ÖTW Michael Tischler-Zimmermann - Interview Falstaff PROFI

Erster Geschäftsführer: Seit 2024 leitet Tischler-Zimmermann die ÖTW, die sich für die Klassifizierung österreichischer Weinberglagen einsetzt.

© Julius Hirtzberger

Reife statt »Rabatt-itis«, dann klappt es mit den heimischen Lagenweinen!

Bei der Wein-Menge stellte 2024 den schwächsten Jahrgang seit 2010 dar. Zudem brach der Export um 5,1 % ein. Letzterer sieht auch heuer nicht gut aus. Die Gastronomie könnte den Trend wenden, ist ÖTW-Manager Michael Tischler-Zimmermann überzeugt.

von Roland Graf
05. November 2025

Nein, Wein gibt es heute keinen. Der Allerheiligen-Striezel wird von Michael Tischler-Zimmermann mit einem Kaffee begleitet. Und doch steht der Wein von der ersten Sekunde an im Zentrum. Der Vorarlberger hat im März des Vorjahres die Geschäftsführung der Österreichischen Traditionsweingüter (ÖTW) übernommen. Seit mehr als 30 Jahren setzt sich die 1991 gegründete Vereinigung für ein Klassifizierungssystem für die Weinbaugebiete Österreichs ein. Doch aktuell geht es weniger um die rechtlichen Finessen, wie die bisher „private“ Klassifizierung der ÖTW von einem staatlichen System abgelöst wird. Sondern wie die 92 Mitgliedswinzer sich in einem so schwierigen Marktumfeld wie 2025 behaupten. Ein Schluck starker Kaffee kann da nicht schaden!

Falstaff PROFI: Der Wein-Absatz scheint generell im freien Fall zu sein. Wie geht es der ÖTW mit den Lagenweinen, die als Qualitätsspitze zudem auch preislich hoch angesiedelt sind?

Michael Tischler-Zimmermann: Auch wenn die Stimmungslage schwierig ist, was auch spürbar ist, sehen wir positiv in die Zukunft. Weißwein tut sich da auch sicher ein wenig leichter. Aber auch unsere Rotwein-Gebiete – Carnuntum und die Thermenregion – gehören zu den gefragteren Weinen.

ÖTW Michael Tischler-Zimmermann - Interview Falstaff PROFI
Fachliche Expertise gefragt: Tischler-Zimmermann (links) bei der Pressekonferenz der VieVinum. | Christof Wagner

Bei den Burgundern, die südlich von Wien wachsen, ist das nachvollziehbar. Aber Zweigelt als Carnuntumer Hauptsorte hat aktuell eigentlich einen schweren Stand, oder?

Wer Weine mit Charakter macht und jahrelange Erfahrung hat, suchte ja schon länger – seit dem ersten Hitzejahr 2003 – eine Antwort auf wärmere Tage. Die Antworten kommen auch der Zugänglichkeit der Weine entgegen. Der Anspruch an Lagenweine ist ja nicht, „schwierig“ zu sein, sondern der beste Ausdruck des jeweiligen Terroirs. Da hat auch die Naturwein-Szene sicher vieles angestoßen, was auch im Fine Wine-Bereich eine Anwendung fand: Gerbstoff-Strukturen etwa oder frühere Erntezeitpunkte. Zumal ÖTW-Weine in der Regel auch länger lagern als zwei Jahre. Bei unserem jährlichen „Erste Lagen“-Tasting in Grafenegg waren heuer z. B. ein Drittel Weine aus dem Jahrgang 2023 am Start, die jetzt in den Verkauf kommen.

Hat sich damit generell endlich durchgesetzt, die Weine nicht gleich im ersten Jahr nach der Ernte zu öffnen?

Es geht in die richtige Richtung. Denn die Reife findet heute vielfach beim Winzer statt. Weine kommen drei oder gar fünf Jahre nach der Ernte in den Handel. Das tut den Weinen gut und hilft ihnen auch in der Gastronomie immens. Man kommt damit weg von der »Rabatt-itis«. Zudem glaube ich, dass wir kollektiv gelernt haben, dass gereifter Wein einen Komplexitätsgrad höher ist. International etwa ist das gar kein Thema mehr: Da geht es darum, dass der perfekte Wein dasteht. Punkt!

»Weine kommen drei oder gar fünf Jahre nach der Ernte in den Handel. Das tut den Weinen gut und hilft ihnen auch in der Gastronomie immens. Man kommt damit weg von der ›Rabatt-itis‹.«

ÖTW Michael Tischler-Zimmermann - Interview Falstaff PROFI
Tischler-Zimmermann ist gebürtiger Vorarlberger. Heute lebt er in der Weinregion Kremstal. | © Julius Hirtzberger

Sie haben die Gastronomie angesprochen. Weniger gebundenes Kapital durch »late releases« ist super, aber wer erklärt die Weine dann in Zeiten fehlenden Personals?

Das ist sicher ein Thema! Weine brauchen Erklärung, wenn sie sich nicht über die Rebsorte definieren, sondern die Herkunft. Darauf setzen wir auch mit unseren Events wie der »Tour de vin« zu den Weingütern der Mitglieder.

Dem Gast in Österreich, der ja gerne unsere Weine trinkt, helfen diese punktuellen Veranstaltungen aber nur wenig…

Deshalb begrüßen wir es auch, dass die »Österreich Werbung« einen Kulinarik-Schwerpunkt hat. Man hat das Zusammenspiel von Wein und Gastronomie verstanden. Das Erlebnis muss gesamthaft sein, um die Gäste abzuholen!

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Bei Kaffee & Striezel über Wein reden: PROFI-Chefredakteur Roland Graf (links) und Michael Tischler-Zimmermann. | © Ute Watzlawick

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