Bühne Frei: Trendvorschau 2026
Im Sog der Omnikrise wird Wohnen zum Seismografen unserer Zeit: Zwischen Rückzug und Bühne, Reduktion und Ausdruck begibt man sich auf die Suche nach Stabilität. Dabei wird das Haus zum Statement. Wir haben drei Wohn-Expertinnen zu den Key Trends befragt.
Tritt man einen Schritt zurück, um ein Bigger Picture zu sehen, wird die Gegenwart noch deutlicher. Überall ist Krise: Klima, Wirtschaft, Energie, Politik. Vielfalt ist grundsätzlich positiv, bei Krisen allerdings nicht. Und nach drei Rezessionsjahren mit hartnäckiger Inflation ist die Belastungsgrenze vieler erreicht. »Wir erleben gerade die Zeit der Omnikrise«, präzisiert die Trend- und Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern die aktuelle Lage und meint damit, dass Krisen gerade gleichzeitig auftreten und sich wechselseitig verstärken. Da Horx-Strather eine ausgewiesene Expertin ist, wenn es ums Wohnen geht, kann man zudem nachfragen, wie sich ungünstige Rahmenbedingungen in den eigenen vier Wänden so widerspiegeln. »Viele reagieren mit Cocooning, ziehen sich zurück und machen es sich zu Hause gemütlich. Das Pendel kann aber auch in die andere Richtung ausschlagen. Dann setzt man auf Polarisierung und legt den Wohnbegriff abstrakter aus.«
Omnitrends
In der Interpretation könnte man zu dem Schluss kommen, dass auch Trends ein wenig wie die Omnikrise funktionieren. Sie treten gleichzeitig auf und beeinflussen sich gegenseitig. Einerseits zieht man sich ins Private zurück und legt sich ins mollig warme Einmachglas der Rückzugskultur. Andererseits wird die Wohnung zur Bühne. Möbel, Accessoires und Farben treten selbstbewusst auf, Räume werden expressiv gestaltet. Wohnen wird zum Statement. Oder man sucht sein Glück im radikalen Weglassen der Dinge und Abfeiern des Provisorischen. Rohe Materialien, unverputzte Oberflächen und sichtbare Strukturen schaffen dann eine Ästhetik, die auf Ursprünglichkeit setzt. Interior-Designerin Sabrina Haindl (uniek.rocks) erklärt: »Das Hervorheben des Unfertigen kann auch ein Sichtbarmachen des Prozesses sein, wie etwas entsteht.« Diese Reduktion aufs Wesentliche lenkt den Blick auf ein Dahinter und ist auch als Statement zu lesen, mit Ressourcen bewusster umzugehen. Zwischen diesen Polen entstehen
aber auch Mittelwege. Trendscout Alina Schartner (alinaschartner.com) beobachtet etwa, dass der Minimalismus der letzten Jahre seine Strenge verliert. Warme Naturmaterialien, texturierte Stoffe und gedeckte Erdtöne lockern ihn auf. »Wir sehen eine deutliche Bewegung in Richtung Warm Minimalism und zunehmend auch hin zu Midimalism. Eine Entwicklung, die im DACH-Raum aber erst langsam ankommt«, sagt sie. Und Oona Horx-Strathern sieht darin starke Tendenzen in Richtung Achtsamkeit: »In einer digitalisierten Zeit, sehnen wir uns nach einem haptischen und analogen Ausgleich.«
Spiegelbilder
Wo Achtsamkeit auftritt, ist Nachhaltigkeit nicht weit. Und die modifizert sich und ist oft nicht mehr auf den ersten Blick sichtbar. Neben langlebigen Naturmaterialien und Materialinnovationen rücken zum Beispiel faire Arbeitsbedingungen oder umwelt- und gesundheitsverträgliche Färbemittel stärker in den Fokus. Schartner beschreibt diese Entwicklung mit dem Begriff der sensorischen Nachhaltigkeit. »Sensorische Nachhaltigkeit geht über die traditionelle Nachhaltigkeit hinaus und betont, wie unsere gebaute Umwelt, unsere Produkte und unsere Erfahrungen die menschlichen Sinne auf nachhaltige Weise ansprechen und respektieren.« Damit rückt nicht nur der ökologische, sondern auch der emotionale und körperliche Aspekt in den Mittelpunkt. Wohnen 2026 ist damit keine reine Stilfrage mehr, sondern Ausdruck einer Gesellschaft, die sich neu sortiert. Warm Minimalism wirkt als Gegengift zur Überlastung des Alltags. Expressive Inszenierungen erlauben Kreativität und Identität. Rohe, archaische Ästhetik befriedigt das Bedürfnis nach Authentizität. Und nachhaltiges Design wird umfassender gedacht, indem es die Sinne, das Wohlbefinden und soziale Fairness einbezieht. Inmitten der Omnikrise wird Wohnen so auch zum Medium, das Orientierung gibt. Es zeigt, was wir suchen: Stabilität, Klarheit, Kreativität und eine Form von Ruhe, die nicht auf Stillstand, sondern auf Bewusstsein basiert.
Theatrales Wohnen
Werden Räume zur Bühne, ist man mitten drinnen in theatralen Wohnträumen. Mutige Farben, kontrastreiche Formen und ausdrucksstarke Möbel schaffen Atmosphäre und lassen Identität sichtbar werden. Wohnbereiche werden bewusst komponiert, Licht setzt
Akzente und Accessoires erzählen Geschichten. So entsteht ein selbstbewusstes Interior, das Emotionen verstärkt und den Alltag ästhetisch auflädt. Das geht gut, weil: »Unser Gehirn liebt es, vielschichtige Sinneseindrücke zu genießen«, wie Trend-Expertin Alina Schartner erklärt.
Farbregie
Der spanische Meister-Regisseur Pedro Almodóvar entwickelte für Interior-Klassiker von Roche Bobois eine eigene Farb- und Bildwelt. Das knallt film- und bühnentauglich.
roche-bobois.com
Beckenrandschwimmer
Für das skulpturale Sofa »Poolside« dienten – Überraschung – Swimmingpools als Inspiration. Cool abhängen am Beckenrand mit
bretz-nuernberg.de
Lagerfeuer
Warum nicht einmal eine Lampe wie ein Lagerfeuer gestalten, dachte sich Jun Takeda von Hybe Design Team aus Tokio.
designhousestockholm.com
Villa Kunterbunt
Wenn sich das spanische Designer-Duo hinter Masquespacio eine Villa am Land einrichtet, wird’s expressiv und die Grenzen zwischen Arbeit, Wohnen und Showroom verwischen.
masquespacio.com
Warm Minimalism
Dieser Stil vereint puristische Klarheit mit spürbarer Wärme. Natürliche Materialien, weiche Texturen und ruhige Erdtöne
nehmen dem Minimalismus seine Strenge und schaffen eine gelassene Atmosphäre. Wenige, ausgewählte Stücke setzen Akzente, ohne zu überfordern. Der Fokus liegt auf Qualität und Harmonie, wodurch ein reduziertes, aber zutiefst menschliches Wohngefühl entsteht. Oder wie Interior-Designerin Sabrina Haindl zusammenfasst: »Ein milder Mix aus Holz, Stoff und Struktur. Mit Herz dezent eingesetzt.«
Stilbruch
Dass sich mit Naturstoffen wie Rattan die minimalistische kühle Stahlrohrästhetik vom Bauhaus brechen lässt, wusste Mies van der Rohe bereits 1927. Hier sein Klassiker »S 533 RF«.
thonet.de
Doppelfunktion
Ob »Sooso« ein Hocker oder doch ein Coffeetable ist, weiß das gute Stück aus gemasertem Holz selbst nicht so genau.
walterknoll.de
Kanne kann was
Annebet Philips präsentiert eine Teekanne und zaubert mit experimentierfreudiger Playfulness ein Lächeln in die Tee-und Kaffeerunde.
serax.com
Nachhaltigkeit Plus
Hier wird Nachhaltigkeit umfassend verstanden. Langlebige Materialien, faire Produktionsprozesse und innovative Ansätze bilden die Basis. Gleichzeitig rückt sensorische Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt: Materialien, Farben und Oberflächen sollen die Sinne respektieren, Gesundheit fördern und emotionales Wohlbefinden stärken. Nachhaltigkeit wird damit spürbar, ganzheitlich und in den Alltag integriert.
Zum Dahinschmelzen
Die »Melt Wall Clock« erinnert an Dalí und bringt nachhaltigen Pep ins Wohnambiente. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.
fermliving.com
Kreislaufwirtschaft
Paneele und Möbelmodule aus Flachs, Hanf, recycletem PET, Stoff- und Lederresten sorgen für gutes Raumklima und gute CO2-Bilanz.
vank.design
Neue Rohheit
Unfertige Oberflächen, rohe Materialien und sichtbare Strukturen prägen diesen Ansatz. Beton, Holz oder Stein dürfen ihren ursprünglichen Charakter zeigen und verleihen Räumen eine ehrliche, archaische Note. Der Entstehungsprozess wird sichtbar, was eine besondere Form von Authentizität schafft. Reduktion auf das Wesentliche stärkt das Bewusstsein für Materialität und echte Wertigkeit. Für Oona Horx-Strathern eine typische Gegenreaktion auf krisenbedingtes Cocooning.
Guter Fang
Der Stuhl »Patch Air«, hergestellt aus alten Fischernetzen, kombiniert 3D-Druck mit Handweberei und lässt bewusst Leerstellen als Sichtfenster in den Produktionsprozess.
patchair.com
Erfolgswelle
»Bure Wave« heißt dieses Sofa und macht sich perfekt in einer postindustriellen Loftlandschaft.
eilersen.eu
Lichtspalt
Der Künstler Lucas Zito betont in seiner Lichtobjekt-Serie »Patch« kleine Fehler, Risse und Lücken. Ein handwerkliches Statement aus Bioplastik und Maisstärke gegen digitale Fertigung.
lucaszito.com
Fluid Comeback
Fließende Raumkonzepte ersetzen starre Grundrisse. Multifunktionale Möbel, organische Formen und sanfte Rundungen schaffen Bewegung und Leichtigkeit. Biophile Elemente wie Pflanzen und Naturtöne verbinden Innenraum und Natur auf harmonische Weise. Flexibilität wird zum Prinzip, sodass Räume sich intuitiv an wechselnde Lebenssituationen anpassen und lebendige Übergänge entstehen. Das betrifft übrigens auch Arbeitsräume, denn: »Dort verbringt man eine beachtliche Zeit weil auch hier alles so wohnlich wie möglich gestalten«, meint Sabrina Haindl.
Blumig
Beim Lichtobjekt »FLWR« trifft Handwerk auf algorithmisches Design und Biokunststoff. Jede Leuchte ist ein buntes Unikat.
uaushop.eu
Brummelig
Das Sofa »Shibari« ist ein skulpturaler Brummer, der trotzdem fluid und luzid im Raum Präsenz zeigt. pinto.fr