Sprachlos in Detroit: Die Geschichte des »Last Word« Cocktails
Mit einem strahlenden Comeback schmeckt mancher Drink noch besser. So wie der »Last Word«, der erst wiederentdeckt werden musste, um den modernen Genießern die Sprache zu rauben.
Es gibt Cocktails, die bleiben einem immer im Gedächtnis. Sei es durch ihre Komplexität, ihre ungewöhnliche Rezeptur, durch ihr Aroma oder durch den Ort oder die Umstände, unter denen man ihn getrunken hat. Ein Drink aber löst allein schon durch seinen Namen ein solches Kopfkino aus, dass man ihn einerseits einfach mal probiert haben muss – wenn man es denn ernst meint mit dem Genuss der mixologischen Ergüsse – und es andererseits sicherlich nicht bei einem Schluck bleiben wird. Die Rede ist vom »Last Word«, diesem leicht grünlichen Kraftprotz, der tatsächlich das Zeug dazu hat, jede alkoholdunstige Diskussion zuverlässig zu beenden. Aber wo kommt er eigentlich her, dieser Mix aus Gin, Maraschino, grünem Chartreuse und Limettensaft? Und wie hat er es bis auf die modernen Barkarten geschafft? Zeit für einen sportlichen Blick auf die Geschichte eines echten Klassikers.
Aus elitären Kreisen
Mit ein wenig Fantasie kann man sich vorstellen, wie es hinter der beeindruckenden Fassade des »Detroit Athletic Clubs« in den Goldenen Zwanzigern ausgesehen hat. Die Reichen und Schönen der Stadt, darunter viele Unternehmer aus der damals boomenden Automobilbranche, trafen sich in einem illustren Privatclub, um all jenen Dingen zu frönen, die das Leben ein wenig lebenswerter machen – und neben Sport, Kultur und netter Gesellschaft zählte auch damals schon offensichtlich der ein oder andere Cocktail dazu. Denn genau hier, im »DAC«, diesem elitären Sportclub für Gentlemen mit Geschmack, soll er einst entstanden sein: der »Last Word« Cocktail. Immerhin taucht ein Drink mit diesem Namen 1916 auf einer Menükarte auf, die zur Anwerbung neuer Mitglieder in Umlauf gebracht worden war. Ins Auge springt dabei auch, dass es sich um den teuersten Drink des gesamten Menüs handelte: 35 Cent sollte er kosten.
Eine genaue Rezeptur lässt sich allerdings nicht finden. Zwar soll er sich rasch bis nach New York verbreitet haben – auch dank eines Varieté-Künstlers namens Frank Fogarty – doch die Prohibition ließ ihn dann wie so viele andere Drinks auch, nahezu in Vergessenheit geraten. Die erste schriftliche Erwähnung fand der Cocktail tatsächlich erst 1951 im Buch »Bottoms Up!« von Ted Saucier – und darin findet sich auch die schöne Anekdote, dass er »besonders bei Vaudeville-Künstlern beliebt« gewesen sei. Also bei Leuten, die auf der Bühne schwitzen – und danach einen Drink brauchen, der sitzt. Ted Saucier, Mitarbeiter des »Waldorf Astoria Hotels« in New York, erwähnt auch explizit Frank Fogarty als denjenigen, der den Drink einst mit in die Stadt brachte. Da der Künstler wohl auch regelmäßig im Detroiter Athletic Club gastierte, kann man davon ausgehen, dass die Originalrezeptur weitestgehend jener in Sauciers Buch entsprach. Jedoch meinte es die Zeit nicht gut mit dem »Last Word«, denn die Stilistik der Cocktails der nachfolgenden Dekaden änderte sich, hin zu süßeren, saftschweren und bunten Kreationen. Ein solcher Muskelprotz, der auch aromatisch fordernd sein kann, war schlicht nicht mehr gefragt – und verschwand fast vollständig von der Bildfläche.
Die Wiederentdeckung des Last Word
Wie viele andere Klassiker auch verdankt der »Last Word« sein Comeback der Cocktail-Renaissance, die Anfang der 2000er ihren Anfang nahm. In seinem Fall war es ein Bartender namens Murray Stenson aus dem »ZigZag Café« in Seattle, der den Drink wiederentdeckte und erneut auf die Karte setzte. Der Mixologe war genervt von den meist sehr süßen und sahnigen Kreationen der Zeit und hatte ein Faible für klassische Drinks. Mit seiner Hingabe an dieses Thema zählt er zweifelsfrei zu den Gründervätern der Craft-Cocktail-Bewegung und sein Gespür sollte ihm recht geben, denn der »Last Word« entwickelte sich schnell zu einem echten Renner – wohl auch deshalb, weil klassische Liköre aus dem alten Europa bei vielen Anhängern diesen neuen, alten Cocktailstils sehr gefragt sind. Und mit Chartreuse und Maraschino hat der »Last Word« hier einiges zu bieten.
Ein Wort, vier Teile
Der »Last Word« ist heute ein Benchmark-Cocktail: Wer ihn richtig balancieren kann, versteht das Zusammenspiel von süß, sauer, herb und stark. Zudem hat er zahlreiche Twists hervorgebracht, etwa den »Paper Plane«, den »Final Ward« (mit Rye und Zitronensaft statt Gin und Limette) oder den »Closing Argument« (mit Mezcal anstelle des Gins). Im Grundrezept zeichnet sich der »Last Word« aber durch seine ausgewogene Mischung aus vier gleichen Teilen aus:
- 2,5 cl Gin
- 2,5 cl grüner Chartreuse
- 2,5 cl Maraschino-Likör
- 2,5 cl frischer Limettensaft
Alle Zutaten werden kräftig mit Eis geschüttelt und in ein gekühltes Cocktailglas abgeseiht. Das Ergebnis ist ein komplexer, ausgewogener Drink mit einer einzigartigen Balance aus Kräuteraromen, Süße und Säure.