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© Ferry Hansen

»Düfte sind flüchtige Wesen« – Im Interview mit Ferry Hansen

Parfum
Porträt
Ritual

Ferry Hansen spricht über die Magie der Parfümerie, die Kunst des Weglassens und die Suche nach einem Duft mit echter Persönlichkeit. Ein Gespräch über flüchtige Momente, tiefe Emotionen und die Frage, was ein Parfum wirklich unvergesslich macht.

Mit über zwanzig Jahren Erfahrung – als Beauty Director, Jurymitglied der Deutschen Duftstars und heute als Fragrance Evaluator – kennt Ferry Hansen die Welt der Düfte wie kaum ein anderer. Im Interview erklärt er, warum moderne Parfums immer schneller auf den Markt drängen, was zeitlose Klassiker auszeichnet und weshalb ein wirklich guter Duft nie laut, sondern immer wahrnehmbar sein sollte. Außerdem spricht er darüber, wie sein eigener Duft entstanden ist – ein sehr persönliches Porträt aus Molekülen, Emotionen und Intuition.

Falstaff HAPPY LIFE: Sie kennen die Beauty-Industrie von der Pike auf und haben als Insider über viele Jahre alle News aus erster Hand bekommen. Wie hat sich die Branche in dieser Zeit entwickelt?

Ferry Hansen: Ich hatte über zwei Jahrzehnte als Beauty Director jede Neuheit auf dem Tisch – manchmal stapelweise. Faszinierend, aber auch überwältigend, weil der Markt immer schneller wurde. Besonders im Duftbereich erscheinen Lancierungen heute in fast atemlosem Rhythmus: Ein Duft wird zum Eau de Parfum, dann zum Extrakt, Absolut oder zur Privé-Edition – alles Varianten derselben DNA. Dahinter steckt die Markenlogik, Begehrlichkeit ständig neu zu entfachen.

Eigentlich endet die klassische Konzentration beim Parfum – alles darüber hinaus ist erzählerische Verlängerung. Spannend, aber auch ein Zeichen unserer Buy-More-Mentalität. Ich persönlich finde es schöner, sich wieder bewusst für einen Duft zu entscheiden, der wirklich berührt – ihn zu tragen, zu erleben, Erinnerungen mit ihm zu verbinden. Denn darin liegt die Magie von Duft: nicht Quantität, sondern Resonanz.

Gibt es zeitlose Klassiker? Und wenn ja, warum haben sie ihre Berechtigung?

Zeitlose Klassiker gibt es viele – und sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben etwas verändert. Chanel No 5 ist dafür das bekannteste Beispiel. Der Duft war 1921 eine kleine Revolution: synthetische Aldehyde, ein Bruch mit rein natürlichen Kompositionen – modern, ikonisch und bis heute präsent. Ein weiterer Meilenstein ist Habit Rouge von Guerlain. Einer der ersten orientalischen Düfte überhaupt, elegant, sinnlich und völlig ohne Kategorien wie pour Homme oder pour Femme. Ein Duft, der auf jeder Haut seine eigene Geschichte erzählt. Und Knize Ten aus Wien: In den 1920er-Jahren lancierte Knize als eines der ersten Häuser überhaupt einen Herrenduft – ein frühes Beispiel dafür, wie Tailoring und Fragrance zusammenfanden. Diese drei stehen stellvertretend für das Wesen echter Klassiker: Sie waren ihrer Zeit voraus – und sind genau deshalb zeitlos.

Was macht Ihrer Meinung nach ein gutes Parfum aus?

Ein gutes Parfum beginnt für mich mit hochwertigen Rohstoffen – aber das allein genügt nicht. Entscheidend ist, dass ein Duft eine Geschichte erzählt und Persönlichkeit transportiert. Ich rieche sehr viele Düfte, aber nur wenige bleiben wirklich hängen. Das liegt an diesem feinen Unterschied zwischen »Das riecht gut« und »Wow« – zwischen einem netten Duft und einer echten olfaktorischen Erfahrung. Viele Kompositionen klingen angenehm, entwickeln sich aber nicht weiter. Ein großartiger Duft hingegen entfaltet sich, reagiert auf Haut und Stimmung und wird zu etwas Eigenem. Genau das ist für mich der Kern: nicht austauschbar zu sein. Kein Duft, den zehn andere zugleich tragen – sondern einer, der wirklich nach einem selbst riecht.

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Gibt es in der Parfümerie ein striktes Regelwerk? Und was passiert, wenn man es bricht?

Natürlich gibt es Regeln – sonst würde ein Duft auseinanderfallen. Strukturen wie Kopf-, Herz- und Basisnote oder bewährte Akkorde funktionieren, weil sie harmonisch reagieren. Aber spannend wird es genau dann, wenn man diese Regeln bewusst bricht. Vertrautheit entsteht durch Ordnung, Innovation durch Überraschung. Ich liebe es, wenn ein Duft etwas Unbekanntes wagt und bleibt. Bei meinem eigenen Parfum habe ich mit über 90 Inhaltsstoffen gearbeitet und versucht, das Flüchtige festzuhalten: Die Kopfnote, die sonst nach wenigen Minuten verfliegt, habe ich so komponiert, dass sie sich mit Herz und Basis verwebt. Dieses helle, florale Gefühl bleibt erhalten, auch wenn sich der Duft längst verändert hat. Für mich liegt darin die Magie der Parfümerie: das Flüchtige greifbar zu machen, ohne ihm seine Leichtigkeit zu nehmen.

Welche persönlichen Überraschungen haben Sie erlebt? Welche Entdeckungen haben Sie auf Ihrer olfaktorischen Reise gemacht?

Was mich an der Parfümerie fasziniert, ist, dass sie im Kern Chemie ist – und Chemie bedeutet Reaktion. Moleküle verbinden sich, stoßen sich ab, verändern sich. Dieser lebendige, nie ganz kontrollierbare Prozess birgt die größte Magie. Manche Bausteine harmonieren sofort, andere erst, wenn ein einziges Bindeglied dazukommt – fast wie eine kleine KNOFF-HOFF-SHOW im Labor. Besonders spannend finde ich das Zusammenspiel von natürlichen und synthetischen Rohstoffen. Natürliche Materialien schwanken je nach Ernte, Klima oder Verfügbarkeit, während synthetische Moleküle Stabilität, Reinheit und kreative Freiheit bieten. In dieser Verbindung entsteht das enorme Potenzial der modernen Luxusparfümerie.
Die größte Entdeckung war jedoch ich selbst. Ich habe gelernt, meine Wahrnehmung zu schärfen – nicht nur olfaktorisch, sondern auch emotional. Früher habe ich Düfte journalistisch analysiert, heute höre ich beim Riechen zu. Ich nehme Zwischentöne wahr, Nuancen, die vorher unbenannt blieben – als würde man plötzlich eine Sprache sprechen, die man lange nur gehört hat. Und ich habe Respekt vor der Zeit entwickelt, die ein Duft braucht: in seiner Entstehung und auf der Haut. Parfum hat nichts mit Eile zu tun, sondern mit Geduld, Hingabe und Intuition.

Kann man eine gute Nase entwickeln? Wenn ja, wie?

Ja – man kann seine Nase trainieren. Entscheidend ist, regelmäßig mit Rohstoffen und echten Duftnoten zu arbeiten und bewusst wahrzunehmen, wie sie reagieren: Wie verändert sich ein Akkord auf der Haut? Welche Emotionen oder Erinnerungen entstehen? So entsteht ein olfaktorisches Gedächtnis, eine persönliche Duft-Bibliothek. Wichtig ist dabei, dass es kein richtig oder falsch gibt. Es geht um Empfinden: »Riecht das schön?«, »Was verbinde ich damit?«, »Welche Stimmung entsteht?« Wer seine Nase bewusst öffnet und regelmäßig übt, entwickelt nicht nur eine schärfere Wahrnehmung, sondern auch eine tiefere Verbindung zu Duft, Material und eigener Geschichte.

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Wie duftet Ihr glücklichster Tag?

Mein glücklichster Tag duftet nach Licht. Er beginnt mit dem Sonnenaufgang und den ersten Sonnenstrahlen auf der Haut und diesem ganz feinen, klaren Moment, wenn die Welt noch ruhig ist. In der Luft liegt der Duft frischer Blumen – vor allem Lilien, die für mich Reinheit und Neubeginn symbolisieren. Dazu der cremige Akkord von Mandelmilch, eine Tasse Tee, vielleicht etwas süßes Gebäck mit Vanille, Zimt oder Karamell. Es ist ein Duftbild, das zart und zugleich präsent ist, niemals laut, niemals aufdringlich. Ich mag keine Schwere am Morgen. Mein perfekter Tag riecht nach Geborgenheit, nach Offenheit, nach Leben – und ein bisschen nach meinem eigenen Parfum. Denn diese Noten begleiten mich tatsächlich: florale Weichheit, gourmandige Leichtigkeit, ein Hauch von schwarzem Tee. Ein süchtig machender Duft, der mich jedes Mal wieder an dieses Gefühl erinnert – von vollkommenem Glück.

Gibt es dazu ein olfaktorisches Pendant?

Ich glaube nicht – und genau das war mein Ziel. Ich wollte nichts nachbauen und keine Assoziation zu etwas schaffen, das man schon kennt. Vergleiche wie »das erinnert mich an …« höre ich oft, empfinde sie aber selten als wertschätzend, weil sie automatisch eine Ableitung suggerieren. Mir ging es darum, etwas zu kreieren, das in seiner Gesamtwirkung besonders ist – in Stimmung, Entwicklung und Textur. Ich würde nie behaupten, dass mein Duft einzigartig ist, aber er hat einen eigenen Charakter, eine eigene Handschrift. Und das ist für mich der schönste Moment in der Parfümerie: wenn etwas entsteht, das man nicht sofort einordnen kann, das aber berührt.

Welche Emotionen haben Sie in Ihr Parfum gepackt – persönliche?

In meinem Duft steckt sehr viel Persönliches. »No 1« besteht aus über 90 Inhaltsstoffen, und fast jeder wurde aus einem bestimmten Grund gewählt. Ich wollte einen Duft, der meine Vorlieben spiegelt, ohne nostalgisch zu werden. Zunächst der florale Akkord, den ich liebe: Lilien, Azaleen, Jasmin, Hyazinthen – weiße Blüten, die für mich Reinheit, Zartheit und zugleich Präsenz verkörpern. Dazu die Gourmand-Ebene meines Alltags: schwarzer Tee mit Mandelmilch, süßes Gebäck wie ein Franzbrötchen mit Zimt und Karamell – Noten, die Geborgenheit ausstrahlen. Und schließlich die warme, erdige Tiefe: Tabak- und Cannabisnoten, die eher nach Wärme und Raum als nach Rauch duften, ein Hauch Leder, Hölzer, die beruhigen und verankern. Diese Mischung ist wie ein inneres Porträt aus Empfindungen und Routinen – vertraut, ehrlich und nah.

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Können Sie Ihr Parfum etwas beschreiben? Wie war die Herangehensweise und der Entwicklungsprozess?

Am Ende meines Sabbaticals bestand meine Abschlussarbeit darin, das Gelernte in einen Duft umzusetzen – also Moleküle, Struktur und Balance praktisch anzuwenden. Anfangs bin ich sehr analytisch vorgegangen und wollte verstehen, wie sich bestimmte Stoffe in Kopf-, Herz- und Basisnote verhalten. Mit der Zeit wurde daraus jedoch etwas viel Emotionaleres: eine Geschichte, die man riechen kann. Der Arbeitstitel lautete »WELCOME TO THE CLUB« und hatte zwei Ebenen. Zum einen erzählt der Duft von einem Private Club in Abu Dhabi: Wärme, Opulenz, prachtvolle Blumenbouquets, später schwarzer Tee, Mandelmilch und süßes Gebäck. In der Tiefe Leder, Holz, Tabak und ein Hauch Cannabis – wie das Interieur, das den Raum trägt. Zum anderen beschreibt der Titel ein persönliches Gefühl: die leise Anerkennung, die ich während meines Sabbaticals erfahren habe. Kein »Ich bin jetzt Parfumeur«, sondern ein stilles Willkommen in einer Welt, in der Intuition, Handwerk und Emotion zusammenfinden.

Wie trägt man ein Parfum richtig und was sollten Trägerinnen und Träger darüber unbedingt wissen?

Ein Parfum sollte immer eine Aura haben, keine Wolke. Zwei, drei Sprühstöße genügen vollkommen – alles andere erschlägt und nimmt einem Duft seine Sinnlichkeit. Man parfümiert sich in erster Linie für sich selbst; es ist etwas Intimes und Zartes. Wenn jemand den Duft wahrnimmt und ein Kompliment macht, ist das schön, aber es sollte nie aufdringlich wirken. Ein guter Duft bleibt in Erinnerung, weil er spürbar ist, nicht, weil er laut ist. Was viele nicht wissen: Ein Duft verändert sich stark durch Klima und Zeit. Temperatur, Luftfeuchtigkeit und selbst die Beschaffenheit der Luft lassen eine Komposition anders klingen. Ich erinnere mich an »Amber Mystique« in Abu Dhabi – dort überwältigend schön, schwer und sinnlich, zu Hause dagegen viel zurückhaltender. Und: Nach wenigen Minuten gewöhnt sich die eigene Nase an den Duft, während andere ihn noch deutlich wahrnehmen. Düfte sind flüchtige Wesen – sie verändern sich mit dem Moment, dem Raum und mit uns.

Darf man Parfums schenken?

Ja, aber Düfte sind etwas sehr Persönliches – vielleicht sogar das Persönlichste, was man schenken kann. Wenn man ein Parfum verschenken möchte, sollte man sich Zeit nehmen, die Person wirklich zu verstehen: Welche Blumen, Aromen oder Texturen prägen ihre Welt? Dieses Gespräch ist für mich fast wichtiger als der Kauf, denn es geht nicht darum, den Bestsellerplatz zu wählen, sondern einen Duft zu finden, der sich wie eine Entdeckung anfühlt. Ich habe selbst oft Düfte verschenkt – manchmal Designer-Fragrances, wenn ich wusste, dass jemand Prada oder Dior liebt. Das ist dann eher ein Duftgeschenk. Das eigentliche Erlebnis entsteht aber erst, wenn ein Parfum wirklich zur Persönlichkeit des Beschenkten passt.

Gibt es Neuheiten in der Parfum-Entwicklung, die Sie wirklich begeistern?

Die Parfumindustrie schläft nie: Es entstehen ständig neue Rohstoffe, Moleküle und Innovationen. Ein großer Treiber sind die EU-Regularien, durch die bestimmte Substanzen wegen Allergiepotenzial oder Tierschutz vom Markt verschwinden. Die Suche nach modernen, sicheren Alternativen eröffnet völlig neue Möglichkeiten und exklusive Duftbausteine.
Spannend finde ich auch die Impulse aus Asien – vor allem aus Korea und Japan. Diese Marken bringen ein präzises, leises, ästhetisches und dennoch sehr ausdrucksstarkes Duftverständnis ein, das den globalen Dialog erweitert. Mit etwas Distanz sehe ich hingegen den Trend des Layerings. Auf Social Media wirkt es wie ein Ausdruck von Individualität, aber für mich ist eine gut komponierte Kreation in sich vollständig. Natürlich gibt es Kombinationen, die funktionieren, doch im Kern ist das ein kurzweiliger Trend. Die wahre Kunst liegt für mich in einem Duft, der seine Geschichte allein erzählen kann.

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