Weininsel Sizilien: Weg in die Zukunft
Zum 22. Mal wurden während der jährlichen Sicilia en Primeur die neuen Weine präsentiert. In Palermo zeigten 56 der im Consorzium organisierten Weinproduzent:innen über 400 ihrer neuen Weine. Publikum waren mehr als 100 Weinjournalist:innen und erstmals zwölf Reiseveranstalter:innen, die aus der ganzen Welt für fünf Tage nach Sizilien angereist waren.
Die sizilianischen Weinproduzent:innen sind eine bunte Gesellschaft: Kleine Boutiquenweingüter, die pro Jahr gerade mal 50.000 Flaschen produzieren, sitzen im Degustationsraum Tisch an Tisch neben Grossproduzent:innen, die fünf Millionen Flaschen und mehr in die Märkte bringen. An der Qualität der Weine lassen sich die Unterschiede kaum festmachen – das technische Wissen um die moderne Weinproduktion und die in den Kellern installierten Geräte und Behälter sind mittlerweile durchgängig auf modernstem Niveau und erlauben, naturbedingte Einwirkungen oder Zufälle weitgehend auszuschliessen. Das bedeutet aber keineswegs, dass alle Weine ähnlich schmecken oder sich gleichen. Ganz im Gegenteil: Böden und Mikroklimata, Verlauf der Gärung, Hefen und Ausbau und Eingriffe beim Reifungsprozess lassen individuelle Produkte entstehen, deren Tiefe, Stilistik und Gesamtbild typisch sind für ein Weingut und jedem Wein seine unverkennbare spezifische Prägung verleihen.
Das Image der sizilianischen Weine ist aktuell auf einem sehr hohen Level. Die Weine sind auf allen wichtigen Märkten präsent und nachgefragt, die konsequente Strategie von Assovini, nicht nur die Weine sondern die gesamte Insel ganzheitlich unter Einbezug von Kultur, Wein, Kulinarischem und Lebensgefühl zu vermarkten, ist perfekt aufgegangen. In Verbindung mit der vor einigen Jahren geschaffenen Sicilia DOC ist eine klare und sehr gut positionierte Marke entstanden, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Die Absatzmärkte haben sogar selbstbewusste Preissteigerungen mitgetragen, wenngleich mittlerweile die Preise für rare Rotweine und etliche Ätna-Weine weiter abheben. Vor dieser Situation stellt sich nach zwanzig Jahren die Frage, wie und wohin es weitergehen soll?
Die Identität steht, die Qualität ist nur noch partiell zu steigern, die Preise sollten attraktiv und marktfähig bleiben, neue Rebsorten oder Weingebiete wie vor einigen Jahren der Ätna sind nicht in Sicht. Und die Ausflüge in die internationalen Rebsorten wurden vor einigen Jahren zugunsten der charaktervollen einheimischen Sorten grösstenteils abgebrochen. Bleiben eigentlich nur der Eno-Gastronomie-Tourismus und die vielschichtige und durch zahlreiche archäologische Zeugen belegte Vergangenheit Siziliens als strategischer Ausgangspunkt aller grossen Zivilisationen im Mittelmeer: Phönizier, Karthager, Griechen, Römer, Germanen, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer aus Deutschland, Aragonen, Spanier, Savoyer und Habsburger, Bourbonen. 1861 vereinigte Garibaldi Sizilien im neuen Königreich Italien.
In zwölf dreitägigen Weintouren wurde die nationale und internationale Presse durch die Weinbautraditionen aller Regionen (inkl. Pantelleria und Liparische Inseln) geführt. Erstmals beteiligen sich auch zwölf Reiseveranstalter an der Veranstaltung und bestätigten damit die Strategie von Assovini Sicilia, auch den Weintourismus in die Marke zu integrieren. In einer neuen Studie gaben 61,4 Prozent der befragten sizilianischen Weingüter einen Anstieg der Besucherzahlen an, die zu 74,7 Prozent aus dem Ausland, vorwiegend aus Europa und den USA, stammen. Der Weintourismus stellt laut der Studie einen bedeutenden und wachsenden Wirtschaftsfaktor für die sizilianische Weinindustrie dar: Bei 58,3 Prozent der Weingüter macht er inzwischen rund 10 Prozent des Gesamtumsatzes aus – ohne direkten Weinverkauf – während geführte Touren und Verkostungen sich als zunehmend wichtigere Marketinginstrumente erweisen. Übrigens: Zu den Stärken der Weingüter zählt auch Nachhaltigkeit: 86,7 Prozent der Weingüter erzeugen Energie aus erneuerbaren Quellen, 56,2 Prozent decken mindestens 40 Prozent ihres Energiebedarfs mit Ökostrom, 88 Prozent haben Einwegplastik in ihren Gastronomiebetrieben abgeschafft und sieben von zehn Weingütern verwenden bereits leichtere Flaschen.
2004 wurde die erste Veranstaltung Sicily en Primeur in Palermo auf den Weg gebracht. Sie wurde geboren weil sich 1998 drei herausragende Winzer mit Blick für die Zukunft zusammen taten Assovini gründeten. Giacomo Rallo (Donnafugata), Diego Planeta (Settesoli) und Lucio Tasca d'Almerita vom gleichnamigen Weingut. Heute repräsentiert Assovini mehr als 80 Prozent der in Sizilien abgefüllten Flaschen mit einem Exportwert von mehr als 170 Millionen Euro. 50 Prozent werden auf den über 110 ausländischen Märkten umgesetzt. Angeführt von den USA, gefolgt von Deutschland und Grossbritannien. Weil in Sizilien seit mehr als 20 Jahren in nachhaltige Produktionsmethoden investiert wird, liegt die Insel mittlerweile in ganz Italien an der Spitze: 38 Prozent der von Assovini-Produzenten bearbeiteten Weinberge sind bio. 28 Jahre später sind es die Söhne der inzwischen verstorbenen Gründer, die sich in wesentlichen Funktionen bei Assovini oder im Consorzium Vini DOC genauso engagiert um die Zukunft der sizilianischen Weine kümmern: Antonio Rallo, Alessio Planeta, Alberto Tasca d'Almerita.
Im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich eine fantastische Weinvielfalt, die Insel wurde zu einem Rebsorten-Reservat. Zum ersten Mal wurde Sizilien durch den Marsala Wein berühmt, vielen leider nur noch bekannt als aromatisierender, süßer Kochwein. Seit die durch Zugabe von Alkohol stabilisierten Weine aus der Mode gekommen sind, erfreuen sich nur noch eingefleischte Kenner an Portwein, Sherry und Madeira. Vom Glanz jener Jahre zeugen in Trapani nur noch eine Handvoll der einst 200 Marsala-Betriebe, die von Engländern begründet wurden und mit den Weinen hauptsächlich ihre Landsleute in Britannien belieferten. Kenner trinken nicht den mit mosto cotto (gekochtem Traubenmost) und Karamell gesüßten Marsala fine sondern Superiore extra oder die trockenen Vergine oder Vergine extra. Die kosten zwar deutlich mehr, sind aber einzigartig und ausserhalb der Insel kaum zu bekommen. Nicht zu verachten auch die Süßweine von einer der vorgelagerten Inseln Pantelleria oder Lampedusa, z.B. ein sortenreiner Zibibbo (Alexandriner-Muskat) in hochkonzentrierter Süße mit betörendem Duft von Feigen, Aprikosen und Honig. Von den Inseln kommen übrigens auch die feinsten Kapern – eingelegt in körniges Meersalz. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der größte noch produzierende Marsala-Hersteller, Florio, die mehr als einen Kilometer langen Produktionshallen direkt am Wasser von einer eingegangenen Thunfischkonservenfabrik übernommen hat. Auch jenes Gewerbe blühte während vieler Jahre und brachte viel Geld in die Region von Trapani.
Heute glänzt Sizilien mit den roten Sorten Nero d'Avola, Nerello Mascalese (hauptsächlich am Ätna) und Frappato. Bei den weißen Sorten liefert Catarratto frische, knackige Weine, Grillo besticht durch gute Säure und exotische Aromen und Carricante, auch häufig vom Ätna, mineralische und langlebige Weine.