Die Geschichte des Flachmanns
Er ist das kleine Geheimnis, der diskrete Freudenspender, das Lifestyle-Accessoire für besondere und unbesondere Anlässe und irgendwie umgibt ihn stets ein Hauch des Unanständigen: der Flachmann. Doch wie schaffte er es einst aus dem Tornister müder Soldaten in die Strumpfbänder feiner Damen? Was hat er mit Hipstern zu tun und vor allem: Was gehört da wirklich rein?
Es gab Zeiten, da gehörte ein Flachmann bei gewissen Dingen einfach dazu. Beim Wandern sorgte er für Stimmung, bei Hochzeiten schenkte er Mut, bei Geburten stärkte er manchen Männern die Nerven und bei dem ein oder anderen Jäger soll er zuverlässig für eine ruhige Hand gesorgt haben. Überhaupt ist die Verbindung des Flachmanns zur Jagd eine besondere und Begriffe wie der »Bügeltrunk« sind bis heute fester Bestandteil der Jägersprache.
Der Ausdruck stammt aus der berittenen Jagd, bei der man sich gerne mal einen Schluck genehmigte, während man mit den Füßen noch in den Steigbügeln stand. Eng mit dem Brauch des Bügeltrunks hängt auch die alte Jägerweisheit »Mit der Linken wird getrunken, mit der Rechten wird geschossen« zusammen, denn ein Reiter hielt seine Zügel meist mit der rechten Hand und hatte zum Trinken eben nur die linke frei. Nun ist das mit dem Alkoholkonsum beim Jagen heutzutage aber natürlich so eine Sache. Er ist einerseits streng verboten und andererseits sorgt der Gedanke, dass der Kollege auf dem Hochsitz tatsächlich »einen sitzen« haben könnte, bei Leuten am anderen Ende des Flintenlaufs wohl zu Recht für ein mulmiges Gefühl. Dennoch sind Flachmänner auch aus der Jagdszene nicht verschwunden, immerhin gibt es ja auch nach der Pirsch noch Anlässe genug, um die eigenen Trophäen zu begießen, etwa beim abschließenden »Schüsseltreiben«.
Der Weg in Monroes Strumpfband
So verantwortungsvoll sich der Alkoholgenuss aus dem Flachmann bei modernen Jagdgesellschaften gestaltet, so zügellos und bisweilen ernst ging es in den Frühzeiten dieses kleinen Fläschchens zu. In der Zeit der Napoleonischen Kriege beispielsweise begannen viele Soldaten ihre Tagesration Alkohol in kleinen, flachen Metallbehältern direkt am Mann zu tragen. Das Trinken half ihnen vor allem dabei, die Strapazen und Ängste des Krieges zu ertragen und der Flachmann wurde so zu einem Symbol des Durchhaltevermögens – eine Rolle übrigens, die er bis in die Zeit der beiden Weltkriege ausfüllte.
Die sich im 18. und 19. Jahrhundert entwickelnde Kultur des Genusstrinkens sowie der Gentleman- und Damenetikette öffnete dem Flachmann aber auch die Türen zur Oberschicht, wo er schnell zu einem Statussymbol avancierte. Seinen größten Boom verdankte er allerdings erst einem Verbot: der Prohibition in den USA von 1920 bis 1933. In dieser »trockenen Zeit« war ein Flachmann für zahlreiche Amerikaner die praktischste Lösung, um im Geheimen weiter ihrem Laster nachgehen zu können.
So wurden in den ersten sechs Monaten nach Inkrafttreten der Prohibition mehr Flachmänner verkauft als in den zehn Jahren zuvor und er wurde erneut zu einem Symbol der Widerstandskraft, nur diesmal gegen eine prüde Verbotspolitik. Da die kleinen Trinkflaschen nun in Taschen, Stiefeln oder in Strumpfbändern vor den Augen des Gesetzes verborgen wurden, entstand der noch heute im Englischen für Schmuggel gängige Begriff »Bootlegging«. In einem der gefragtesten Strumpfbänder aller Zeiten hat der Flachmann übrigens seinen wohl bis heute berühmtesten Auftritt. In Billy Wilder‘s Blockbuster »Manche mögen’s heiß« rutscht der »Running Wild« singenden und tanzenden Marilyn Monroe ein silberner Flachmann aus dem Strumpfband – zur großen Empörung eines braven Spießbürgers, versteht sich. Doch auch der Begriff des »Hipsters« ist auf den Flachmann zurückzuführen: »hip flask« heißt auf Englisch Flachmann und die Hipster waren zu jener Zeit einfach Männer, die Flachmänner bei sich führten.
Von Kraut bis Rauch: das gehört hinein
Doch egal ob beschwipster Hipster, frivole Sängerin, müder Soldat oder pirschender Jäger – eine Frage stellt sich allen gleichermaßen: Welches Liquid gehört denn nun in einen Flachmann? Im Grunde gilt: erlaubt ist, was gefällt, wenngleich man zumindest auf Sahne- oder Eierliköre verzichten sollte. Deren Reste können sich in einer solch engen Flasche nämlich hartnäckig halten. Und allzu lange dürfen die Liquids auch nicht in der Flasche bleiben, da sie, anders als Glas, oftmals nicht geschmacksneutral sind.
Auch sollte man Spirituosen, die ihre ganze Pracht erst nach dem Atmen im Glas entfalten, nicht auf einen Flachmann verschwenden. Ein Louis XIII. hat sicherlich besseres verdient. Bei Anstrengungen aller Art hilft hingegen ein Schluck vom mexikanischen »Bad Boy« Mezcal garantiert weiter. Mit seinen rauchig-grasigen Aromen rüttelt er jeden wieder wach. Apropos wachrütteln. Das gelingt auch einem zünftigen Enzian, ebenso wie einem würzigen Kräuterlikör oder einem tiefgründigen Chartreuse, diesem von Klosterbrüdern erdachten, krautigen Kraftpaket, das den Trinker auch sensorisch mit einem Schluck mitten in die Natur katapultiert. Und was passt am Ende besser zu einem Marsch durch den Wald als ein paar Tropfen flüssigen Grüns? Eben, recht wenig, es sei denn, es ist so richtig kalt. Da braucht es etwas Wärmendes, das das Feuer der Karibik noch in sich trägt: einen Gunpowder(!) Proof Rum! So ein Schluck im eisigen Morgennebel kann Wunder bewirken.
Oder man hält es direkt mit denen, die die Kälte schon gar nicht mehr spüren: den Schotten und Skandinaviern. Ein rauchiger Islay-Whisky, ein fruchtig-malziger Speysider oder eben ein kräftig-kümmeliger Aquavit haben schon vielen kalten Gliedmaßen wieder Leben eingehaucht. Der Gentleman unter den Flachmannträgern wird aber auch vor etwas ganz Besonderem nicht zurückschrecken und einen strammen Cocktail in die Flasche füllen. Ein Negroni oder ein Manhattan können auch aus dem Flachmann ein echter »Gamechanger« sein. Vor allem dann, wenn es sonst nur Plastikbecher-Bier und warme Cola mit Rum gibt.
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