War Homers »Odyssee« der erste Reiseführer der Welt?
Star-Regisseur Christopher Nolan bringt Homers »Odyssee« auf die Kinoleinwand und lässt eine der berühmtesten Reisen der Literaturgeschichte neu aufleben. Ein guter Anlass, den mythischen Schauplätzen des Epos nachzuspüren: Welche realen Orte vermuten Forscher:innen hinter den Abenteuern des Odysseus?
Christopher Nolans bildgewaltige Verfilmung der »Odyssee« mit Matt Damon als Odysseus und Anne Hathaway als Penelope bringt Homers berühmtes Epos zurück ins Rampenlicht (Kinostart: 16. Juli 2026). Ein guter Anlass, den legendären Schauplätzen der Irrfahrt des Odysseus nachzuspüren. Denn Forschende vermuten, dass sich hinter vielen mythischen Orten reale Landschaften und beliebte Reiseziele rund ums Mittelmeer verbergen – von Sizilien über Djerba bis nach Ithaka.
Der antike Dichter Homer hat die »Odyssee« im 8. Jahrhundert aufgeschrieben. Es ist eine Sammlung von Geschichten, die auf eine lange mündliche Überlieferung zurückgeht. Archäolog:innen und Historiker:innen beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie viel Realität hinter dem Epos steckt. Dabei geht es weniger darum, ob Odysseus tatsächlich existierte, sondern vielmehr darum, welche historischen Ereignisse und realen Orte sich hinter den mythischen Erzählungen verbergen könnten. Fakt ist: Kaum ein Werk der Weltliteratur hat die Reiselust so beflügelt wie Homers »Odyssee«.
Djerba: Die Insel der Lotophagen?
Eine der ersten Stationen auf Odysseus' Heimreise ist die geheimnisvolle Insel der Lotophagen. Dort kosten seine Gefährten von den sagenumwobenen Lotosfrüchten und verlieren jedes Verlangen, ihre Reise fortzusetzen. Viele Wissenschaftler:innen vermuten, so ZDFheute, hinter diesem Schauplatz die tunesische Insel Djerba. Der Grund: Schon in der Antike war hier ein berauschendes Getränk aus den Früchten des Jujube-Baums verbreitet, das den Ursprung der Erzählung erklären könnte. Heute lockt Djerba mit langen Sandstränden, Palmenhainen und orientalischem Flair – ganz ohne die Gefahr, die Heimreise zu vergessen.
Sizilien: Wo der Zyklop Polyphem gelebt haben soll
Zu den bekanntesten Episoden der »Odyssee« zählt die Begegnung mit dem einäugigen Riesen Polyphem. Auch dieser Mythos könnte einen realen Ursprung haben. Auf Sizilien wurden über Jahrtausende hinweg Fossilien prähistorischer Elefanten entdeckt. Deren Schädel besitzen eine große zentrale Nasenöffnung, die für Menschen der Antike wie die Augenhöhle eines riesigen Wesens gewirkt haben dürfte. Manche Forschende sehen darin den Ursprung der Zyklopen-Legende. Rund um den Ätna und an der Ostküste Siziliens finden sich bis heute zahlreiche Orte, die mit Polyphem in Verbindung gebracht werden.
Skylla und Charybdis: Die Meerenge von Messina?
Kaum eine Passage der »Odyssee« ist so sprichwörtlich geworden wie die Fahrt zwischen Skylla und Charybdis. Das sechsköpfige Ungeheuer auf der einen, der alles verschlingende Meeresstrudel auf der anderen Seite – ein scheinbar unüberwindbares Hindernis. Tatsächlich vermuten viele Historiker:innen den Schauplatz in der Straße von Messina, die Sizilien vom italienischen Festland trennt. Die Meerenge ist für ihre starken Strömungen und Wirbel bekannt und wird von markanten Felsformationen gesäumt – ein Naturschauspiel, das den Mythos erstaunlich greifbar erscheinen lässt.
Heimkehr nach Ithaka
Fest steht zumindest eines: Odysseus war König von Ithaka. Die kleine ionische Insel westlich des griechischen Festlands gilt bis heute als Sinnbild für Sehnsucht und Heimkehr. Ob Homers Ithaka tatsächlich mit der heutigen Insel identisch ist oder sich dahinter ein anderer Ort verbirgt, wird in der Forschung zwar kontrovers diskutiert. Für viele Reisende ist Ithaka dennoch der wohl authentischste Ort, um in die Welt der »Odyssee« einzutauchen. Versteckte Buchten, Pinienwälder und kleine Fischerdörfer vermitteln bis heute jene mediterrane Atmosphäre, die das Epos so eindrucksvoll beschreibt.