Architekturporträt: »Harquitectes« aus Spanien
Mit ihren radikalen Ziegelkonstruktionen und surreal inszenierten Revitalisierungen von Lost Places zählen die Harquitectes in Barcelona zu den derzeit innovativsten Architekturbüros Europas. Und: Hinter den poetischen Oberflächen steckt jede Menge ökologische Raffinesse.
Fast glaubt man, noch das Klappern und Fauchen zu hören, das die alten Webstühle, Nähapparate und Dampfmaschinen einst von sich gaben. Doch die Zeiten von Vapor Cortès, dem damals bekanntesten Textilunternehmen Kataloniens, sind längst Geschichte. Heute befindet sich auf dem alten Industrieareal, rund 30 Kilometer außerhalb von Barcelona, eine Kulturfabrik, die sich vor allem um Anliegen von Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen kümmert. Mit ihrem neuen, knapp 4.000 Quadratmeter großen Hauptsitz hat die Prodis-Stiftung die ehemalige Produktion von Stoffen also zu einer Produktionsstätte von feinstofflichen Sozialdienstleistungen transformiert.
Revitalisierung Vapor Cortès
Für die Prodis-Stiftung in Terrassa, 30 Kilometer von Barcelona entfernt, haben Harquitectes eine ehemalige Textilfabrik zum Leben erweckt.
fundacionprodis.org
»Die Fabrik wurde bereits unzählige Male umgebaut und weist daher schon einige Momente von Collage, Improvisation und Unvollkommenheit auf«, sagt Josep Ricart Ulldemolins. »Wir wollten die Spuren dieser einst industriellen Struktur sichtbar belassen – mit all ihren Fehlern, Beschädigungen und Ausbesserungsarbeiten, die im Laufe der Jahrzehnte passiert sind.« Dazu gehört auch die Revitalisierung der ehemaligen Gütertrasse zwischen den beiden Bauwerken, die heute als teils verschattete, teils begrünte Fußgängerpassage zwischen Stahlträgern und alten Backsteinmauern inszeniert ist.
Für die gleichermaßen radikale wie auch außerordentliche sorgsame Revitalisierung wurde die 2024 fertiggestellte Vapor-Cortès-Fabrik bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet – darunter mit dem Premis Bonaplata, mit dem XIV BEAU Award der Spanischen Architektur- und Urbanismus-Biennale sowie mit einer Nominierung für den EU Mies van der Rohe Award. Spätestens wenn man den Innenraum mit seinen Einbauten aus massiven, wohlriechenden Holzbalken betreten hat, versteht man auch wieso. Der starke Fokus auf die sinnlichen Reize – ob Licht, ob Duft, ob Haptik – versteht sich nicht zuletzt als eine Kompensation einzelner Behinderungen und Beeinträchtigungen der hier arbeitenden Menschen.
Mit ihrem Ansatz einer einfachen, archetypischen Materialsprache, die sich traut, sägeraue Holzbalken, XXL-Bausteine aus Schutt und Beton und Gebäudeecken ohne elegante Ziegelzuschnitte einzusetzen, zählt das in Barcelona beheimatete Büro Harquitectes heute zu den innovativsten Architekturbüros Europas. Gegründet wurde das Büro mit dem stillen »H« im Namenslaut im Jahr 2000. »Und so wie beim unbetonten ›H‹«, sagt Ulldemolins, der das Unternehmen mit seinen drei Partnern Roger Tudó, Xavier Ros Majó und David Lorente Ibáñez leitet, »wollen wir mit unserer Architektur das Unsichtbare sichtbar machen.«
Bei der Casa 1616 in Barcelona, die hinter einer historischen Backsteinfassade errichtet wurde, haben Harquitectes auf jede räumliche wie auch materielle Raffinesse verzichtet und haben einfach nur zwölf geziegelte Stützen in den Innenraum gestellt. Um die Säulenwand optisch zu beruhigen, wurde der gesamte Raum in einem warmen Weiß gestrichen. »Der Raum ist wie ein unscheinbarer und doch meisterhafter Tanz zwischen Ästhetik, Konstruktion und Funktionalität«, so Ulldemolins.
Die Sichtbarmacher
2000 in Barcelona gegründet, hat sich Harquitectes darauf spezialisiert, mit wenigen Mitteln unsichtbare Schätze zu erspähen.
Von l. n. r.: Xavier Ros Majó, Josep Ricart Ulldemolins, Roger Tudó Galí und David Lorente Ibáñez.
harquitectes.com
Eines der zweifelsohne spannendsten Projekte sind die Habitatges socials 2104 in Palma de Mallorca, eine Art Wohnheim mit Mini-Apartments für betagte, aber immer noch fitte Senior:innen. Der Bauträger forderte beim Bau auf Kreislaufwirtschaft zu setzen, und Harquitectes reagierten darauf, indem sie den aus Tuffstein errichteten Altbau zerlegten, die Steine in vier mal vier Meter große Betonbecken setzten und die erhärtete Masse vor Ort schließlich zu 135 mal 42 Zentimeter großen Lego-Steinen zersägten. Das Resultat sieht ein bisschen aus wie Turron mit gerösteten Mandelsplittern – und zeigt auf appetliche Weise, wie clever und verspielt ökologisches Bauen sein kann.