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© James Silverman

Europas Norden: Diese Bauwerke sind zu Recht ganz oben

Architektur
Bau
Bauwesen

Warmes Holz und kühles Klima, Individualismus und Gemeinschaftssinn, Design von hoher Qualität und ökologische Ambition. All das und viel mehr macht die skandinavischen und nordischen Länder zu Innovationslaboren der Architektur. Eine Rundreise.

Was haben ein Auto, ein Waldspaziergang und 3.600 Kubikmeter Holz miteinander zu tun? Sehr viel, wenn man sich gerade in Schweden befindet, und noch mehr, wenn man in der World of Volvo in Göteborg steht. Diese riesige Erlebniswelt, eröffnet 2024 zum 97. Geburtstag der Automarke, ist so etwas wie die Essenz des Skandinavischen. Das Design basiert auf dem schwedischen Selbstverständnis des »Allemansrätten«, dem grundlegenden Recht, sich frei im Land zu bewegen, auf öffentlichem und privatem Grund.

Runde Sache
Auf ganz natürliche Art wird in der World of Volvo in Göteborg die 100-jährige Geschichte des Automobilkonzerns gewürdigt. Mit wagemutiger Holzbaukonstruktion und Respekt vor der Natur. Typisch schwedisch eben.
henninglarsen.com

© James Silverman

Spirit und Form

»Unser Ziel war es, dem schwedischen Spirit eine Form zu geben. Die runde Form, das Material Holz, die Verbindung mit der Landschaft, die Offenheit, all das sind Teile unserer kollektiven Identität«, sagt Martin Stenberg Ringnér, als Associate Design Director im Planungsbüro Henning Larsen für die Volvo-Welt verantwortlich.

Die Liebe zur Natur entspricht unserem »Strickpullover, Fjord und pittoresker Bartwuchs«-Bild von Skandinavien, doch dahinter steckt mehr als nur Romantik. In der World of Volvo mit ihrer hochkomplexen Holzkonstruktion, die der Struktur eines Baumes nachgebildet ist, lässt sich erspüren, dass Natur und Hightech in Skandinavien kein Widerspruch sind. Im Gegenteil: Europas Norden ist ein Innovationslabor des Zusammenlebens.

Das wissen auch Architekt:innen und Stadtplaner:innen schon längst. Dass Büros wie Snøhetta aus Oslo und BIG aus Kopenhagen zu Architektur-Weltstars geworden sind, ist kein Zufall. Es verdankt sich einem Mindset, das Individualismus und Gemeinschaftssinn ebenso ausbalanciert wie Stadt und Natur. Ob es um intelligente und grüne Technologien geht, um himmelhohe Holzkonstruktionen, um fußgängerfreundliche Städte oder um Re-Use und Urban Mining: In all diesen Bereichen ist Skandinavien dem Rest voraus.

Öko-Labor zum Wohnen
Sieben Prototypen von Living Places Copenhagen wurden in der dänischen Hauptstadt realisiert. Sie weisen einen besonders niedrigen CO₂-Fußabdruck auf.
effekt.dk

Foto beigestellt

Luftige Höhe
Bergwandern auf dem Dach des Lake House in Südschweden: Dieses fungiert als Treffpunkt für die Bewohner:innen des neuen Wohnquartiers Wendelstrand.
snohetta.com

© Kalle Sanner, Snøhetta

Moos am Dach

Auch Snøhetta selbst hat trotz globaler Großaufträge seinen skandinavischen Spirit nicht verloren. Das Lakehouse in Südschweden ist das beste Beispiel dafür: Eine Art Dorfhaus für die neue Siedlung Wendelstrand, fügt es sich mit einem begehbaren und mit Moos und Heidelbeeren bepflanzten Dach in die Umgebung ein. »Der langgestreckte Bau schafft einen nahtlosen Übergang zwischen Alt und Neu, Innen und Außen, privaten und gemeinschaftlichen Räumen«, erklärt Architektin Anne Cecilie Haug. Alleine im Wald, dann gemeinsam am warmen Herd – eine schwedische Ur-Erfahrung.

Auch in Dänemark wird der Gemeinschaftssinn hochgehalten und mit dem ökologischen Fortschritt fusioniert. Das von Effekt Architects, Artelia und VELUX entwickelte Konzept Living Places hat einen dreimal niedrigeren CO2-Fußabdruck als der dänische Durchschnitt und bietet gleichzeitig leistbares Wohnen in komfortabler Hülle. Sieben Prototypen sind bereits in Kopenhagen zu begutachten, das Konzept soll künftig in Serie gehen.

Wohl den größten Kontrast zwischen einsamer Wildnis und Großstadt bietet Norwegen, und das spiegelt sich auch in der Architektur. Am einen Ende die einsame Hütte am Nordkap, am anderen zum Beispiel das Projekt Fjordporten neben dem Hauptbahnhof Oslo. Dieses ist Teil des Masterplans »Nordisk Lys« (Nordlicht) von Reiulf Ramstad und C.F.Møller Architects und sieht einen Sockel vor, der als Verkehrsknotenpunkt den Bahnhof ergänzt, darüber türmen sich mehrere Kuben für Büros. Natürlich in Holzkonstruktion, denn beim Thema »Wolkenkratzer aus Holz«, das sich zu einem globalen Wettbewerb entwickelt hat, will Norwegen seine Führungsposition ausbauen.

Leichte Schwere
Fast zu schweben scheinen die Fassaden des Dance House in Helsinki. Das Haus für den Tanz ist Teil von Finnlands größtem Kulturquartier in einer ehemaligen Kabelfabrik.
jkmm.fi

© Hannu Rytky

Nordischer Kultur-Transfer
Ebenfalls in einem Industrie-Areal entsteht das Kulturquartier im norwegischen Tromsø. Der Entwurf stammt vom finnischen Büro ALA Architects und Nordic Office of Architecture aus Oslo.
ala.fi

© ALA and Nordic Office of Architecture

Land des Glücks

Finnland ist, wie man weiß, kein Teil Skandinaviens, sondern ein nordisches Land, aber das grämt die Finn:innen keineswegs, schließlich sind sie vielen Umfragen zufolge das zufriedenste Volk der Welt. Warum das so ist? Darauf gibt es viele Antworten. Auch eine von JKMM Architects aus Helsinki, einem der größten Architekturbüros des Landes. »Eine gut funktionierende Gesellschaft basiert auf einer fortgeschrittenen Technologie, einer gesunden Wirtschaft und Fairness im Umgang miteinander.«

Klingt fast skandinavisch, oder? Schon, aber in Finnland fühlt man sich in puncto Design und Handwerk den schwedischen Nachbar:innen deutlich überlegen, und die Holzbau-Expertise wird hier weniger im Höher-Schneller-Weiter – wie in Norwegen – praktiziert. In Finnland geht es stiller und feiner zu. Das zeigt sich im Neubau des Dance House in Helsinki, für das JKMM mit ILO Architects ein ehemaliges Kabelwerk zu Finnlands größtem Kulturzentrum adaptierten. Die beiden ab-strakten Scheiben der Fassade scheinen zu schweben wie zwei Tanzende. Eine subtile Art, Tanz in Architektur zu übersetzen – eine finnische Art. So wie die Wände beim Dance House halten bei der Rundreise in Europas Norden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihre perfekte Balance. Und man kehrt als Besucher:in mit etwas heimlichem Neid zurück.

Waldgrünes Office
Auch für alltägliche Zwecke bietet Skandinavien hohe architektonische Qualität. Für das neue Bürohaus Lumber 4 in Oslo wurde die gekrümmte Fassade mit grünem Teer behandelt.
oslotre.no

© Kyrre Sundal

Hoch hinaus
Ein vertikaler Akzent wird sich künftig neben dem Hauptbahnhof Oslo auftürmen, wenn das Projekt Fjordporten in Form des höchsten Holzhauses realisiert wird.
cfmoller.com

© Reiulf Ramstad Arkitekter/C.F. M

Erschienen in
Falstaff Residences 01/2025

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Maik Novotny
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