Ein Spiel mit Fäden: Nadja Svarovski im Interview
Nachhaltig, zeitlos und very british: Nadja Swarovski über ihr jüngstes Herzensprojekt, das Modelabel Really Wild, das die schottische Handwerkskunst der Tweed-Verarbeitung hochhält.
LIVING Sie haben bereits als Chefin von Swarovski mit namhaften Modedesigner:innen kooperiert. Wann ist der Traum entstanden, ein eigenes Fashionlabel zu haben?
Nadja Swarovski Ich wollte schon bei Swarovski Visionen in die Realität umwandeln. Jetzt bin ich von Kristallen zu Kaschmir gewechselt – in ein weicheres Milieu. Die Modebranche ist viel fluider und was mich schon immer an ihr fasziniert hat, ist die Verbindung zur Tradition, wie mit Handwerk umgegangen wird. Mein Traum war immer, ein Produkt zu kreieren, das relevant ist. Und mit Really Wild, das die schottische Kunst der Tweed-Verarbeitung hochhält, bin ich dem einen großen Schritt nähergekommen.
Mode steht durch Überproduktion und Umweltverschmutzung in der Kritik. Wie kann man dem entgegenwirken?
Wir haben die Vergangenheit als Vorbild genommen, als Modeschöpfer Pieces for a Lifetime kreierten. Fast Fashion ist das Gegenteil davon, sie setzt auf schnelleTrends und schlechte Qualität. Aber ich glaube, viele Menschen schätzen es immer mehr, dass etwas nicht in Massenproduktion gefertigt, sondern nachhaltig im eigenen Land entsteht. Unseren Handwerksbetrieben, mit denen wir kooperieren, sind das Wohl der Schafe und der Natur wichtig. Das merkt man auch am fertigen Produkt, das länger dauert. Es ist eine große Sehnsucht nach Slow Luxury entstanden, nach Dingen, von denen man weiß, wie und wo sie hergestellt wurden.
Schon die britische Designerin Vivienne Westwood meinte, man solle weniger kaufen, aber dafür in guter Qualität.
Fast Fashion befriedigt ein oberflächliches Bedürfnis, ständig etwas Neues zu haben. Die Sachen nur einmal zu tragen und sie dann wegzuwerfen. Wir wollen unsere Kund:innen davon überzeugen, gut zu investieren, und dann ein Kleidungsstück zu haben, das für immer hält. Wir versuchen nicht, Trends hinterherzulaufen. Warum auch? Das beste Beispiel, dass es ohne Trends geht, sind die österreichischen Janker, die man lässig zur Jeans tragen kann, aber auch zu Black-Tie-Events. Das ist ein kulturelles Erbe, auf das man stolz ist. Wie in Österreich der Loden, sind Tweeds in England ein beliebtes Gut: Einst Symbol ländlicher Tradition, sind sie heute ein fester Bestandteil urbaner Mode und Ausdruck zeitloser Stilkultur.
Tweeds sind eigentlich eine frühe Form von Funktionskleidung?
Absolut. Sie sind für jedes Wetter geeignet, eine Arbeitskleidung, mit der man holzhacken und die Tiere zusammentreiben konnte. Dieser traditionelle Tweed ist sehr schwer, wir versuchen ihn leichter, fließender und femininer zu machen. Wir spielen mit den Fäden. Nachhaltigkeit war schon bei Swarovski ein riesiges Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Als Really Wild Clothing an mich herangetragen wurde, war ich eigentlich nicht interessiert, in eine Modemarke zu investieren. Aber nachdem ich die Liste der Lieferant:innen gesehen hatte, war mir schnell klar, dass ich mit dieser Marke am Paradigmenwechsel in der Modeindustrie mitwirken kann. Ich stelle zum Beispiel in Frage, ob es unbedingt zwei oder vier Saisonen im Jahr braucht.
Wie sieht die Zusammenarbeit in England konkret aus?
Es war fantastisch, all diese kleinen Webereien zu besuchen, zu sehen, mit welchem Stolz und welcher Liebe da gearbeitet wird. Diese Leute müssen gefeiert und unterstützt werden. Oft hängen ganze Dörfer von den lokalen Werkstätten ab. Wir arbeiten zum Beispiel mit der Weberei Linton Tweeds zusammen, mit der Coco Chanel schon in den 1920er-Jahren kooperiert hat. Das ist noch immer ein Familienbetrieb. Die großen Modelabels nennen in den seltensten Fällen die Namen ihrer Produktionsstätten. Wir wollen den Scheinwerfer bewusst auf sie lenken, damit sie erhalten bleiben und mehr Arbeit bekommen.
Mode soll weibliches Empowerment sein?
Mir war immer wichtig, dass sich Frauen wohl fühlen in dem, was sie tragen. Die prägendste Inspiration für mich war der britische Designer Alexander McQueen. Es hat sich nichts besser angefühlt, als in beruflichen Situationen einen Hosenanzug von ihm zu tragen: diese breiten Schultern und dazu eine schmale Taille. Das war meine Uniform. Das hat mich inspiriert, für Frauen mit Tweeds Outfits zu kreieren, in denen sie sich stark, fesch und perfekt gekleidet fühlen.
Als Models präsentieren Amelia und Eliza Spencer, die Nichten von Lady Di, Ihre Mode. Wie ist der Kontakt zur britischen Aristokratie zustande gekommen?
Prinzessin Kate hat die Marke schon früh getragen, bevor sie verheiratet war. Ihre Mutter war eine sehr gute Freundin von Natalie Lake, die Really Wild 2002 gegründet hat. Wir wollten mit Gesichtern arbeiten, die nicht aus der Modewelt sind. So sind wir auf Maye Musk gekommen, die als stylische ältere Frau ein Vorbild ist. Die Spencer Twins reflektieren englische Geschichte. Ihre Eleganz ist natürlich. Sie sind jung, glamourös, hier sehr bekannt, und trotzdem unglaublich bodenständig geblieben. Die perfekte Mischung, um Really Wild zu verkörpern.
Nadja Swarovski war 26 Jahre lang für den Kristall-Familienbetrieb in Wattens zuständig und bewies dabei Kreativität und Offenheit – so arbeitete sie mit Modegrößen wie Alexander McQueen, Jean Paul Gaultier oder Karl Lagerfeld zusammen. 2024 erwarb sie gemeinsam mit ihrem Mann Rupert Adams eine Mehrheitsbeteiligung am britischen Label Really Wild Clothing.
reallywildclothing.com