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Stefan Gergely

Wie machen wir Tradition zukunftsfit?

LIVING Interview
Architektur
Design
Kunsthandwerk

Wie gehen wir mit Bräuchen und Traditionen um? Und wie tragen wir die Geschichte unserer Vorfahr:innen am besten in die Zukunft weiter? Darüber sprechen Architektin Renate Allmayer-Beck, Restauratorin Susanne Beseler und der Wiener Tischlermeister Martin Aigner.

LIVING: Welche Bräuche und Traditionen pflegen Sie in Ihrem eigenen Leben?

Martin Aigner: Ich bin Vater zweier Kinder und da ist Weihnachten natürlich ein wichtiger Moment im Jahr, der uns verlangsamt, nachdenklich macht und zum Singen und Keksebacken animiert. Das ist eine Tradition, die ich sehr mag!

Susanne Beseler: Ich bin in der DDR aufgewachsen und die Bräuche meiner Kindheit sind geprägt von sozialistischen Aufmärschen, Fahnenappellen und Pioniernachmittagen. Doch dafür erinnere ich mich an einen wirklich schönen, heidnischen Osterbrauch, den meine Mutter pflegte und den ich nun an die Familie meines Sohnes weitergeben durfte – nämlich den Spaziergang zum Bach, das Holen von Osterwasser und das schweigsame Trinken davon zu Hause. Das ist im übertragenen Sinne der Start eines neuen Jahres.

Renate Allmayer-Beck: Und auch der Abschied gehört dazu. Ich habe letztes Jahr meinen Mann verloren und ich habe gesehen, wie wichtig es ist, dem Tod und der Trauer Raum zu geben. Das Pflegen und Zelebrieren von Leben und Tod – ob das nun Geburt, Hochzeit oder Abschied betrifft – sind ein wichtiger emotionaler Brauch, der uns hilft, uns zu strukturieren.

Sie haben vor allem spirituelle und religiöse Gepflogenheiten genannt. Woher kommen denn Bräuche und Traditionen eigentlich?

Aigner: Die Ursprünge können sehr vielfältig sein, ob das nun Kultur, Religion oder soziale Traditionen sind.

Beseler: Bräuche sind auch ein soziales Ordnungsprinzip.

Aigner: Die große Gemeinsamkeit all dieser Bräuche liegt darin, soziale Kohäsion auszuhandeln und Regeln für ein gutes Miteinander festzulegen. Bräuche sind ein zentraler Motor für eine funktionierende Zivilgesellschaft. Gleichzeitig aber sehen wir aktuell, wie Bräuche geopolitisch als Sprungbrett für Populismus dienen können – und wie sie zur Ausgrenzung oder zur Beschwörung eines Gegeneinanders missbraucht werden.

Ich möchte mich im Gespräch gern auf die Tradition im baulichen Kontext konzentrieren. Wann haben wir begonnen, die Vergangenheit und die Werte unserer Vorfahr:innen zu schätzen?

Allmayer-Beck: Die Geschichte folgt von jeher gewissen Kurven. Manche Gesellschaften waren der Pflege unseres baulichen und kulturellen Erbes sehr verbunden, andere wiederum haben immer wieder Tabula rasa gemacht und sich des Alten entledigt, um sich Neuem widmen zu können. Das war ein ständiges Auf und Ab. Im Mittelalter diente das Kolosseum in Rom als Steinbruch, im 18. Jahrhundert wurden viele gotische Kirchen barockisiert und die Moderne hätte am liebsten alles Alte entfernt und komplett neue Städte errichtet. In letzter Zeit erkenne ich wieder ein deutliches Rückbesinnen auf unsere Geschichte, ein Bekenntnis zu Pflege und Weitertradieren. Aber auch das wird sich wieder ändern.

Beseler: Wirklich? Wir haben noch nie so kurzlebig und so minderwertig gebaut wie heute. Viele Gebäude stehen keine 30, 40 Jahre, bevor sie wieder abgerissen werden. Keines dieser Häuser wird 100 oder 500 Jahre stehen, wie das früher üblich war.

Und wie ist das im Handwerk?

Aigner: Ein bisschen anders als in der Architektur. Über viele, viele Jahrhunderte und Generationen war das Holzhandwerk etwas sehr Beständiges und wir wissen, dass Möbel wie etwa Truhen, Kommoden und Schränke über viele Generationen weitergegeben und weitervererbt wurden. Viele von uns haben auch heute noch ein Biedermeier-Stück zu Hause stehen. Mit der Industrialisierung kam ein erster grober Schnitt und mit dem Aufkommen von Kunststoffen eine zweite Revolution, die alles verändert hat: Plötzlich gab es  Kunststoffe, verklebte Spanplatten und allerlei technische Möglichkeiten, um den Möbelbau schneller und billiger zu machen. Damit hat sich alles verändert.

Allmayer-Beck: Das hat den Möbelbau erschwinglicher und leichter verfügbar gemacht. Die industrielle Fertigung und neue Werkstoffe haben auch zu neuen Entwicklungen wie etwa der Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky geführt.

Beseler: Projekte wie die Wiener Werkbundsiedlung zeigen, wie eine maßgeschneiderte Einrichtung für die Durchschnittsbürgerin, den Durchschnittsbürger plötzlich erschwinglich geworden ist.

Aigner: Und heute haben wir Ikea. Damit ist der Designbegriff endgültig im Mainstream angekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber es hat auch seinen Preis: Mit kultureller Herkunft hat dieses Fast Design nicht mehr viel zu tun.

Die Architektin
Renate Allmayer-Beck hat ein Faible für klassisches Bauen im Geiste von Jahrhundertwende und Tradition. Zeitloses Design und gutes Handwerk weiß sie besonders zu schätzen. mobimenti.at

© Stefan Gergely

Die Restauratorin
Der Erhalt des Alten ist für Susanne Beseler ihr täglich Brot. Doch besonders spannend findet die ÖRV-Präsidentin die Bereitschaft, Tradition zu transformieren und weiterzudenken. orv.at

© Stefan Gergely

Frau Beseler, Sie sind ja ausgebildete Keramikerin und waren als solche in der DDR beruflich tätig. Stellenwert Tradition?

Beseler: Schwierig zu beantworten! Einerseits gab es im DDR-Regime wenig Tradition, weil sich das Land mit dem DDR-Design quasi neu erfinden wollte. Andererseits war gerade Keramik ein Nischenprodukt, es haben sich viele Stile entwickelt, und nachdem industrielle Brennöfen schwer zu bekommen waren, griffen viele auf die Tradition von Freilandöfen und Salzglasuren zurück, die man auch heute noch zuhauf von Flohmärkten kennt. Tradition hat immer auch mit der politischen und wirtschaftlichen Situation in einem Land zu tun.

Allmayer-Beck: Politische und wirtschaftliche Macht sind in der Tat wichtige Aspekte! Politik und Wirtschaft haben Tradition immer schon mit geformt.

Beseler: Und nicht zu vergessen: die kirchliche Macht!

Aigner: Auch im Möbelbau gab es immer wieder Trends und Modeströmungen – eigentlich bis heute. Gleichzeitig sehe ich, wie neue Techniken und Fertigungsmethoden die Formensprache unserer Möbel nachhaltig beeinflussen. Ein bemalter Bauernkasten oder eine barocke Vitrine lassen sich mit der technisch ausgereiften Produktionsweise von heute kaum noch herstellen. Die Technik führt leider auch zu einer Globalisierung und Vereinheitlichung.

Allmayer-Beck: Bei einer kleinen Lade kann man eine Tischlerin, einen Tischler heute kaum noch überzeugen, traditionelle Holzleisten als Schiebeelemente zu verwenden. Auch Klavierbänder oder außen liegende Kastenscharniere werden nicht gern ausgeführt. Alles muss Super-Hightech sein!

Und welche Trends und Modeerscheinungen beobachten Sie gerade?

Aigner: Eine Zeit lang war alles weiß und neutral und bestenfalls in Eiche. Und nun merke ich, wie sich die Leute wieder nach Wärme, Ausdruck und Charakter sehnen.

Frau Allmayer-Beck, sehen Sie diese Entwicklung auch?

Allmayer-Beck: Die Kund:innen, die zu mir kommen, gehen meist nicht mit der Mode, sondern wünschen sich einen klassischen Maßanzug – und das schon seit Jahrzehnten. Meine Projekte sind in der Tat zeitlos.

Eine zitronengelbe Küche wird man bei Ihnen nicht finden?

Allmayer-Beck: Zitronengelb vielleicht schon, aber nicht farblich bunt durchmischt.

Aigner: Bei uns schon! Unsere Entwürfe brechen gern mit Konventionen auf der Suche nach Authentizität.

Allmayer-Beck: Ich finde es aber wunderbar, dass man mit unseren Tischler:innen, Schlosser:innen und Tapezierer:innen hochwertige Möbel entwickeln kann – in welchem Stil auch immer! Ist doch toll, dass Handwerk noch einen so hohen Stellenwert hat.

Der Tischler
Martin Aigner, der eine Tischlerwerkstatt am Wiener Gürtel betreibt, bricht zwar gern mit gestalterischen Konventionen, legt aber größten Wert auf Qualität und Langlebigkeit. handgedacht.wien

© Stefan Gergely

V. l. n. r. Susanne Beseler, Restauratorin für Stein und Architekturober­fläche und Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer Restauratorinnen und Restauratoren (ÖRV), Renate Allmayer-Beck, Geschäftsführerin des Architektur- und Design­büros Mobimenti, und Martin Aigner, Co-Geschäftsführer des Wiener Tischlereibetriebs Handgedacht.

© Stefan Gergely

Was sind die globalen Unterschiede in dem, wie wir Tradition denken und pflegen?

Beseler: Italien zählt historisch bedingt wahrscheinlich zu jenen Ländern, die das Alte am stärksten schätzen und pflegen und wo auch die Konservierung und Restaurierung traditionell tief verankert sind. Aber generell spielt Restaurierung heute in ganz Europa eine sehr große und wichtige Rolle.

Allmayer-Beck: In Japan ist großartig, wie das Alte neben dem Neuen existieren kann. Das fügt sich nahtlos ineinander, es ergänzt einander, es gibt nicht wirklich eine Konkurrenz. Ich finde das echt faszinierend.

Beseler: Ja, das finde ich auch sehr inspirierend. Wobei es zwischen Stadt und Land sehr große Unterschiede gibt! Was mir aber auch auffällt, ist eine gewisse Bereitschaft zur Transformation von Tradition – mit durchaus unterschiedlichen Tendenzen.

Und zwar?

Beseler: Es gibt zwei unterschiedliche Tendenzen: Die einen behalten die Formensprache, passen sich damit dem regionalen Kanon an, bauen aber mit neuen oder innovativen, zeitgenössischen Materialien. Die anderen wiederum bauen sehr modern, verwenden dafür aber alte, traditionelle Baustoffe wie etwa Holz, Stein oder Lehm. Gerade Letzteres finde ich einen vielversprechenden Ansatz.

Aigner: Das klingt super, was Sie sagen, aber das trifft nur auf wenige Regionen zu. Da, wo ich aufgewachsen bin, sieht man so eine Transformation von Tradition nicht wirklich. Was man dafür sieht, sind technisch perfekt errichtete Einfamilienhäuser, gebaut für die Ewigkeit, die eine hohe Ausführungsqualität an den Tag legen, aber keine baukulturelle! Das mag zwar gutes Bauen sein, aber keine gute Architektur.

Allmayer-Beck: Leider! Es liegt in unserer Verantwortung, das Niveau zu heben.

Einerseits spielen Traditionen eine große Rolle: Sie selbst beziehen sich in Ihrer Arbeit auf die Moderne, auf traditionelles Handwerk, auf die Pflege alter Kulturgüter. Andererseits aber darf Tradition niemals eine Käseglocke werden. Wie findet man da die richtige Balance?

Allmayer-Beck: Eine schwierige Frage! Vieles entsteht im direkten Gespräch mit meinen Auftraggeber:innen und Kund:innen. Allein schon durch den Entwurf- und Aushandlungsprozess sehe ich die Gefahr der Käseglocke nicht wirklich.

Aigner: Ich auch nicht. Dafür haben wir viel zu viel Spaß am Entwerfen, Entwickeln und Ausprobieren.

Wie viel Freiheit erlaubt die Restaurierung?

Beseler: Viel Kreativität Denken, aber keine künstlerische und gestalterische Freiheiten! Unsere Aufgabe ist es, das historische Objekt zu verstehen und unser Tun und Handeln in den Dienst dieses Objekts zu stellen – ob das nun eine klassische Restaurierung ist oder eine Rekonstruktion mit maschineller Unterstützung, mit CNC-Fräsen und digitalen 3-D-Modellen.

Allmayer-Beck: Bei der Sanierung von Margarete Schütte-Lihotzkys Wohnung, die ich leiten durfte, war das genauso: Jede Entscheidung hatte sich dem Bestand, der Geschichte, den mündlichen, textlichen und bildlichen Überlieferungen unterzuordnen. Auch eine schöne Aufgabe!

Mit welchen Fragen und Problemstellungen beschäftigen Sie sich derzeit?

Aigner: Ein großes Thema, mit dem wir uns beschäftigen, sind Re-Use, Recycle und Kreislaufwirtschaft. Ich finde es wahnsinnig schade, dass wir bis heute nur in Euro rechnen – und immer noch keine CO2-Bilanz für Projekte und Produkte vorlegen müssen. Und ich würde mir wünschen, dass die Firmen, die ein Material auf den Markt bringen, am Ende des Lebenszyklus verpflichtet wären, es auch wieder zurückzunehmen. Die Welt wäre eine andere!

Beseler: Als Präsidentin des ÖRV, des Berufsverbands Österreichischer Restauratorinnen und Restauratoren, würde ich mir wünschen, dass der Berufstitel endlich geschützt und reguliert wird. Bis heute kann sich jede:r Restaurator:in nennen, die oder der das will, doch ohne die nötige Ausbildung, Kompetenzen und Praxiserfahrung kommt es immer wieder zu Schäden an unseren Kulturgütern.

Allmayer-Beck: Das ist ein freies, ungeschütztes Gewerbe? Interessant!

Beseler: Ja. Leider.

Gibt es ein Experiment, das Sie gern mal wagen wollen, bei dem Sie mal so richtig auf den Putz hauen könnten – ganz ohne Rücksicht auf Konventionen und Traditionen?

Beseler: Als Ausgleich zu meinem sehr disziplinierten Beruf bin ich in meiner Freizeit leidenschaftliche Malerin. Ich kleckse und saue unprofessionell herum, mit böser Acrylfarbe, wie es mir gefällt, keine Spielregeln, keine No-Gos, einfach großartig!

Allmayer-Beck: Fachwechsel! Wenn ich mal nicht mehr als Architektin tätig sein werde, will ich alle Bücher lesen, die noch ungelesen im Regal stehen.

Aigner: Ich würde gern wieder mal ein Projekt entwerfen und dabei alle ökonomischen und normativen Zwänge außer Acht lassen. Einfach nur wild austoben. Ach, das wäre so befreiend!

Zum Abschluss: Welchen Brauch, welche Tradition könnte man ad acta legen?

Allmayer-Beck: Die Christkindlmärkte in der Innenstadt und vor dem Schloss Schönbrunn. Das ist der reinste Jahrmarkt geworden.

Aigner: Die Tradition, alles mit dem Auto erledigen zu müssen.

Beseler: Halloween. Nein, danke!

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 9/2025

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Wojciech Czaja
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