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Wein vom Vulkan

Wein
Weinbau
Italien
Sizilien

Der Ätna auf der Mittelmeerinsel Sizilien ist der aktivste und gefährlichste Vulkan in Europa. Doch dank seiner durch Lava und Asche geprägten, mineral- und nährstoffreichen Böden bauen seit vorchristlicher Zeit Menschen hier Wein an.

Die Verbreitung des Ätna-Weins wuchs mit dem Bau der 1895 eingeweihten Eisenbahn »Circumetnea«. Viele der damals eher belanglosen Weine wurden über Jahre per Tankwagen nach Mittel- und Norditalien verkauft, wo sie dem einen oder anderen Rotwein mehr Statur verliehen. Oder sie landeten im Marsala für die Küche.Anfang der 1960er-Jahre erlebten die Ätna-Weine eine neue Blüte. Auf den verwilderten Terrassen entstanden neue Weingüter mit wurzelechten Rebstöcken, die auf Sand, Asche und Lavaböden die Verwüstungen der 1881 eingefallenen Reblaus überstanden hatten. 1968 entstand eine der ersten Ursprungsbezeichnungen Italiens, die Etna DOC.

Heute bearbeiten um die 200 Weinproduzenten Parzellen auf dem Weingürtel am Ätna, der sich auf 400 bis 1100 Metern Höhe entlang des Kraters erstreckt. Die Rebberge befinden sich auf 133 sogenannten Contraden (Gebiete mit gleichartigen Bodeneigenschaften, am ehesten mit den französischen Crus gleichzusetzen), die am Vulkankegel im Norden bei Randazzo beginnen und im Westen in Sichtweite von Catania enden. Diese erste Karte der Contraden wurde 2022 vorgestellt.Laut Francesco Cambria (Cantina Cottanera), dem derzeitigen Präsidenten des Consorziums Vini Etna DOC, ist die Karte nur der erste Schritt zu einem noch umfassenderen Studienprojekt über das Gebiet. »Wir möchten die Unterschiede der einzelnen Lagen noch stärker herausarbeiten. Bereits seit 2011 dürfen die Weingüter den Namen der Lage aufs Etikett schreiben. Doch bislang fehlt es an wissenschaftlichen Analysen, die Boden, Mikroklima und andere Besonderheiten einer bestimmten Contrada beschreiben«, erklärt er.

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Ziel sei, die genauen Grenzen der bisherigen 133 Contraden sowie die neu hinzugekommenen, die in den kommenden Monaten offiziell eingeführt werden, zu identifizieren und endgültig zu klären. Insgesamt sind es dann 142 Contraden, eingeteilt in vier an den Himmelsrichtungen orientierte Lagen. Die Landschaft um den Ätna ist durch die verwitternde Lava, die einen ausgeglichenen pH-Wert hat, äußersterst fruchtbar und artenreich. In den unteren Zonen bis etwa 1500 Meter wachsen Orangen-, Zitronen-, Oliven-, Feigen- und Pistazienbäume sowie Getreidefelder und Weinberge. Darüber erstreckt sich eine Waldzone bis etwa 2000 Meter. Buchen, Eichen, Birken, Kiefern und Kastanienbäume finden sich hier und der typische Ätnaginster, eine der ersten Pflanzen, die sich auf der verwitternden Lava ansiedeln. Bis etwa 2500 Meter folgt dann eine Zone mit Wacholder- und Sanddornsträuchern, Gräsern, Moosen und Flechten. Die höheren Zonen sind vegetationslos, im Gipfelbereich liegt auch noch im Sommer häufig Schnee.

Die spektakulären Lavaströme, wie zum Beispiel seit Februar 2025, ergießen sich aus Rissen und über 300 Kratern an den Flanken des Berges. Sie können mehrere Kilometer lang werden und suchen sich fast jedes Mal eine neue Strecke. So gibt es Hänge, die häufig von neuen Lavamassen überflossen werden, andere selten oder mehrere hundert Jahre gar nicht. Alter und die dadurch unterschiedliche Vegetation sind die Gründe für die unterschiedlichen Zusammensetzungen der Böden, die manchmal innerhalb weniger Meter sehr voneinander abweichen können. Faktoren, die jede Contrada innerhalb des Ätna-Gebiets nahezu einzigartig machen und ihren Weinen unterschiedliche Nuancen verleihen können.

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Neunzig der im Consorzio di Tutela dei Vini Etna DOC zusammengeschlossenen Weinproduzenten trafen sich im September dieses Jahres zum vierten Mal zu den Etnadays, die diesmal imPicciolo Golf Resort in Castiglione di Sicilia abgehalten wurden. Über 70 Weinjournalisten aus aller Welt degustierten die 500 vorgestellten Weine und besuchten zahlreiche Weingüter für detaillierte Proben. Ein anspruchsvolles, aber perfekt organisiertes Programm. Maurizio Lunetta, Direktor des Consorziums, sieht u. a. auch in der Kooperation mit dem Concours Mondial de Bruxelles eine Bestätigung für das internationale Niveau, das die Weine des Vulkans in der Weinszene mittlerweile erreicht haben. Folgerichtig wurde in Rom der Antrag gestellt, den Weinen vom Ätna (oder Mongibello, wie ihn die Einheimischen nennen), die nächste Qualitätsstufe, die DOCG, zuzuerkennen.

Das Ätna-Weingebiet umfasste im Jahr 1848 noch unglaubliche 26.000 Hektar. Anfang des letzten Jahrhunderts schrumpfte es auf 680 ha und ist bis 2024 allmählich wieder auf 1347 ha angewachsen. Lag die Anzahl der Weinproduzenten im Jahr 2000 noch bei nur 21, waren es 2020 schon über 120 – mit deutlich steigender Tendenz. Ganz am Anfang der Renaissance stehen die Weingüter Villagrande (gegründet 1727), Murgo (1860), Nicosia (1898), Terra Costantina (1978). 1988 setzte Giuseppe Benanti den Grundstein für die explosionsartige Entwicklung: Weingüter aus Sizilien eröffneten Ableger am Ätna, es folgten Weinproduzenten aus dem übrigen Italien und darüber hinaus ausländische Winzer. Auf der internationalen Bühne erschienen die Weine kurz nach 2000, als der auf dem amerikanischen Markt tätige Weinimporteur Marc de Grazia die Weine des Ätna präsentierte und gleichzeitig mit der Tenuta Terre Nere eine Cantina gründete. De Grazia war in den 80er-Jahren auch der Initiator für den spektakulären Auftritt der Barolo-Boys in den USA, mit dem die Erfolgsstory von Barolo und Barbaresco begann. Mit dem Eintritt von Andrea Franchetti, Gründer der legendären Tenuta di Trinoro in der Toskana, in die Ätna-Weinszene wurde deren Internationalität besiegelt. Die Weine von seinem Gut Passopisciaro wurden von Robert Parker gleich mit satten 100 Punkten geadelt.

Der Ätna (aktuell 3300 Meter hoch, mit einem Durchmesser von 45 km) fasziniert Weinmacher und Konsumenten. Weil er atmet, vibriert, lebt. Für viele ist er eine »Insel auf der Insel«, auf deren Terrassen zwischen den Trockenmauern dank der Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht Weißweine von enormer Komplexität und Tiefe aus der Rebsorte Carricante und finessenreiche Rotweine aus Nerello Mascalese entstehen. Bei den diesjährigen Etnadays war ein Trend zu Weißweinen auszumachen. Im Auge behalten sollte man die Weißen aus der Gegend um Milo, die als einzige die Bezeichnung Etna Bianco Superiore tragen dürfen.

Von den jährlich erzeugten durchschnittlichen 5,6 Mio. Flaschen gehen 70 Prozent ins Ausland. Hauptmarkt sind die USA, gefolgt von Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und Kanada. Der an sich erfreuliche Hype um die Weine vom Ätna hat zu Preisentwicklungen geführt, die vor dem Hintergrund der aktuellen US-Zölle durchaus zu Absatzproblemen führen könnten.

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Christian Wenger
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