Ai Weiwei, »Bubbles«, 2008, Foto: OÖ Landes-Kultur GmbH, Michael Maritsch

Ai Weiwei im Kaiserpark Bad Ischl

Was utopisch klingt, hat sich soeben realisiert: Der chinesische Kunst-Star Ai Weiwei bespielt Kaiserpark, Marmorschlössel und Stallungen der Kaiservilla in Bad Ischl. Sich kritisch mit Geschichte, Politik und Kultur auseinanderzusetzen und Gegenwart mit Vergangenem in visuell monumentaler Weise miteinander zu verbinden ist auch in Bad Ischl das Wasserzeichen von Ai Weiweis Schau.

13.06.2024 - By Verena Schweiger

Kulturinteressierte und solche, die es werden wollen: aufgepasst! Derzeit läuft nicht nur die Zeitgenossenmesse Art Basel, auch rund 590 Kilometer weiter östlich, im beschaulichen Bad Ischl, macht ein Kunstereignis auf sich aufmerksam, derart nicht aller Tage auf der Agenda steht. Denn man darf es durchaus als kleine Sensation bezeichnen, dass einer der führenden Kulturschaffenden unserer Zeit, der für den Einfluss und die tiefgreifende soziale Wirkung seiner Arbeit international bekannt ist, ausgerechnet ins Salzkammergut pilgert, um die ehemalige Sommerresidenz von Kaiser Franz Joseph I. zu bespielen - Europäische Kulturhauptstadt hin oder her. »transcending boarders - Dialog mit der Hallstattkultur« titelt die Schau, die von 13. Juni bis 27. Oktober 2024 im Kaiserpark Bad Ischl zu sehen ist. Initiator des Kunst-Coups ist Alfred Weidinger, künstlerischer Leiter der OÖ Landes-Kultur GmbH (Anm. d. Red. ehemals Oberösterreichische Landesmuseen). Mit ihm verbindet den chinesischen, aktivistischen Künstler Ai Weiwei eine langjährige berufliche Gefährtenschaft und private Freundschaft. Weidinger, der 2020 von Leipzig nach Oberösterreich wechselte, ist seit seiner Bestellung der Kaiserpark in Bad Ischl und so das sich dort befindliche ehemalige Teehäuschen von Kaiserin Elisabeth, das Marmorschlössel - Standort der OÖ Kultur GmbH - sowie die Stallungen der Kaiservilla besonders ans Herz gewachsen. Nun bringt der oberösterreichische Kulturmanager einen Weltstar in die Provinz.

 

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Alfred Weidinger (l.) und Ausnahmekünstler Ai Weiwei (r.) verbindet eine langjährige Gefährtenschaft. 

Vom Belvedere in den Kaiserpark Bad Ischl

2016 zeigte das 21er Haus des Belvedere die Ai Weiwei-Schau »translocation – transformation«, kuratiert von Alfred Weidinger. Eine Schau, die Vertreibung, Migration und gewollten Ortswechsel als inhaltliche Zentren auserkoren hatte und diese auf spektakuläre Weise künstlerisch umsetzte. Unter anderem war die ortsspezifische Installation »F Lotus« bestehend aus rund 1.000 Schwimmwesten im Wasserreservoir des Belvedere-Gartens zu sehen, die Bezug auf die Flüchtlingskrise im Mittelmeer nahm und deren Fotos um die Welt gingen. Sie wurde eingerahmt von monumentalen Bronzen, den »Circle of Animals/ Zodiac Heads«, 12 überlebensgroße Köpfe, die den chinesischen Tierkreis abbilden und welche an die Zerstörung der Brunnenanlage des Pekinger Sommerpalastes durch französische und britische Truppen 1860 erinnern. Auch in Bad Ischl sind sie nahe am Wasser gebaut oder besser gesagt platziert und treten in Dialog mit der Bad Ischler Kaiservilla. Diese war nicht nur Schauplatz idyllischer Sommerfrische, sondern auch jener Ort, an dem Kaiser Franz Joseph I. sein Manifest »An meine Völker!« schrieb, das zum Ersten Weltkrieg führen sollte.

Die monumentalen »Zodiac Heads« waren eines der zentralen Werke der Ai Weiwei Schau »translocation - transformation« im Skulpturengarten des 21er Haus / Belvedere 2016.

Ai Weiweis monumentale Bronzen »Circle of Animals/Zodiac Heads« (2010) sind vor dem Brunnen der Bad Ischler Kaiservilla zu sehen.

(c) OÖ Landes-Kultur GmbH, Michael Maritsch

Ai Weiwei verbindet in der Bad Ischler Ausstellung Historie mit Gegenwart und verwebt in gewohnter Manier Werk und Vita, Büste »Artist as Invidia« (2022).

(c) OÖ Landes-Kultur GmbH, Michael Maritsch

Ai Weiweis Ritt von der prähistorischen Hallstattzeit ins Heute

Unweit von Bad Ischl befindet sich das Örtchen Hallstatt, das nicht nur für asiatische Touristen ein beliebter Anziehungspunkt ist, sondern auch Namensgeber einer prähistorischen Epoche ist, der Hallstattzeit ( 800 bis 450 v. Chr.). Teil der Sammlung der oberösterreichischen Landesmuseen sind zahlreiche prähistorische Funde, die aus dem Hallstätter Gräberfeld stammen. Sie setzt Ai Weiwei in Bad Ischl in Dialog mit Örtlichkeit, Zeit und den Fragen nach Identität, Tradition und menschlichem Erbe. Seine eigene Biografie fließt, wie sooft bei Ai Weiwei, in seine Arbeiten ein. Das Büstenselbstporträt »Artist as Invidia« (2022) lässt an die in der Kaiservilla ausgestellte Büste von Kaiserin Elisabeth denken, die Plastik »Figure Without a Brain« erinnert an so manche Porträtdarstellung von Kaiser Franz Joseph I. Ai Weiwei bleibt in Bad Ischl seinem Antriebscredo treu: »Everything is Art. Everything is Politics«.

 

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AI WEIWEI »Transcending Borders - Dialog mit der Hallstattkultur«
13.06.24 bis 27.10.24
Die Ausstellung erstreckt sich über das Marmorschlössl, den Kaiserpark und die Kaiserlichen Stallungen.
mehr Infos >>

Ai Weiwei, 1957 in Beijing geboren, wird weltweit als Künstler, Architekt, Kurator, Filmregisseur und Fotograf gefeiert. Als Sohn des berühmten Dichters Ai Qing wuchs er während dessen Verbannung in Nordchina auf und kehrte 1976 mit der Familie nach Beijing zurück. Die während seiner Zeit in New York in den 1980er Jahren gewonnenen Eindrücke von Konzeptkunst und Pop Art hat er für seine Arbeitsweise fruchtbar gemacht, die auf eine kritische Betrachtung von Kulturgeschichte sowie von chinesischen und globalen gesellschaftlichen Entwicklungen zielt.

© OÖ Landes-Kultur GmbH

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