Nizza: Wiege des guten Lebens
Nizza gilt als Wiege der Lebenskunst. Hier verbinden sich französische Noblesse und italienische Leichtigkeit – kein Wunder, dass die provenzalische Perle seit Jahrhunderten Künstler und Kreative aus ganz Europa inspiriert. Ein Ortsbesuch in einer der schönsten Städte der Welt.
Ein »Fremdenplatz ersten Ranges« sei diese Stadt, »prächtig an der Baie des Anges gelegen«: Diese schwärmerischen Worte aus einem Nizza-Reiseführer von 1904 haben bis heute Gültigkeit. Wie ein blauer Edelstein glitzert das vom sanften Bogen der Engelsbucht eingefasste Meer in der Sonne. Menschen aus aller Welt schlendern mit der unvermeidlichen Gelassenheit, die Nizza jedem Ankommenden aufzuerlegen scheint, über die breite Uferpromenade. In den Dattelpalmen, die den Weg wie eine Perlenkette säumen, zirpen die Vögel und fügen der Szenerie eine sanfte Klangkulisse hinzu.
Nizza zählt zu den ältesten Siedlungen Europas. Schon vor rund 400.000 Jahren, lange bevor die Griechen 350 v. Chr. das damalige Nikaia gründeten, siedelten Menschen an der sonnenverwöhnten Bucht. »Nissa la bella« (»Oh mein schönes Nizza«) singen die Einheimischen in ihrem lokalen Dialekt; bei Fußballspielen, in Schulen, auf Festen. Auch die »große, goldene Sonne« wird besungen – um die 300 Sonnentage verzeichnet Nizza pro Jahr. Die Lage am Fuß der Alpes Maritimes schützt gegen kalte Nordwinde, das Klima ist mild. Selbst im Winter ist es hier so warm, dass die Menschen bis spätabends bei Rosé und Pastis draußen sitzen.
Kein Wunder, dass »La Bella« schon früh Reisende aus aller Welt lockte: Adlige und Vermögende entflohen dem kalten Norden, Künstler wie Henri Matisse und Marc Chagall kamen wegen des Lichts, Schriftsteller und Komponisten zum Arbeiten in sonniger Leichtigkeit. »Nice, Travail et Joie« hat Matisse eines seiner Bilder genannt: Auf dem Tisch ein Teller mit leuchtenden Früchten; im Hintergrund, durch das weit geöffnete Fenster, spitzt eine Palme vor blauem Himmel hervor.
Mittelmeerische Lebensart
In Nizza verschmelzen mediterrane Lebensfreude, französische Eleganz und der Charme des keine 50 Kilometer entfernten Italiens. Wäre es vermessen, zu behaupten, dass hier das »Savoir-vivre« seinen Ursprung hat, das nonchalante Zelebrieren von Genuss, Stil und Gelassenheit? Keineswegs! Nicht umsonst ist Nizza seit 2021 UNESCO-Weltkulturerbe – wegen seiner lebendigen Kulturszene, der farbenfrohen Märkte und der nach Sonne und Meer schmeckenden Küche. Ja, in Nizza versteht man es, das Leben zu genießen.
In Nizza isst man hervorragend, denn die Stadt hat die frischesten Produkte direkt vor der Haustür und zieht immer mehr junge, kreative Köche und Köchinnen an. So auch Pinja Paakkonen, die mit einigen Umwegen aus dem hohen finnischen Norden nach Nizza kam, um dort in einem der acht besternten Restaurants zu kochen. »Vieles, was ich früher als exotisch angesehen habe, bekomme ich hier frisch auf dem Markt«, schwärmt die 29-Jährige: Datteln, Maracujas, Avocados; nicht zu vergessen die Zitrusfrüchte, die im Winter wie Frühling die Marktstände zum Leuchten bringen.
Einmalig in Geschmack und Vielfalt, meint Thomas Vételé aus dem »Bistrot des Serruriers«, seien auch weiße und rosa Grapefruits, süße und bittere Orangen, Yuzu und Kaffirlimette, Buddhas Hand und Bergamotte. Und natürlich: die berühmten Zitronen aus dem nahen Menton. Man bekommt sie frisch gepresst zum Frühstück, als Creme im Brioche, mit Sashimi von fangfrischem Fisch zu Röschen gerollt oder – Vételés Favorit – ganz klassisch als Zitronentarte.
Einige dieser Zitronenplantagen sind einen Besuch wert, ebenso wie die Weingüter in den umliegenden Hügeln. Das Anbaugebiet Bellet ist ein Geheimtipp: Es ist eine der kleinsten und ältesten Appellationen Frankreichs – und die einzige, die sich innerhalb einer Stadtgrenze befindet. Manche Rebsorten, wie der für Rotwein und Rosé verwendete Braquet, sind ausschließlich hier zu finden.
Nicht weniger pittoresk sind die unzähligen kleinen Weinbars in den engen Altstadtgassen. Viele haben sich in den vergangenen Jahren auf Naturweine spezialisiert. Zu den beliebtesten zählt das »La Pêche à la Vigne« des Ehepaars Mazzarone. Er »jagt« unentwegt die besten Flaschen aus ganz Europa, sie kreiert hervorragende französisch-italienische Küche – denn auch dieses Paar kam, wie so viele, aus Italien nach Nizza.
Anderswo fusioniert man französische mit südafrikanischen Aromen oder kombiniert Italienisches mit Kolumbianischem oder vietnamesischem Banh Mi. Doch eines der bekanntesten Gerichte Nizzas bleibt die Socca: ein Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl, Wasser, Salz und Olivenöl, im holzbefeuerten Ofen gebacken. Ihre Wurzeln reichen vermutlich nach Ligurien – Nizza wurde erst 1860 Teil Frankreichs, als Dank für die französische Unterstützung im Kampf für die Einigung Italiens. Eine gute Socca, so sagen die Einheimischen, muss außen knusprig und innen weich sein. Man isst sie nur mit etwas Pfeffer – und zwar sofort; heiß, mit fettigen Fingern, direkt aus dem Papier. Die beste Socca gibt es bei »Socca d’Or«.
Viva Nissa la bella
Zum Verdauungsspaziergang geht es an die Uferpromenade. Wo früher reiche Engländer flanierten (daher der Name), schlendern heute Einheimische und Besucher aus aller Welt. Es wird getanzt, gesungen, geknutscht. Direkt unter den Palmen wurde ein breiter Radweg angelegt. Wer will, kann auch das hügelige Hinterland radelnd entdecken; bis auf 1200 Höhenmeter führen die Routen. Man kann aber auch einfach die lange, flache Bucht entlangfahren – oder das Radeln ganz sein lassen und sich gleich in eines der Cafés setzen, die bis spätabends von der Sonne beschienen werden. Es lebe Nizza, die Schöne; viva, viva Nissa la bella!
Wobei: Auch in Nizza scheint nicht immer die Sonne. Diesem Irrtum ist schon Matisse erlegen. Er kam 1917 wegen seiner chronischen Bronchitis in die Stadt; nach vielen Regentagen war er kurz davor, wieder abzureisen – dann aber strahlte der Himmel plötzlich türkisblau. Er blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1954. Das ihm gewidmete Museum ist eine wunderbare Anlaufstelle für Regentage, wie auch die elf weiteren öffentlichen Museen, die es in der Stadt gibt; nicht inbegriffen die vielen privaten Sammlungen und Galerien.
Kunstparadies
Und dann erst das Hinterland, wo Künstlerdörfer wie Saint-Paul-de-Vence von vergangenen Zeiten erzählen! Das reiche Erbe lockt Kunstaffine bis heute. 2021 verlegte der belgische Kunstsammler Hubert Bonnet einen Teil seiner Sammlung in eine lichtdurchflutete Galerie am Ortsrand. Wer will, kann dort – zwischen Kunst und Mid-Century-Möbeln – auch übernachten; und dann nach dem Frühstück dem kleinen Fußweg folgen, der direkt hinter dem Anwesen beginnt und den schon all die Künstler gegangen sind. Hier findet sich die Kapelle, die Chagall 1968 verewigt hat; ein Stück weiter die Terrasse, von der aus er seine schwebenden »Liebenden über St. Paul« gemalt hat.
»Ich habe sie alle gekannt«, meint Stève Tavitian, der seine Zeichnungen auf den Märkten rund um Cours Saleya und Place du Palais de Justice in Nizza verkauft. »Aufregende Zeiten waren das damals!« Er lacht spitzbübisch. Der 85-Jährige zog in den 50er-Jahren an die Côte d’Azur; 2007 kam er, nach einigen Pariser Jahren, zurück.
Hier habe ich alles, was ich brauche: Wärme, Licht, Ruhe; das Meer, das jeden Tag eine andere Farbe hat.
Doch es gibt auch Schattenseiten: Sechs der zehn Wohnungen in seinem Haus werden über Airbnb vermietet – (zu) viele Leute wollen ein Stück von Nizza und seiner Lebenskunst abhaben. Anfang des Jahres hat die Stadt nun angekündigt, Kreuzfahrtschiffen mit mehr als 900 Passagieren das Einlaufen zu verbieten. Touristen, die schnell ein Selfie am »#ILoveNice«-Schild machen und einmal durch die Altstadt laufen, bevor sie zum Essen zurück aufs Schiff gehen, lassen kein Geld da. Und sie sind fehl am Platz in Nizza, denn diese Stadt will langsam entdeckt werden – ohne Hektik, ohne feste Pläne; planlos und zeitlos. L’art de vivre: die Kunst, im Hier und Jetzt zu sein, die Kunst, den Augenblick in all seinen Facetten auszukosten. Hier ist das Leben keine Liste von To-dos, sondern ein Fest des Augenblicks.