Der erfundene Klassiker: die (kurze) Geschichte des Seelbach Cocktails
Manche Cocktails begeistern mit launigen Anekdoten zu ihrer Entstehung und auch über die glamouröse Historie des »Seelbach Cocktails« wurde viel philosophiert. Doch am Ende war sie nichts weiter als ein Märchen. Ein toller Drink ist er trotzdem.
Die Cocktail-Renaissance hat viele fast vergessene Drinks zurück auf die Barkarten der Welt gezaubert – auch dank der akribischen Arbeit vieler Cocktail-Historiker. Deren Funde wurden und werden meist enthusiastisch gefeiert und auch als 1995 ein gewisser Adam Seger, seinerzeit Restaurant-Manager im »Seelbach Hotel« in Louisville, Kentucky, ein altes Rezept aus ebenjenem Hotel entdeckte, war die Begeisterung groß. Stolz berichtete der Barmann, er habe alte Rezeptunterlagen gefunden und seinen Recherchen zufolge sei der »Seelbach Cocktail« irgendwann zwischen 1912 und 1917 entstanden. Angeblich war der Drink sogar der Favorit von F. Scott Fitzgerald, der im Seelbach logierte, während er an »Der große Gatsby« schrieb. Auch das Rezept liest sich wie eine Hommage an die Eleganz der Belle Époque, gemixt mit Bourbon, Triple Sec, Bitters und – wie es sich für einen Drink mit Anspruch gehört – Champagner. Auch sein insgesamt markantes Aromenprofil mit erstaunlichen 14 Dashes Bitters passte in den damaligen Zeitgeist. Die Story hatte also alles, was ein großes Drehbuch braucht: ein altes Grandhotel, einen fast vergessenen Cocktail, einen bekannten Schriftsteller und eine Prise Gatsby-Glamour. Erwartungsgemäß nahm die Bar-Community den Drink freudig in ihr Repertoire auf.
Ein wunderschönes Märchen
Klingt alles fast zu schön, um wahr zu sein – und tatsächlich war es Seger selbst, der einige Jahre später den Schwindel zugab. 2001 erzählte er in einem Interview mit der New York Times, dass die Geschichte des »Seelbach Cocktails« frei erfunden war. Keine alten Rezeptbücher. Kein mysteriöser Gentleman. Kein Fitzgerald, der am Tresen saß und von Daisy träumte. Der Drink war von ihm selbst kreiert – in den 1990ern – und die Story war ein Marketing-Coup, der einfach zu gut funktionierte.
Ironischerweise hat die Lüge dem Drink nicht geschadet und der große Aufschrei in der Barwelt blieb aus, immerhin hatten viele die Geschichte wohl nur zu gern geglaubt, ist es doch nie von Nachteil, wenn man seinen Gästen zu einem Drink eine solch blumige Anekdote präsentieren kann. Und mit diesem »Segerschen i-Tüpfelchen« erzählt sie sich fast noch ein bisschen besser. Der »Seelbach Cocktail« jedenfalls ist heute auf vielen Bar-Karten der Welt zu finden, auch wenn es nie zum ultimativen »Crowd Pleaser« reichen sollte. Aber ein stabiler Champagner-Drink mit klassischer Grandezza ist er allemal.
Der »Seelbach Cocktail«
- 3 cl Bourbon Whiskey
- 1,5 cl Triple Sec
- 7 Dashes Angostura Bitters
- 7 Dashes Peychaud’s Bitters
- 15 cl Brut Champagner
Zubereitung:
Alle Zutaten außer dem Champagner über sehr kaltem Eis vermischen und kaltrühren. Gemeinsam ins vorgekühlte Glas abseihen und mit eisgekühltem Champagner auffüllen. Den Glasrand einer Orangenzeste abreiben und diese mit ins Glas geben.