu übernehmen.
Natürlich spielt sich queeres Leben in Großstädten ab, aber das eben aus einem einfachen Grund: Am Land war es unmöglich, als queerer Mensch zu leben, wir mussten alle flüchten. Die Gesellschaft befindet sich diesbezüglich im Wandel und immer mehr queere Menschen gehen zurück aufs Land. Und genau deshalb sind wir hier auch richtig – »Reclaiming the Land«.

Haben Sie vor der Eröffnung der »Absteige« jemals in der Gastronomie bzw. Hotellerie gearbeitet?
Petz: Da sind die Wege bei uns Beiden unterschiedlich. Ich habe mit 16 angefangen in der Dorfdisko im hessischen Wörsdorf Gläser zu spülen, dann ging es weiter mit Bewirtung in einem Musical-Theater, Mittagstisch kochen in einem sozioökonomischen Betrieb in Irland. In Berlin hab ich in queeren Bars gekellnert. Das waren alles Nebenjobs um Zeit zu haben für Ausbildung und Kunst schaffen. So war das auch bei meiner Ankunft in Wien, da habe ich im AKH gearbeitet und die Patienten mit Essen und Getränken versorgt. Meine erste Berührung mit der Hotellerie hatte ich in Wien. Dort habe ich gemeinsam mit Lukas Böckle von der Leerstandsagentur »Nest« und anderen Künstler:innen ein Zinshaus temporär zu einem Kunsthaus mit Zimmern für Tourist:innen umgestaltet. Wir haben dann auch geputzt, Betten gemacht und das Check-in betreut. Eine großartige Erfahrung.
Tondolo: Ich hingegen habe seit meiner Jugend in den Ferien im Gasthaus der Oma mitgearbeitet und dann in der Oberstufe meinen handwerklichen Schwerpunkt Kochen gewählt. Nach der Schule und während des Studiums habe ich in verschiedenen Lokalen gearbeitet und viele Caterings gemacht. Mein Diplom an der Akademie der bildenden Künste in Wien war eine kulinarische Inszenierung, die ich dann in einer Ausstellung forensisch erfahrbar machte. Von 2014 bis 2017 habe ich gemeinsam mit einem steirischen Winzer ein veganes Pop-up-Buschenschank-Konzept entwickelt und betrieben, wo wir Wein, Kunst und Kulinarik zu einem ganz besonderen Erlebnis verschmelzen ließen.
Wie wird die »Absteige zur bärtigen Therese« von der einheimischen Bevölkerung angenommen?
Tondolo: Wir würden in Trahütten sehr herzlich aufgenommen und fühlen uns als Teil der Dorfgemeinschaft. Mit unserem Kulturverein »kulturfrische Trahütten« Organisieren wir gemeinsam mit allen lokalen Akteur:innen zwei Flagship-Festivals im Jahr: die »almfrische« (ende Mai / anfang Juni) und die »winterfrische«. Kulturevents mit Kunsthandwerksmarkt, Ausstellungen, Kulinarik, Literatur, Kinderprogramm und vielem mehr. Über den Sommer gibt es dann auch noch die monatliche Salon-Konzertreihe »klangfrische« an verschiedenen Spielstätten in Trahütten.
Das Konzept des Hotels ist als Wochenendbetrieb von Freitag bis Samstag angelegt. Dazu soll es spezielle Veranstaltungen geben. Können Sie sich auch vorstellen, wenn das Haus entsprechend gut ausgebucht ist, durchgehend geöffnet zu haben?
Petz: Wir haben schon Anfragen von Gästen, die gerne länger bleiben möchten, wo auch grundsätzlich nichts dagegen spricht. Wir können unter der Woche allerdings noch nicht den Service anbieten wie an den Wochenenden, dafür gibt es eine kleine Gästeküche für Selbstversorgung. Sollten die Anfragen mehr werden, planen wir eine Logistik dahingehend aufzubauen. Wir wollen aber auch weiterhin als Künstler:innen aktiv sein und unsere Designagentur möchten wir auch weiterführen. Das wird also ein Balanceakt, alle Herzensprojekte unter einen Hut zu bringen.
Die »Absteige« ist ein »adults-only«-Hotel. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Tondolo: Das war für uns von Anfang an klar. Das mag mit unserer persönlichen Präferenz zu tun haben aber auch durch Gespräche mit Freund:innen die Kinder haben und sicher immer gerne mal eine Auszeit ohne Kinder gönnen wollen. So verstehen wir uns eher als ein Spielplatz für Erwachsene, abgesehen davon gibt es wundervolle Familienhotels in der Region, die darauf ausgelegt sind und das viel besser können als wir.
Welche Veranstaltungen wird es in den kommenden Wochen und Monaten geben?
Tondolo: Jetzt am kommenden Wochenende, 16. bis 18. Februar 2024, gibt es ein Valentinstag-Spezial nur für Männer, danach gibt es die Winter-Retreat Wochenenden offen für alle »queers & allies« (Die ganze Vielfalt der LGBTQIA+ Community und nicht-queere Personen, die der queeren Community positiv gegenüberstehen, sind in der »Absteige zur bärtigen Therese« herzlich willkommen.) optimal, um sich eine kurze Auszeit zu gönnen, vielleicht ein bisschen Skifahren auf der Weinebene oder eine Schnee-Wanderung auf die Berghütte zu machen.
Zum Weltfrauentag gibt es vom 8. bis 10. März 2024 ein Wochenende nur für Frauen und weiblich gelesene Personen. An Ostern zum Abschluss der Winterspielzeit gibt es dann noch mit »Bears and Bunnies« ein weiteres Men-only Wochenende. Ab Christi-Himmelfahrt im Mai beginnt dann die Spielzeit »Frühling-Sommer«, das Programm steht soweit und geht nächste Woche online.
Ist es auch möglich, die »Bärtige Therese« für Events oder Partys zu mieten?
Petz: Natürlich ist das auf Anfrage möglich, wir hatten bereits mehrere private Veranstaltungen sowie Firmen-Klausuren. Während der Spielzeiten halten wir auch ein Paar Wochenenden unter dem Titel »Community Getaway« frei, wo dann die Therese von einer Gruppe bzw. einem Freundeskreis ab zehn Personen exklusiv gebucht werden kann.
Gibt es über Sie beide hinaus noch weitere Mitarbeiter:innen oder ist die »Absteige zur bärtigen Therese« eine reine Zwei-Leute-Show?
Petz: Jetzt zu Beginn haben wir alles so aufgebaut, dass wir den Betrieb zu zweit schaffen können. In weiterer Folge wollen wir uns schon Mitarbeiter:innen aufbauen, die uns unterstützen.
Io Tondolo, Sie fungieren auch als Chefkoch und haben nach eigenem Bekunden bei seiner Großmutter am Küchenherd im Gasthaus kochen gelernt. Wie sieht das kulinarische Angebot in der »Therese« aus und was sind Ihre Signature-Dishes?
Tondolo: Grundsätzlich suche ich nach Authentizität in der Küche, das beginnt für mich mit der Qualität der Zutaten bzw. Produkte, mit denen ich koche. Seit wir hierher gezogen sind, »scouten« wir die Umgebung ab nach tollen Produzent:innen, um unseren Gästen kulinarisch regionale, ökologisch nachhaltige und authentische Genüsse auf den Teller zu bringen. Mit der italienischen Familie mütterlicherseits und der österreichischen Familie väterlicherseits verbinden sich viele Einflüsse in meinem Kochen. Auch die Schulzeit in Straßburg hat mich sehr geprägt was das angeht, so durfte ich dort die französische Lebenskultur kennenlernen. Hier in der »Therese« geht es mir darum, unsere Gäste zu verwöhnen und auch nach Möglichkeit auf Ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen, weil das auch Teil der Erfahrung sein soll.
Im Garten des Hotels steht ein Wohnwagen, den Sie »Love Temple« nennen. Wie wird in diesem Tempel die Liebe zelebriert?
Petz: Körperlichkeit in der queeren Kultur hat eine ganz andre Tradition als in der Hetero-Kultur, da Körperkontakt jahrhundertelang verfolgt, verboten und bestraft wurde, fand dieser im Geheimen, versteckt und im Dunklen statt. Der Autor Daniel Schreiber spricht in seinem hervorragenden Buch »Allein« über die »Queere Scham«, welche uns queeren Menschen in den Knochen sitzt, da wir in einer queer- und transfeindlichen Gesellschaft aufgewachsen sind. Der »Love Temple« soll ein Ort sein, an dem Gäste einen neuen spielerischen, authentischen Umgang mit ihren Bedürfnissen nach Nähe und Körperlichkeit erleben können. Was sich genau im Wohnwagen abspielen wird, bleibt den Gästen überlassen. Der Raum ist sozusagen ein Kontrapunkt zum besonders in der schwulen Kultur etablierten »Darkroom«.

Sie sind »hauptberuflich« als Künstler tätig und betreiben auch eine gemeinsame Designagentur. Was war Ihnen bei der optischen Gestaltung der »bärtige Therese« wichtig?
Petz: Uns war es wichtig, erstmal viel Zeit im Haus zu verbringen, um die Räume zu verstehen. Auf der Alm spielen die Jahreszeiten eine wichtige Rolle und das Licht, wie es sich zu verschiedenen Zeiten durch das Haus bewegt. Wir haben dann langsam begonnen mit Veränderungen. Einige Möbel haben wir restauriert und andere Materialien im Haus neu zusammengefügt. So wurden aus den Zimmerschränken Betten entworfen oder aus den ganzen Bilderrahmen ein Wandbild im Flur kreiert. Wir versuchen hier nachhaltig zu arbeiten. Der Flair eines Alpenchalets aus den 70iger Jahren wollten wir unbedingt erhalten. Besonders die unterschiedlichen historischen Tapeten haben wir behalten und in Szene gesetzt. In unseren Designprojekten arbeiten wir ähnlich und versuchen unseren Kund:innen beizubringen Materialien weiterzuverwenden und mit lokalen Produzent:innen zu arbeiten.
Könnten Sie sich vorstellen, wenn das »Absteige«-Konzept gut funktioniert, weitere Häuser zu eröffnen oder es als Franchise anzubieten?
Tondolo: Wir denken, dass dieses Konzept sehr stark auf unseren Persönlichkeiten beruht und bedarf ein besonderes Verständnis für queere, also nicht der heteronormativen Norm entsprechende Lebensweisen. Wie weit dieses Konzept auf andere Häuser übertragbar ist, werden wir erst in Erfahrung bringen. Wir würden eher gerne Fortbildungen für Tourismus-Student:innen zum Thema »queer and diversity travel« geben und so unsere Erfahrungen der nächsten Generation mitgeben weil wir auch der Überzeugung sind, dass durch den gesellschaftlichen Wandel auch eine Transformation der Bedürfnisse einhergeht und ein queeres Hotel von der nächsten Generation ganz neu gedacht werden muss.
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