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Die Provence ist die Hochburg des Rosés – hier wurde nicht nur der Weinstil definiert, sondern auch dessen Vermarktung. Großflaschen sind hier besonders beliebt – etwa bei Hersteller Maison Saint-Aix.

Die Provence ist die Hochburg des Rosés – hier wurde nicht nur der Weinstil definiert, sondern auch dessen Vermarktung. Großflaschen sind hier besonders beliebt – etwa bei Hersteller Maison Saint-Aix.
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Wie Rosé die Weinwelt eroberte

Roséwein
Sommer
Weinbau

Hellfarbenen Wein aus roten Trauben gibt es schon seit Tausenden von Jahren. Während des Booms in den vergangenen 20 Jahren hat sich Rosé von einer Modeerscheinung zu einer eigenständigen, stabilen Kategorie entwickelt.

Um 600 vor Christus erreichten die Phokäer das westliche Mittelmeer und gründeten an der heutigen Südküste Frankreichs die Stadt Massalia – das heutige Marseille, die älteste Stadt Frankreichs. Die Phokäer waren Seefahrer und Entdecker aus Kleinasien, die sich auf ihren Reisen in unbekanntes Terrain wagten. Im Gepäck hatten sie Reben. Dass sie mit den ersten Pflanzungen in der heutigen Provence den Grundstein für eine Weinart legten, die 2600 Jahre später als hip gelten sollte, ahnten sie sicher nicht. Doch ihre Weine waren schon damals hell in der Farbe – denn die Entwicklung der langen Maischegärung und die intensive Extraktion der Farbe aus roten Trauben wurde erst im 17. Jahrhundert entdeckt.

Jahrhundertelang war Rotwein eher hell, nicht dunkler als die dunkelsten Rosés heutzutage. Berühmtestes Beispiel: der im Mittelalter in Bordeaux etablierte Clairet, ein hellroter Wein mit kurzem Schalenkontakt, der in England unter dem Namen »Claret« zur nationalen Obsession wurde. Nach und nach entwickelten Winzer in verschiedenen Regionen ihr eigenes Rezept für Roséwein – in Frankreich in Tavel, der Provence oder dem Anjou, aber auch in Italien. Im Salento wurde 1943 der Grundstein für die ersten ikonischen Marken-Rosés gelegt: Der »Five Roses« gilt als erster in Flaschen gefüllter Rosé Italiens und war schnell ein Kassenschlager, auch in den USA. Gleichzeitig kam der portugiesische Mateus Rosé auf den Markt, der bis in die 1970er-Jahre mit seiner ikonischen Bocksbeutelform die Weinregale der Welt eroberte. Süßlich, millionenfach verkauft und damit auch der Anfang des Reputationsschadens, von dem sich der Stil erst mühsam erholen musste.

Blässe ist Klasse

Die Roséwende nahm in der Provence ihren Lauf. 1985 schlug Winzerin Régine Sumeire vom Château Barbeyrolles als Erste einen radikal anderen Weg ein: Sie vinifizierte einen extrem hellen, fast farblosen, trockenen, eleganten Rosé. Inspiriert von der Champagne setzte sie auf Direktpressung – sofortiges Pressen nach der Ernte, minimaler Schalenkontakt, was in heller, frischer Farbe und klarer Frucht resultiert. Die Provence grenzte sich damit bewusst von den zuckerreichen White Zinfandels und den kräftigen, bisweilen oxidativen Rosés vergangener Jahrzehnte ab. Der heute weltweit imitierte, helle Provence-Stil war geboren.

Ab den 2000er-Jahren wurde daraus ein Weltphänomen. Brands wie Whispering Angel, Domaines OttChâteau Galoupet oder Miraval machten aus dem Weinstil ein Lifestyle-Symbol – Luxus, Leichtigkeit, Sommer in Flaschenform. Gleichzeitig perfektionierten die Provence-Produzenten ihre Kellereien, die meisten davon ausschließlich auf Rosé ausgerichtet, mit einer technischen Präzision, die ihresgleichen sucht. Schnelle, maschinelle Ernte bei kühlen Temperaturen in der Nacht, eine komplett reduktive Arbeitsweise, modernste Pressen mit genau kalkuliertem Schalenkontakt und gekühlte Tanks für eine optimale Reifung – all das gehört heute zum Standard der erstklassigen Rosé-Kellereien. Genauso wie ein zeitgemäßes Marketing, das heute ganz eigenen Regeln folgt – ein Trend beispielsweise sind Rosé-Großflaschen. In einschlägigen Beachclubs gehört es zum guten Ton, den Rosé seinen Gästen aus Großgebinden zu servieren.

Das Ergebnis lässt sich in Zahlen ablesen. Laut dem Observatoire Mondial du Rosé wurden 2023 weltweit 18,5 Millionen Hektoliter Rosé konsumiert – ein stabiler Anteil von rund zehn Prozent am globalen Weinkonsum. Entscheidender ist der Vergleich: Während der Gesamtmarkt der Stillweine zwischen 2019 und 2023 um durchschnittlich 3,8 Prozent pro Jahr schrumpfte, ging der Rosé-Konsum nur um 1,7 Prozent zurück. Die Kategorie verliert also auch – aber deutlich langsamer als der Rest.

Die Roséwende nahm in der Provence ihren Lauf. 1985 entstand der erste hellfarbene, elegante Rosé de Provence.

Methode, Farbe, Charakter

Nicht alle Rosés sind gleich – und das ist der Punkt, der noch heute leider allzu oft untergeht. Grob lassen sich drei Herstellungsmethoden unterscheiden, die direkt auf Farbe und Charakter einzahlen. Die Direktpressung erzeugt die hellsten Weine: zartes Lachsrosa, feine Frucht, lebendige Säure. Bei der Maischestandzeit bleiben die Schalen roter Trauben für einige Stunden im Most – je länger, desto mehr Farbe und Struktur landen im Wein. Das Ergebnis ist ein Rosé mit mehr Substanz, oft kräftigem Kirsch- oder Himbeerrosa, mit mehr Körper und Tiefe. Und dann gibt es noch die Saignée-Methode: Dabei wird einer Rotweinmaische vor der Gärung ein Teil des Safts abgezogen – der Rotwein wird intensiver, der abgezogene Saft zu einem Rosé vergoren. Diese Weine sind häufig konzentriert und charakterstark, gewissermaßen das Nebenprodukt erstklassiger Trauben.

Ist der Hype vorbei?  Nein! Rosé  ist längst keine Modeerscheinung mehr, sondern eine feste Grösse.

Während Rosé in den letzten Jahren für viele nicht hell genug sein konnte, gehen immer mehr Produzenten andere Wege. Das Farbspektrum reicht heute vom fast klaren Blassrosa bis zu sattem Fuchsia oder tiefem Kirschrot. Kräftige, strukturierte Rosés aus dem Languedoc, aus Bandol oder anderen Appellationen zeigen, was die Kategorie stilistisch zu leisten vermag.

Mehr als Apéro

Rosé ist mehr als ein unkomplizierter Aperitif im Sommer. Dieses hartnäckigste aller Rosé-Klischees ist längst passé. Dunklere, strukturiertere Rosés sind ernst zu nehmende Essensbegleiter. Sie funktionieren zu Gerichten, bei denen andere Weinkategorien scheitern – zu Tomate und Aubergine, zu fettem Fisch oder asiatischen Speisen. Besonders bemerkenswert: Rosé gehört zu den wenigen Weinen, die Rohkost – Salate, mariniertes Gemüse, Sushi – nicht nur überstehen, sondern bereichern. Und zur Käseplatte ist ein strukturierter Rosé oft die bessere Wahl als ein Roter mit zu viel Gerbstoff.

Rosé war einmal der Wein, den niemand ernst nahm. Dann wurde er zum Trendgetränk – »Ist der Hype vorbei?«, fragen Weinexperten regelmäßig. Die Antwort ist mittlerweile klar: Nein, Rosé ist keine Modeerscheinung mehr.


Benjamin Herzog
Benjamin Herzog
Chefredaktion Schweiz
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