Was macht eigentlich Fumie Shibata?
Die japanische Designerin Fumie Shibata liebt Leises, das von Dauer ist. In ihrer Arbeit zeigt sie, dass Reduktion kein Verzicht ist, sondern vielmehr die Besinnung auf das Essenzielle.
An Fumie Shibata gibt es kein Vorbeikommen, sobald man sich ernsthaft mit japanischem Gegenwartsdesign beschäftigt. Und das obwohl der Output der 61-Jährigen alles andere als laut und marktschreierisch ist. »Ich möchte Dinge gestalten, die sich ganz selbstverständlich in das Leben der Menschen einfügen«, lautet ihr gestalterischer Grundsatz, mit dem sie bis heute sehr gut gefahren ist und der sie in die oberste, internationale Design-Liga katapultiert hat.
Shibata, die an der Musashino Art University studierte, wo sie heute übrigens auch lehrt, gründete 1994 ihr mittlerweile legendäres Design Studio S und setzt mit ihrem Team Projekte für renommierte internationale Kund:innen wie Muji, Flexform oder Brokis um. Die Liste ihrer Auszeichnungen ist ebenso beachtlich: iF Gold Award, Red Dot Design Award, Mainichi Design Award, Design for Asia Grand Prize, um nur einige zu nennen. Zudem hatte sie zwischen 2018 und 2020 den Juryvorsitz für den begehrten japanischen Good Design Award inne. Und gutes Design ist auch ein gutes Stichwort. Für Shibata bedeutet dies nämlich immer ein enges Miteinander von Funktion und Emotion. Das heißt Mode und Zeitgeist werden schlicht und ergreifend ausgeklammert, es geht um sinnvoll eingebetteten Alltagsnutzen und Gefühl. Vor allem versteht Shibata Gestaltung dabei als Dienstleistung: präzise, zurückhaltend und menschenzentriert.
Wärmste Empfehlung
Bestes Beispiel ein nur scheinbar unscheinbarer, digitaler Thermometer, den sie einst für Omron, einen Hersteller für medizinische Geräte, entworfen hat. Er findet sich in beinahe jedem japanischen Haushalt und erzählt im Grunde alles über ihre Arbeit: Die besten Designs sind jene, die man nicht bemerkt, weil sie sich so selbstverständlich in den Alltag einfügen. Kühle technische Komplexität in freundliche Formen zu übersetzen, ist also die Zauberformel, die Shibata gerne verwendet. Zuletzt etwa auch mit dem Lounge Chair »Eri« für Flexform. Der wurde mit dem Wallpaper* Design Award 2025 ausgezeichnet und soll vom hochgeschlagenen Revers eines Jacketts inspiriert sein.
Design als warmer Empfang also, als kleine Umarmung. Shibata, die in der Präfektur Yamanashi am Fuße des Fuji aufgewachsen ist, stammt übrigens aus designaffinem Hause. Ihre Familie stellte Stoffe her und sie wurde zwischen Webstuhl und Färberei groß. »Meine Kindheitserinnerungen sind erfüllt vom Geruch der Farben und dem glatten Gefühl von Stoff«, erzählte sie einmal und erwähnte in dem Zusammenhang auch, dass sie von Kindesbeinen an immer den Drang verspürte, kreativ zu werden und etwas zu gestalten.
Was Shibatas Arbeit unverwechselbar macht, ist übrigens ihr Gespür für die Schnittstellen zwischen Handwerk und Industrie, das demnach nicht von irgendwo kommt. »Objekte des täglichen Lebens werden zuerst von unseren Händen und Körpern benutzt – diese Beziehung zum Körper betrachte ich als das Wichtigste«, so die Kreative. Eine Philosophie, die tief in der Tradition des japanischen Humanismus im Design steht. Dabei pflegt sie eine Gestaltungsschule, die Reduktion nicht als Verzicht, sondern als Essenz versteht. Klare Linien, sanfte Übergänge und diese (beinahe) unsichtbare Perfektion mit einem Zusammenspiel von Proportionen und Material.
Alles wirkt selbstverständlich, fließt ungekünstelt ineinander und ist doch bis ins kleinste Detail durchdacht. Fumie Shibata entwirft keine Objekte. Sie entwirft stille Selbstverständlichkeiten, denn: »Design soll Menschen helfen, sie selbst zu sein.«
2024: Kragenaufsteller. Der gemütliche Sessel »Eri« ist preisgekrönt und angeblich inspiriert von einem hochgestellten Jackenkragen. So soll es sein.
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