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Über 2000 Jahre alt: Die Tiberiusbrücke.

Über 2000 Jahre alt: Die Tiberiusbrücke.
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Ciao, Vorurteile! Rimini ganz anders

Strand
Urlaub
Italien

Rimini weckte einst die Italien-Sehnsucht ganzer Generationen – und galt später lange als abschreckendes Beispiel für Massentourismus. Doch das Bade­zentrum an der Adria hat sich längst neu erfunden: als Kultur- und Genuss­destination mit ungeahnter Tiefe. Und das reizvolle Umland? Spricht ohnehin für sich.

Die ersten Touristen der Geschichte waren junge Edelmänner aus Britannien, die ab dem 18. Jahrhundert nach Italien aufbrachen, um die Kulturdenkmäler der Renaissance und der Antike zu studieren. Sie gelten als die Ersten, die eine Reise nicht aus religiösen oder wirtschaftlichen Gründen unternahmen, sondern allein, um ihren Horizont zu erweitern. Von dieser sogenannten »Grand Tour«, wie man diese Bildungsreisen nannte, leitet sich der Begriff Tourismus ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Tourismus zum Massenphänomen. Es waren die Jahre des Wirtschaftswunders. Von nun an zog es die Menschen im Sommer an die Küsten und Strände des Mittelmeers: zum Baden, zum Sonnetanken – und um das Dolce Vita des Südens zu genießen.

Sonnenhungrige Urlauber

So etwa im Fall von Rimini. Zur Urlaubsikone wurde die Stadt in den 1960er-Jahren; es war die Zeit, als sich der Begriff Teutonengrill etablierte – eine liebevolle wie treffende Beschreibung für die Adria-Strände, an denen sonnenhungrige Deutsche dicht an dicht lagen, den UV-Strahlen trotzten und dabei Schlager wie »Carbonara« von Spliff oder »Azzurro« von Adriano Celentano aus dem Transistorradio dudelten. Man trank Aranciata oder Cappuccino (gern auch nach dem Abendessen – sehr zum Entsetzen der Einheimischen) und bestellte Spaghetti Bolognese, ein Gericht, das es in Italien so gar nicht gibt, das aber trotzdem irgendwie dazugehört.

Blau-weiß gestreift: Die bunt bemalten Umkleidekabinen an den Stränden Riminis gibt es schon seit den 60er-Jahren.
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Blau-weiß gestreift: Die bunt bemalten Umkleidekabinen an den Stränden Riminis gibt es schon seit den 60er-Jahren.

Doch Rimini ist weit mehr als das touristische Sinnbild der Nachkriegszeit. Die Stadt darf sich auch rühmen, die Geburtsstätte von Federico Fellini zu sein, einem der einflussreichsten Regisseure des 20. Jahrhunderts, der das Träumen auf Zelluloid bannte und mit »Amarcord« seiner Heimat und dem bis heute bestehenden Grandhotel ein filmisches Denkmal setzte – so überdreht wie liebevoll. Das Hotel, ein mit Feingefühl restauriertes Jugendstil-Juwel aus dem Jahr 1908, ist heute selbst eine Sehenswürdigkeit und hebt sich wohl­tuend ab von den zahlreichen, architektonisch oft belanglosen Bettenburgen entlang der Uferpromenade.

Jenseits der Strände

Betritt man das Atrium, denkt man unweigerlich an den jungen Fellini, der hier einst die Welt der Reichen und Schönen beobachtete; Figuren, die später in seinen Filmen auftauchten. In späteren Jahren kehrte der Maestro immer wieder hierher zurück – und residierte stets in derselben Suite. Seinem berühmten Sohn hat Rimini vor wenigen Jahren ein Museum gewidmet, verteilt auf mehrere Gebäude. Es ist eine Hommage an sein Leben und Werk – und ein wunderbarer Anlass, die gut erhaltene, überaus sehenswerte Altstadt zu erkunden.

Diese liegt knapp zwei Kilometer vom Strand entfernt – was für viele Badegäste offenbar schon jenseits der Komfortzone ist. Umso schöner für alle, die sich auf den Weg machen: Sie entdecken ein Rimini fernab von Liegestühlen und Eisdielen – mit stillen Plätzen, barocker Pracht und dem leisen Echo vergangener Zeiten.

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Man spaziert über belebte Piazze und bewundert Palazzi aus dem Mittelalter und der Renaissance. Auch das elegante, von Giuseppe Verdi im Jahr 1857 eingeweihte Theater, die eindrucksvoll inszenierte Burg Sismondo mit Licht- und Wasserspielen sowie die Ausgrabungen aus der Römerzeit lohnen einen Besuch. Kaum zu glauben, dass noch vor wenigen Jahren Autos über die Tiberius-Steinbrücke aus dem ersten Jahrhundert nach Christus fuhren.

Charme vergangener Zeiten

Jenseits der Brücke beginnt das Borgo San ­Giuliano – ein ehemaliges Arbeiterviertel mit niedrigen einstöckigen Häusern, das heute wirkt wie ein lebendig gewor­denes Gemälde. Die bunt gestrichenen Fassaden sind überzogen von Oleander, Bougainvillea – und dem Charme vergangener Zeiten.

Hier lebten einst die Fischer von Rimini, und hier wuchs auch Federico Fellini auf. Die Gassen atmen Geschichte, Nostalgie und Fantasie zugleich – als hätte der große Regisseur selbst sie entworfen. Beim Flanieren stößt man immer wieder auf Wandbilder, die Szenen aus seinen Filmen zeigen: Anthony Quinn als der große Zampanò an der Seite von Fellinis Ehefrau Giulietta Masina in »La Strada«; oder Anita Ekberg und Marcello Mastroianni bei ihrem nächt­lichen Bad im Trevi-Brunnen aus »La Dolce Vita«.

Adriatische Genussküche

Was viele überrascht: Rimini ist nicht nur ein traditionsreicher Badeort, sondern auch einer der bedeutendsten Fischereihäfen an der gesamten Adriaküste. In der belebten Markthalle unweit des Zentrums stapeln sich fangfrischer Fisch, Vongole und Tintenfische in eiskalten Auslagen. Der Duft von Meer liegt in der Luft, begleitet vom Stimmengewirr der Händler.

Kein Wunder also, dass die Stadt über gleich mehrere exzellente Fischrestaurants verfügt – allen voran das angesagte Ristorante »Da Lucio«, das einen zeitgemäßen, puristischen Umgang mit Fisch zelebriert: Aus Gründen der Nachhaltigkeit (und weil es hier schon immer gang und gäbe war) wird im »Da Lucio« das ganze Tier verarbeitet. Ein durchaus sinnvolles Prinzip, nicht nur zur Abfallvermeidung, das unter dem Begriff »Scale to Tail« bekannt ist: von der Schuppe bis zum Schwanz. Bestimmte Fische werden hier auch trockengereift serviert.

Wer also noch nie in den Genuss eines rohen Thunfischs gekommen ist, der über mehrere Tage oder sogar Wochen bei idealer Temperatur und Luftfeuchtigkeit gereift wurde (und dabei eine dichtere Konsistenz und komplexere Aromen ent­wickelt), wird das »Da Lucio« um eine kulinarische Erfahrung reicher verlassen. Erst vergangenen September ist der junge Küchenchef Jacopo Ticchi mit seinem Lokal in eine eindrucksvolle Location umgezogen: auf einen Pier, weit draußen im Meer, sodass man beim Fischessen von der Adria umgeben ist.

Kulinarische Schätze

In die andere Richtung, landeinwärts, in einem belebten Viertel der schmucken Altstadt und gleich bei der Tiberiusbrücke liegt das alteingesessene Restaurant »La Marianna«. Hier setzt man verstärkt auf sogenannte »pesce povero« (wörtlich übersetzt: »arme Fische«); in der Regel kleine und billigere Fische wie Makrelen, Sardinen oder Sardellen sowie Venus- und Miesmuscheln. Sie werden roh, gekocht oder gratiniert als Antipasto angeboten, mit Kirschtomaten, Spinat, Tintenfischen und Passatelli-Nudeln als Primo sowie als Fisch- oder Meeresfrüchte-Spieße vom Holzkohlengrill als Secondo.

Deutlich weniger »povero« geht es bei Drei-Sterne-Koch Mauro Uliassi zu. Das nach ihm benannte Restaurant liegt 30 Minuten von Rimini entfernt, direkt am Strand und mit Blick aufs Meer. Das Setting ist traumhaft – und Uliassis Küche eine der besten und kreativsten Italiens.

Naturgemäß spielen Fisch und Meeresfrüchte die Hauptrolle, wenngleich auch Platz für sensationelle Fleischgerichte bleibt, davon einige vom Wild aus den Wäldern des Hinterlands, wie etwa die spektakulären Tagliatelle mit Ragout vom Rebhuhn und schwarzer Trüffel. Wunderbar sind auch die Kombinationen von Fisch und Fleisch – etwa der Ossobuco alla marinara, bei dem der Chef Kalbshaxe mit Kabeljau-Innereien, Venusmuschelsaft und Fischfond auf überraschend harmonische Weise vereint.

Die besten Adressen

Grand Hotel Rimini

Glanzvolles und mit viel Feingefühl restauriertes Palasthotel aus der Zeit der vorigen Jahrhundertwende in präch­tigem Jugendstil. Die aufwendig ausgestatteten Räume samt Marmor, eleganten Möbeln und Kronleuchtern versetzen den Gast sofort in eine andere Zeit. Das Fünf-Sterne-Juwel gelangte durch die Filme Federico Fellinis zu Weltruhm.
grandhotelrimini.com

i-Suite

Neues, durchgestyltes und neben dem (mit seinem Oldschool-Charme im Stil völlig konträren) »Grand Hotel« einziges Fünf-Sterne Haus in Rimini.
i-suite.it

Duomo Hotel

Modern gestaltetes Design­hotel inmitten der wunderschönen und ge­pflegten Altstadt Riminis.
duomohotel.com

Palazzo Viviani Castello di Montegridolfo

Stilvolles Schlosshotel auf den Hügeln von Rimini. Zuständig für die Einrichtung ist die Besitzerin, Top-Designerin Alberta Ferretti.
montegridolfo.com/it/hotel-­dimora-storica-montegridolfo-rimini

Villa Adriatica

Charmantes Boutiquehotel im Herzen Riminis, nur wenige Schritte vom Strand entfernt. Historische Architektur, modernes Interieur und ein grüner Garten machen es zu einem Rückzugsort mit Seele.
villaadriatica.it

Da Lucio

Eines der angesagtesten Res­taurants Italiens – Fisch und Meeresfrüchte von herausragender Qualität und zum Teil trockengereift; in gediegenem Rahmen und spekta­kulärer Lage über dem Meer.

La Marianna

Freundliche Trattoria in der Altstadt mit einfachen Fischgerichten zu ver­nünftigen Preisen.
trattorialamarianna.it

Uliassi

Gemeinsam mit seiner Schwester Catia verwandelte Mauro Uliassi ein einfaches Strandcafé in eines der besten gehobenen Restaurants Italiens. Große Küche, die die 30 Minuten Autofahrt von Rimini mit Sicher­heit wert ist.
uliassi.com

Casina del Bosco

Belebtes Lokal mit riesigem Gastgarten in Strandnähe – einer der besten Orte, um die lokaltypische Piadina Romagnola zu essen; dazu Craftbier vom Fass.
casinadelbosco.it

La Sangiovesa

Trattoria in den Hügeln über Rimini mit ausgezeichneten Produkten, viele davon aus eigener Landwirtschaft, sowie im Haus gebackenen Piadine serviert in stimmungsvollem Ambiente.
sangiovesa.it

Osteria de Borg

Trendige Osteria mit traditioneller Küche und hausgemachter Pasta im malerischen Fischerviertel, wo Meister­regisseur Fellini aufwuchs.
osteriadeborg.it

Guido 1946

Ein Michelin-prämiertes Restaurant direkt am Strand von Miramare di Rimini. Klassische Fischküche trifft auf moderne Eleganz – puristisch, raffiniert, unverkennbar italienisch.
ristoranteguido.it

Abocar Due Cucine

Modernes Fine Dining im Herzen von Rimini. Der argentinische Küchenchef Mariano Guardianelli verbindet italienische Aromen mit globalem Esprit – ­kreativ, mutig, überzeugend.
abocarduecucine.it


Erschienen in
Falstaff TRAVEL Magazin 03/2025

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Georges Desrues
Autor
Sebastian Späth
Sebastian Späth
Chefredakteur
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