Female Design Power: Was Österreichs Interior-Designerinnen antreibt
Interior Design bewegt sich heute im Spannungsfeld zwischen Ästhetik, Funktionalität und Verantwortung. Österreichs Interior-Designerinnen setzen unterschiedliche Schwerpunkte – von klarer Formensprache bis zu materialbewussten Konzepten. Was sie antreibt und welchen Stellenwert Nachhaltigkeit in ihrer Arbeit hat, zeigen sie hier.
Wie wir wohnen, ist heute mehr denn je eine bewusste Entscheidung: Räume sollen funktionieren, Atmosphäre schaffen und gleichzeitig den eigenen Lebensstil widerspiegeln. Interior-Designerinnen reagieren auf diese Ansprüche mit differenzierten Konzepten, die weit über reine Gestaltung hinausgehen – und zeigen, wie unterschiedlich zeitgemäßes Wohnen – und Arbeiten – gedacht werden kann.
Funktion führt zu Atmosphäre
Für die Wiener Designerin Elke Altenberger entsteht Atmosphäre dort, wo Funktion gut gelöst ist. Ein Raum kann noch so stilvoll aussehen, sagt sie – wenn Abläufe nicht funktionieren oder Stauraum fehlt, wird man sich darin langfristig nicht wohlfühlen. »Ich starte jedes Projekt mit den Lebensgewohnheiten meiner Kundinnen und Kunden. Wie wird der Raum genutzt? Welche Routinen gibt es im Alltag? Wo braucht es Struktur, Rückzug oder Flexibilität?«
Elke Altenberger
Bei Materialien achtet die Interior-Designerin auf Qualität und Langlebigkeit: »Massivholz, Naturstein oder hochwertige Textilien entwickeln über die Jahre oft eine schöne Patina, die einem Raum Charakter verleiht.«
Technologische Entwicklungen verändern das Arbeiten im Interior-Design rasant, berichtet Altenberger, da KI innerhalb kürzester Zeit Raumideen, Visualisierungen oder Stilvarianten generieren kann. »Deshalb wird der menschliche Aspekt wichtiger. Räume entstehen nicht aus Algorithmen, sondern aus dem Verständnis für die Lebensweisen, Gewohnheiten, Bedürfnisse und oft auch unausgesprochenen Erwartungen von Menschen.«
Persönliche Form des Wohnens
Lena Rieser-Knab aus Kirchbichl in Tirol entdeckte ihre Liebe für Architektur und Raumgestaltung schon in der Kindheit – in der Tischlerwerkstatt ihres Vaters. Sie inspirieren warme, erdige Farbtöne, die Ruhe ausstrahlen: »Kräftige Farben setze ich gezielt als Akzent ein. Materialien wie Marmor, gealtertes Messing, strukturierte Stoffe und dunkle Holznuancen bringen Tiefe und Charakter.« Derzeit bewegen wir uns, so die Interior-Designerin, weg von klassischen Trends hin zu einer persönlicheren Form des Wohnens, in der Räume als Ausdruck von Gewohnheiten und Bedürfnissen gestaltet werden. Ob Listening Corner, Tee-Ecke oder Rückzugsorte für Ruhe und Regeneration, das Zuhause wird zunehmend zu einem Ort, der die Lebensqualität stärkt. »Auch der bewusste Umgang mit Licht wird wichtiger. Es wird gezielter eingesetzt und orientiert sich stärker am natürlichen Tagesrhythmus, was unser Wohlbefinden beeinflusst.«
Lena Rieser-Knab
»Ich setze Farben, Materialien und Formen so ein, dass sie zu den Menschen passen und stimmig wirken. Entscheidend ist das
Zusammenspiel von Licht, Material und Proportion, das einen Raum
lebendig und angenehm macht.«
In der Gegenwart leben
Für Barbara Ambrosz und Karin Santorso von LUCY.D mit Büros in Wien und Steyr heißt Räume zu gestalten, Atmosphären zu schaffen: »Es geht um angreifbare Oberflächen und verständliche Raumstrukturen, die Menschen unbewusst positiv abholen und in der Gegenwart leben lassen. Im Möbeldesign geht es uns um eine klare und poetische Formensprache, die die Benutzerinnen und Benutzer bestmöglich unterstützen.«
Derzeit arbeiten die Designerinnen, die für Firmen und Institutionen wie Alessi, Veuve Clicquot, Lobmeyr und Augarten tätig sind, am liebsten mit natürlichen Oberflächen wie Lehm, Kalk, Holz sowie recycelten Materialien. »Innenarchitektur ist immer eine Kombination aus Raumstruktur und Oberflächen, die harmonisch aufeinander abgestimmt ein großes Ganzes bilden. Für uns sind Räume Erlebniswelten, die vor allem auch durch eine gute Lichtinszenierung lebendig werden«, so die Designerinnen.
LUCY.D
Barbara Ambrosz (li.) und Karin Santorso von LUCY.D entwerfen Möbel, Architektur und Corporate Design, die auf die Verbindung von Form, Funktion und Technik setzen. Ihr Motto: Simplicity generates Quality.
Handwerkskunst trifft auf Natur
Michaela Martinek erzählt mit den Räumen, die sie gestaltet, immer auch Geschichten. Die Objekte der Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien sollen Emotionen wecken und die Lebensqualität erhöhen, indem sie Handwerkskunst und Natur verbindet. »Wichtig ist mir«, betont Martinek, »der Mensch, für den der Raum gestaltet wird. Die Atmosphäre in sonnigen und hellen Räumen gestaltet sich mit Leichtigkeit und viel Lust. Dabei geht es mir meistens um eine Atmosphäre der Freundlichkeit und Friedlichkeit.«
Professionelles Interior-Design wird weiblicher, ist die Kreative überzeugt. Sie sagt, dass kreative Gestalterinnen sichtbar werden und damit ihre Handschriften, die Stile und Trends bunter und vielfältiger werden. »Interior-Design wird noch individueller. Gleichzeitig wird, dank Digitalisierung und
KI, Interior-Design ›von der Stange‹ genauso leistbarer Ausdruck der Menschen werden, die dafür Neugierde besitzen.«
Miki Martinek
»Die Menschen haben mehr Sehnsucht nach erkennbarer Natur in den eigenen vier Wänden«, so Martinek. Für jedes ihrer »woodturned Collectibles« wird das passende Stück Holz ausgewählt und zugeschnitten.
Sehnsucht nach intakter Natur
Interior-Designerin Patricia Tschen glaubt, dass sich der Mensch nach dem Lebensraum einer intakten Natur sehnt. Natürliche Materialien spielen deshalb eine zentrale Rolle in ihrer Gestaltung: »Naturstein, Holz, Glas, aber auch Textilien mit einem hohen Anteil an Naturfasern verleihen Räumen eine elegante und zugleich zeitlose Atmosphäre.«
Eindrücke aus anderen Kulturen und Lebensweisen fließen zunehmend in die Gestaltung ein, berichtet Tschen. Sie meint, dass etwa die Begeisterung für Open-Air-Kochen, die man während eines Aufenthalts in Thailand entdeckt hat, später auch im eigenen Zuhause weiterleben kann – auf dem Balkon oder im Garten. Insgesamt lässt sich sagen, so die Designerin: »Die Zukunft des Wohnens wird persönlicher, individueller und stärker von den eigenen Lebensgeschichten geprägt sein.«
Patricia Tschen
Besonders reizvoll findet die Wiener Designerin Kontraste. Etwa eine raue Oberfläche mit weichem Samt zu kombinieren oder »zu überlegen, ob glänzendes Chrom oder mattes Aluminium besser in ein Konzept passt.«