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(c) Sven Jürgensmeier

Stefan Diez: Erneuerer des Produktdesigns

Designer
Produktdesign

Stefan Diez hat den Willen, mit Design die Welt zu gestalten. Und das gelingt. Der Münchener hat sich als Erneuerer des Produktdesigns einen Weltruf erarbeitet.  

Titelbild: Der große Holztisch ist ein kreatives Schaffenszentrum im Münchener Studio von Stefan Diez. diezoffice.com

Stefan Diez macht Sachen gerne anders. Der deutsche Designer, der sich in den letzten zehn Jahren mit seinen Möbelentwürfen in die Champions League des Industriedesigns katapultiert hat, pfeift dann ganz einfach auf den Common Sense. Zum Beispiel in Sachen Work-Life-Balance. »Ich habe immer versucht, Arbeiten und Wohnen nicht zu trennen. Das habe ich mir von meinen Eltern abgeschaut.« Seine Eltern hatten in Freising eine Tischlerei und die war direkt ans Wohnhaus der Familie Diez angeschlossen. Im Studio von Stefan Diez, das sich im Münchener Glockenbachviertel, einem ehemaligen Arbeiterstadtteil, befindet, ist es ähnlich. Die Übergänge zwischen Werkstatt, Atelier und Wohnbereich sind fließend – Büros im herkömmlichen Sinne gibt es keine. Kreativ sein kann man dort überall. »Ich sitze häufig unten im Studio an einem großen Holztisch und manchmal oben auf der Galerie an einem Schreibtisch, den ich sehr mag – es ist das Meisterstück meines Vaters.«

Alltagstauglich: Weniger ist mehr

Eigentlich hätte Diez das Meisterstück seines Vaters mit einem eigenen ergänzen sollen. Er war dazu bestimmt, die Tischlerei zu übernehmen. Er wäre der Fünfte in seiner Ahnenreihe gewesen und hatte die Tischlerlehre im schwäbischen Markgröningen bereits absolviert. Nur lernte Diez den deutschen Industriedesigner Richard Sapper kennen und der weckte im jungen Tischler den Gestaltungswillen. Statt in den elterlichen Betrieb ging es zum Industriedesign-Studium an die Kunstakademie in Stuttgart und danach zwei Jahre ins Atelier von Konstantin Grcic. Grcic, in jenen Tagen bereits ein gefeierter Gestalter, charakterisierte seinen Designer-Kollegen rückblickend einmal so: »Stefan Diez war hartnäckig, patent und praktisch.« Die praktische Veranlagung merkt man den Diez’schen Entwürfen jedenfalls immer an. Ob Tisch, Stuhl, Lampe, Regal, Sofa oder gar Geschirr – im Design-Kosmos des Müncheners geht es immer um Präzision, klare und deutliche Formensprache und Funktionalität. Dabei gelingt dem 53-Jährigen das Kunststück, ein Weniger-ist-mehr zu kreieren, ohne dabei in minimalistische Exzesse abzudriften. Zudem steht Diez für nachhaltiges Design und zukunftsfitte Konzepte. Stellt man ihm die unausweichliche Frage, was denn gutes Design für ihn ausmache, kommt seine Antwort nicht daran vorbei: »Gutes Design muss bestehende Ressourcen und Strukturen überdenken und umbauen, sodass sie schnell zu funktionierenden, nachhaltigen Lösungen werden«, fasst er zusammen und ergänzt: »Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft ist in diesem Zusammenhang eine der wichtigsten Herausforderungen.« Vor drei Jahren hat Diez, der seit 2018 eine Professur für Industriedesign an der Universität für angewandte Kunst in Wien hat, dazu auch zehn Gebote für Design in der Kreislaufwirtschaft postuliert. Das erinnert entfernt an Dieter Rams’ legendäre »Zehn Thesen für gutes Design« aus den frühen 1970er-Jahren; ein halbes Jahrhundert später haben sich die Fragen und Probleme, vor denen man als Designer:in steht, aber stark verändert. In seinem Postulat fasst Diez jedenfalls den Nachhaltigkeitsdiskurs verständlich und nachvollziehbar zusammen, stellt sich damit aber auch quer zur Industrie, die dem Neuen, dem Hippen, dem Angesagten hinterherjagt, Trends setzt und bestimmt. Als Manifest möchte er das aber nicht verstanden wissen. Nichts liegt Diez ferner als ein moralinsaures Herumfuchteln mit dem Zeigefinger.

Aufs Wesentliche reduziert: die Stehlampe »AYNO«, die radikal die Möglichkeiten auslotet, Licht zu lenken. midgard.com

(c) Midgard

Der Stuhl »Houdini« ist ein echter Klassiker. Diez bog dafür Schichtholzplatten um einen Massivholzring und ließ sich bei der Fertigungstechnik vom Flugzeugmodellbau inspirieren. e15.com

(c) Ingmar Kurth

»Gutes Design muss vor allem bestehende Ressourcen und Strukturen überdenken«, sagt Stefan Diez.

(c) Robert Brembeck

»Plusminus« ist ein flexibles Beleuchtungssystem, das ein leitfähiges Textilband nutzt, um Leuchten frei anzubringen. Das schafft unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten. vibia.com

(c) Daniela Trost

Bon Voyage

Wichtiger ist ihm die Zusammenarbeit mit seinen Studierenden, von denen er viel lernt. »Das Besondere an der Arbeit mit Studierenden ist, dass ich das eigene Handeln stärker reflektieren muss. Sie denken stattdessen zehn Jahre in die Zukunft, dieser Perspektivwechsel ist eine wichtige Bereicherung.« Seine Seminare gestaltet er entsprechend offen. »Die Themen, die wir erarbeiten, haben mit klassischem Industriedesign nur noch entfernt zu tun«, erklärt Diez. Es ist seine Weise, auf die Gegenwart, die gerade starke Veränderungsprozesse und Paradigmenwechsel durchläuft, zu reagieren. So beschäftigte sich seine Klasse im letzten Semester mit dem Thema »Unterwegs« und hinterfragte die Prozesse des Reisens. »Es geht darum, den Sinn und Zweck des Reisens zu hinterfragen und zu überlegen, wie sehr wir in den letzten Jahrzehnten einer ganzen Reiseindustrie auf den Leim gegangen sind«, so Diez. Mit dem Fokus auf das Unterwegssein statt auf das Ankommen erarbeiteten die Studierenden überraschende Ergebnisse: von Faltbooten, die in Rucksäcke passen, bis hin zu achtsam gestalteten Einkaufstrolleys für alltägliche Wege. Ein Best-of davon wird in der Festivalzentrale präsentiert. »Wir werden ausgewählte Reiseerlebnisse vor der Kulisse eines fiktiven Reisebüros in der Festivalzentrale der VIENNA DESIGN WEEK der Öffentlichkeit präsentieren und zum Nachdenken über das Unterwegssein einladen.«

Auch für das Tradtionsunternehmen Thonet legte Diez Hand an.

(c) Myrzik Jaresch, Pinakothek der Moderne

Erschienen in
LIVING x Vienna Design Week Nr. 1/2024

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Manfred Gram
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