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Blick über die Plaza del Congreso und dahinter über das Häusermeer

Blick über die Plaza del Congreso und dahinter über das Häusermeer
Foto bereitgestellt

Kulinarischer Aufbruch in Buenos Aires

Argentinien
Reise

Auf Streifzügen durch die argentinische Hauptstadt Buenos Aires stößt man auf eine Millionenmetropole, die seit dem 19. Jahrhundert von unterschiedlichsten Einwanderern intensiv geprägt wurde. Kontrastreich, multikulturell und voller Lebenslust – allen Krisen zum Trotz!

Wie jeden Abend pulsiert das Leben auf der Avenida Corrientes. Gar nicht weit vom Obelisken, dem mächtigen Wahrzeichen von Buenos Aires, strömen Touristen und Einheimische in die vielen Theater, Bars und Restaurants. Sie essen Eis oder flanieren einfach nur auf der Straße im Herzen dieser kosmopolitischen 15-Millionen-Metropole. Zu sehen gibt es einiges. Musiker spielen für ein Zufallspublikum. Drag Queens werben um Gäste für ihre Show. Obskure Straßenkünstler ringen um Aufmerksamkeit. Und mittendrin strahlt ein großes, grelles Neonlichtschild in Rot, Grün, Weiß: »Güerrín«!

Es ist ein Pizzatempel, der ein rauschhaftes Erlebnis verspricht. Dort könnte man im Gedrängel am Eingang ein Stück im Stehen essen. Oder sich für deutlich mehr Ruhe in einen der Speiseräume in den oberen Etagen leiten lassen. Am besten setzt man sich gleich ins Erdgeschoss an einen der kleinen Tische, die eng an eng gestellt sind. Dort hat man freie Sicht auf die Gästescharen, die in einem scheinbar endlosen Strom hineinziehen. Es ist laut, es ist lebendig, fast fühlt man sich wie in einem Fellini-Film, und mittendrin jonglieren die Kellner die üppigen Pizzen durch die Massen. Der Teig ist fingerdick, die obszöne Käseschicht ebenso, darauf kommt noch der Belag. Ein kleines Stück ist im Grunde schon eine ganze Mahlzeit. Doch genauso lieben die Porteños, so nennen sich die Einwohner der Hauptstadt Argentiniens, ihre Version einer traditionellen Pizza.

Neuanfang in der Hafenstadt

Seit 1932 gibt es »Güerrín« genau an dieser Adresse an der Avenida Corrientes 1368. Die italienischen Brüder Franco Malvezzi und Guido Grondona haben damals hier den Steinofen angeheizt. Auch sie gehörten zu der großen Zahl an Einwanderern, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach einem Neuanfang in der Hafenstadt am Río de la Plata landeten. Viele kamen aus Italien, andere aus Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen und Russland. Sie alle hatten unübersehbar einen großen Einfluss auf die Stadt – und haben ihn immer noch: auf die Kultur, die Kulinarik, sogar die Sprache.

Auf Streifzügen durch die Straßen ist all das genauso präsent wie die Vorlieben der Porteños. Sie sind nicht nur süchtig nach Mate, ihrem belebenden Nationalgetränk. Auch den Tango Argentino lieben sie leidenschaftlich. Ganz zu schweigen von den Obsessionen für Fußball und viel, sehr viel Fleisch, das in der ganzen Stadt in den sogenannten Parrillas, den Grillrestaurants, gegrillt wird. Dass man durch die Scheiben mancher Lokale halbe Tiere über dem Feuer hängen sieht, ist keine Seltenheit.

Quirlig und knallbunt

Als in La Boca, dessen Geschichte ebenfalls eng mit italienischen Einwanderern verbunden ist. In dem Viertel im Süden der Stadt wartet bereits Guide Karin Civit Guia an einem Künstlerdenkmal. »Das ist Benito Quinquela, der Van Gogh Argentiniens«, sagt sie zum Beginn des Spaziergangs. »In seiner Freizeit aber hat er gemalt, die armen Leute und ihr Leben hier, impressionistisch und in so vielen Farben wie möglich.« In den 40er-Jahren fing er damit an, auch die Häuser in leuchtenden Farben anzumalen – das wird hier bis heute so gemacht. »La Boca ist zwar nach wie vor ein Armenviertel, aber die Leute hier haben einen großen Stolz«, erklärt die Fremdenführerin auf dem Weg zum Caminito, der heutzutage vor allem tagsüber von Touristen durchströmt wird.

Die grellbunten Häuser aus Wellblech und Holz sind unter der intensiven Sonne Argentiniens schon aus der Ferne zu erkennen. Empfangen wird man von einer Messi-Figur, die auf einem Balkon den WM-Pokal in die Höhe reckt. Davor tanzt ein Tango-Paar für ein paar Pesos der Passanten. In vielen Shops werden Souvenirs, Kitsch und Kunsthandwerkim Überfluss angeboten.

Fußball ist eine Religion

Stöbert man weiter, stößt man, etwas versteckt in einem Garten, auf eine Parrilla, wo gerade alles für den Tag vorbereitet wird. Eine Straße weiter hängen gleich ganze Fleischstücke und Würste im Fenster. Überall stehen schräge Figuren aus Pappmaché – von Evita Perón bis zum kürzlich gestorbenen Papst Franziskus. »Am wichtigsten aber: An jeder Ecke findet man Messi und Maradona«, sagt Karin lachend. Die beiden sind hier schließlich Götter. Fußball ist die Religion. Und die Traditionskneipe »La Perla« ist einer von zahlreichen Orten in Argentinien, wo dieser Glaube innig praktiziert wird.

Der Kellner trägt ein Fußballtrikot und Maradona lacht unschuldig von einem Kindheitsfoto über der Bar. Das Epizentrum für Fans erreicht man ein paar Hundert Meter weiter: Das Estadio Alberto José Armando, auch La Bombonera genannt – eine blau-gelbe Pralinenschachtel für 60.000 Fans. Schon wenn man das Stadion von außen sieht, hat man keinen Zweifel daran, wie es sich in kollektiver Ekstase der Boca-Juniors-Fans in einen aufgeheizten Hexenkessel verwandelt.

Bei den Spaziergängen durch Buenos Aires erlebt man auch die anderen Stadtteile mit aufregenden Kontrasten. Zentraler Platz von Buenos Aires etwa ist die geschichtsträchtige Plaza de Mayo, dessen Name an die Mai-Revolution, die Befreiung und die Unabhängigkeit Anfang des 19. Jahrhunderts erinnert. Zum prachtvollen wie eklektischen Ensemble gehören der Präsidentenpalast Casa Rosada, das Rathaus und das frühere Rathaus Cabildo, die Nationalbank und die Metropolitan-Kathedrale.

Uferloses Angebot

Von hier aus kann man in verschiedene Gegenden der Stadt schlendern. Sonntags allerdings gibt es nur eine Richtung: nach San Telmo, einem der ältesten Viertel der Stadt. Die eher schmale, unscheinbare Straße Defensa geht vom Mai-Platz ab, und gleich dort beginnt der berühmteste (Floh-)Markt der Stadt. Tausende Menschen bummeln an diesem Tag über das holprige Kopfsteinpflaster und folgen der langen Markt-Ader mit etwa 300 Ständen. Zum schier uferlosen Angebot gehören Souvenirs und Kunsthandwerk, Antiquitäten und Nippes.

Verführte Sinne

Auf halbem Wege macht man Bekanntschaft mit einer scharfsinnigen Volksheldin mit Wuschelkopf und Schleife im Haar: Mafalda ist eine kluge Sechsjährige aus den gleichnamigen Comics. 1964 erschien die erste ihrer Geschichten, in denen sie über Argentinien und die Welt philosophiert. In San Telmo sitzt sie als Skulptur auf einer Bank und die Leute stehen Schlange, um ein Foto mit ihr zu machen. Schweift man weiter, kommt man an Galerien vorbei und stößt alle paar Meter auf neue Möglichkeiten, etwas essen oder trinken zu gehen. In einigen Shops findet man die typische Karamellcreme Dulce de Leche in etlichen Variationen. In anderen stapeln sich die beliebten Alfajores, diese Doppelkekse mit Füllung dazwischen. Letztlich landet man am zentralen Plaza Dorrego und im quir-ligen Mercado San Telmo. In der historischen Markthalle werden permanent die Sinne verführt. Zwischen all den Obst-, Gemüse- und Fleischständen wird gekocht, gegrillt, gebrutzelt. In der »Choripáneria« landen würzige Chorizos zwischen Brötchenhälften. Choripáns, köstlich! Bei »El Hornero« stehen die Leute für die unwiderstehlichen Empanadas an. Rund 1000 davon kommen hier jeden Tag in den Ofen.

So touristisch das Viertel mittlerweile auch sein mag: Es hat sich das besondere Flair vergangener Zeiten bewahrt. Viele der kleinen Häuser stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Die »Pasaje de la Defensa« war einst das großzügige Zuhause der angesehenen Ezeiza-Familie. Heute findet man in den Höfen originelle Läden und kann in dieser Patina-besetzten Oase bei einem Drink verschnaufen. Ursprünglich war San Telmo ein elegantes Viertel. »Dann kam die Gelbfieberepidemie und die reichen Familien zogen nach Recoleta – die verlassenen Häuser blieben für die Armen«, berichtet Fremdenführerin Karin

Bis heute stehen Recoleta, aber auch Palermo im Norden der Stadt für das wohlhabende, das exklusive Buenos Aires. Recoleta ist dabei so etwas wie die Grande Dame unter den Stadtvierteln. Inmitten von Villen und Wohnhäusern im französischen Stil, vor allem entlang der Avenida Alvear, wähnt man sich fast in Europa. Neoklassizismus. Belle Époque. Kein Wunder, dass der Bezirk gern als Paris Südamerikas bezeichnet wird. Mittendrin liegt der Friedhof des Bezirks, der aber viel mehr ist als nur das: Es handelt sich um eine »Stadt der Toten«, ein steinernes Labyrinth aus Mausoleen, die oft prachtvolle letzte Ruhestätten vieler Berühmtheiten sind. Voll wird es meist an einer Stelle: am Grab von Nationalheldin Evita Perón. Der Friedhof ist bis an seine Mauern umzingelt vom Großstadtalltag und dem satten, süßen, luxuriösen Leben vom Recoleta der Gegenwart: von stylischen Bars bis zu exzellenten Restaurants. Durch all die historischen Gebäude bekommt man einen Eindruck vom Reichtum der Vergangenheit. Der Grund dafür war damals der Rindfleischexport nach Europa.

Zwischen alternativ und luxuriös

Die Stadt hat auch eine andere Seite: Rund um die großen, heruntergekommenen Hafenbecken von Puerto Madero, wo früher Frachter vor Anker lagen, entstand vor einigen Jahren eine schicke Ausgehmeile vor einer modernen Skyline. Von der »Crystal Bar« des Hotels »Alvear Icon« hat man beim Sundowner einen weiten Blick über die alten Hafenkräne und die markante Brückenkonstruktion der weißen Puente de la Mujer bis über die Stadt hinweg.

In den Palermo-Vierteln Soho, Viejo und Hollywood zeigt sich das trendige Buenos Aires zwischen alternativ und luxuriös. Wo einst Che Guevara lebte, pulsiert nicht nur in den Clubs das Nachtleben. Man kann in hippen Boutiquen und Designerläden shoppen, bevor man sich eine der Bars für einen Drink aussucht. Auch das kulinarische Angebot ist hier so spannend wie weltgewandt. Zudem findet man etwa mit dem »Hierro Parrilla« mal ein Grillrestaurant mit stylisch-modernem Ambiente. Zur »El Preferido de Palermo«, eine Eatery des Inhabers des Steakhauses »Don Julio«, lohnt sich der Weg schon wegen des Milanesa und der Charcuterie-Platten.

Ganze Tage kann man schließlich damit zubringen, die traditionellen Kaffeehäuser der Stadt zu entdecken. Bares Notables werden diese mehr als 70 historischen Cafés genannt, die charmante Fluchten aus der Gegenwart und der hektischen Metropole bieten. Ganz gleich, ob man im kleinen »La Giralda« landet und sich bei den eleganten Kellnern Medialunas, argentinische Croissants, bestellt. Oder ob man sich in die Schlange vorm »Tortoni« einreiht und im ältesten Café der Stadt heiße Schokolade mit Churros genießt, die am besten noch gefüllt sind: mit Dulce de Leche, die an den Enden verführerisch heraustropft.

Einzigartige Nostalgie

Etwas ganz Besonderes ist die »Confiteria La Ideal«, die 2022 nach mehrjähriger Schließung in großer Pracht wiedereröffnete. Säulen, Marmor, italienisches Glas, goldene Deckenverzierung, Kronleuchter: Hier gibt es feine Patisserie zu großen Teilen in einem originalen Interieur von 1910.

Einst wurde der Tango Argentino in La Boca und San Telmo erfunden. Heute wird er in der ganzen Stadt gelebt und ist Ausdruck argentinischen Lebensgefühls: auf den Straßen, in Tanzlokalen und in vielen Tango-Shows wie »Michelangelo Legends«. Eine ganz besondere Show sieht und spürt man in der »Bar Sur« in San Telmo. In den 90ern drehte Regie-Ikone Wong Kar-wai hier Szenen des Films »Happy Together«. Die Zeit allerdings war damals in der Bar schon längst stehen geblieben – bis heute. Der Raum ist zudem so klein und die Atmosphäre so intim, dass die Paare bis an die Tische tanzen. Es ist eine zutiefst nostalgische Show voller Melancholie, Schmerz und Leidenschaft, wie man sie womöglich nur in Buenos Aires findet.


Sascha Rettig
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