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© Dominik Hollaus

Christoph Pichler und Christof Splechtna im Interview: »Wir waren ein gutes Team mit allen Aufs und Abs«

Interview

Vor Kurzem wurde in Innsbruck das neue Raiffeisen Quartier, kurz RAIQA fertiggestellt. Mit 23.000 Quadratmetern ist dies eine der größten Innenstadtentwicklungen der letzten Jahre. Ein Blick hinter die Kulissen der Zusammenarbeit – mit Christof Splechtna, Vorstand der Raiffeisen Landesbank Tirol, und Architekt Christoph Pichler, Partner bei PXT Pichler & Traupmann.

Residences: 2019 hat die Raiffeisenlandesbank Tirol einen Wettbewerb für ein neues Raiffeisen Quartier ausgeschrieben – und das mitten in der Innsbrucker Altstadt. Wie kam es dazu?

Christof Splechtna: Schon seit den 1960er-Jahren sind wir hier am Standort in der Adamgasse mitten in der Innsbrucker Innenstadt. Das Gebäude war in die Jahre gekommen, es gab zahlreiche technische und konstruktive Schäden, und die Tiefgarage war nicht mehr benutzbar. Wir waren also gezwungen, etwas zu tun. Mitte 2020 sind wir ausgezogen.

Gemeinsam mit dem Wiener Consulting-Unternehmen M.O.O.CON haben Sie einen Phase-Null-Prozess gestartet. Was war das Ergebnis?

Splechtna: Wir haben uns mit M.O.O.CON darüber beraten, wie wir als Bank, als Unternehmen in Zukunft aufgestellt sein müssen, um eine attraktive Arbeitgeberin zu sein – und was das für unsere Unternehmenskultur sowie für die damit verbundene Immobilie bedeutet. Die wichtigsten Ergebnisse dieses Prozesses waren ein öffentlicher Durchgang zwischen Adamgasse und Hauptbahnhof, ein hoher Stellenwert von Kunst, Gewerbe und Gastronomie bei uns im Haus sowie eine hybride Funktionskombination mit einem Hotel. Das Raiffeisen Quartier sollte mehr denn je ein städtischer Ort werden.

Herr Pichler, können Sie sich noch an das alte Gebäude erinnern?

Christoph Pichler: Natürlich! Ich habe meine Kindheit und Jugend in Innsbruck verbracht, und an diesen Waschbetonbau kann sich hier wirklich jeder erinnern! Das Gebäude hatte eine gewisse Markanz, nicht uninteressant, architektonisch sehr einprägsam, aber in den letzten Jahren ist das Haus mehr und mehr verkommen. Eine Besonderheit waren die außenliegenden Stiegenhäuser, ansonsten erfolgte die gesamte Erschließung über Lifte. Das ist schon ein ganz spezieller, futuristischer Zukunfts-glaube, der sich hier manifestiert hat. Aus heutiger Sicht undenkbar!

Insgesamt wurden zum Wettbewerb rund 30 Büros eingeladen. Was war Ihr Beweggrund teilzunehmen?

Pichler: Wir kannten das Gebäude, es gab also eine gewisse Vertrautheit, vor allem aber hat uns angesprochen, dass sich die Raiffeisen bei diesem Projekt nicht für Abbruch und Neubau ausgesprochen hat, sondern für einen Umbau und für eine Weiternutzung der konstruktiven Bausubstanz. Dieser Reuse-Ansatz hat uns gereizt, da wollten wir als PXT Pichler & Traupmann unbedingt einen Beitrag leisten.

Herr Splechtna, wie war das generelle Qualitätsniveau der Einreichungen?

Splechtna: Durchwegs hoch, aber sehr heterogen in den Entwurfsansätzen. Es gab viele tolle Beiträge, aber das Projekt von PXT war mit Abstand das offenste, das transparenteste, vielleicht sogar das radikalste, was den Reuse-Charakter und die Sichtbarkeit des Themas Kreislaufwirtschaft betrifft.

Baustelle Zusammenarbeit

Der Bauherr und der Architekt im neuen Atrium des Raiffeisen Quartiers: Für Christof Splechtna (l.) und Christoph Pichler war der Reuse-Gedanke des Altbaus von Anfang an wichtig.

© Dominik Hollaus

Im Oktober 2020 rollte der erste Bagger an. Gab es jemals einen Moment des Wehmuts, der Nostalgie?

Pichler: Nein, nicht wirklich. Ich denke, die Raiffeisen hat aus dem alten Haus das Maximum rausgeholt. Nun war unser Projekt an der Reihe.

Splechtna: Natürlich waren viele Mitarbeiter:innen mit dem Gebäude sehr verbunden. Die Aussicht auf moderne Arbeitswelten hat den Wehmut aber stark reduziert. Als der Abrissbagger das erste Mal zugeschlagen hat, haben sich alle auf den Umbau gefreut. Es war allerhöchste Zeit.

Sie beide – Auftraggeber und Auftragnehmer – haben sich kurz darauf kennengelernt, als das Projekt bereits im Laufen war. Wie war der erste Eindruck?

Splechtna: Ein sehr guter, allerdings geprägt von Corona, Distanz, Zoom-Sitzungen und einer generell eigenartigen, irgendwie orientierungslosen Stimmung. Bei den ersten Besprechungen waren wir immer noch im Lockdown, und die Tatsache, dass wir ein Projekt mit einem Hotel machen, unwissend, wie sich der städtische Tourismus in Zukunft weiterentwickeln wird, war schon ein befremdlicher Gedanke. So nach dem Motto: Was machen wir da überhaupt? Und ist das der richtige Weg? Daher haben wir einen Workshop initiiert, der die Möglichkeit schaffen sollte, ohne irgendwelche Ängste und Ressentiments über alles offen zu diskutieren und in gewisser Weise auch viele Aspekte des Projekts infrage zu stellen.

Pichler: In Gedanken haben wir ganze Geschoße entfernt und Teile des Gebäudes komplett verändert. Allerdings hätten all diese Entscheidungen wiederum Auswirkungen auf die Flächenwidmung und Baubewilligung gehabt, was das Projekt erst recht wieder verlängert und verteuert hätte. Im Endeffekt haben wir uns entschieden, an eher kleinen Schrauben zu drehen.

Und zwar?

Pichler: Das gastronomische Angebot in der Umgebung, vor allem aber im eigenen Haus, ist sehr groß. Also hat Raiffeisen beispielsweise auf ein eigenes Betriebsrestaurant verzichtet, und bei den Liften haben wir uns darauf geeinigt, die kostspielige Glasvariante gegen eine wirtschaftlichere Stahlbetonvariante einzutauschen.

Ich würde mit Ihnen gerne etwas weiter in den Planungsprozess eintauchen. Jedes große Projekt ist immer auch ein Geben und Nehmen, ein Vor und Zurück, ein Wow und Oje. Wer von Ihnen beiden hat sich denn mit welchen Ideen ins Projekt eingebracht?

Pichler: Von der Raiffeisen Landesbank gab es von Anfang an die Vorstellung, ein großes, öffentliches Atrium vorzusehen. Das ist eine großartige Idee, die die Qualität des gesamten Gebäudes wirklich stark erhöht hat. Das ist uns sehr entgegengekommen. Andererseits gab es zu Beginn aber auch den Wunsch, auf der Vorstandsebene eine Zigarren-Lounge zu schaffen – eine Idee aus dem vorigen Jahrhundert! Schön, dass wir solche Zeugnisse vergangener Zeiten wieder ad acta legen durften.

Splechtna: Wir sind eine Bank mit genossenschaftlichem Hintergrund, mit zum Teil konservativen Werten, und die Zigarren-Lounge war vielleicht eine Anleihe an die Vergangenheit. Aber ja, ich finde es auch gut, dass wir das nicht gemacht haben. Die Reibung mit Euch war schon gut!

Bei welchen Ideen war das noch der Fall?

Pichler: Im Sinne der Kreislaufwirtschaft wollten wir die alten Waschbetonplatten, mit denen einst die Fassade eingekleidet war, als Fußboden im Außenbereich verwenden. Leider war das aus diversen Gründen nicht möglich, was etwa Haftungsfragen, Schneeräumung und vor allem die Statik für die Befahrbarkeit mit Feuerwehrautos betrifft.

Splechtna: Wäre eine schöne Idee gewesen! Uns wiederum war wichtig, dass das Haus in den Arbeitsbereichen eine gewisse Flexibilität aufweist. Niemand kann heute vorhersagen, wie sich das Thema Arbeiten in Zukunft entwickeln wird. Corona hat uns bewiesen, wie disruptiv das alles vonstattengehen kann! Und so sind die Büros, was Grundriss, Teilbarkeit, Fensterachsen und Medienausstattung betrifft, nun leicht veränderbar.

Pichler: Und dann war da natürlich noch die Kombination mit dem Hotel. Wir wollten von Anfang an, dass Bank und Hotel keine räumlich getrennten Einheiten sind, auch wenn sie logistisch und organisatorisch natürlich separate Eingänge und gewisse Sicherheitstrennungen benötigen, sondern sich ein gemeinsames Atrium teilen, in dem die alte statische Konstruktion des Hauses als Zeitzeuge erlebbar bleibt.

Splechtna: Das ist auch wirklich super gelungen. Das Atrium ist ein wahres Raumerlebnis!

Wo gab es im Verlauf des Projekts Differenzen oder Missverständnisse?

Splechtna: Immer wieder! Bei so einem langen, umfassenden Projekt kein Wunder. Natürlich gab es immer wieder auch harte Diskussionen – und zwar vor allem in Bezug auf Zeit, Kosten und Projektumfang.

Was heißt das konkret?

Pichler: Der Umfang bei so einem Projekt mit 23.000 Quadratmetern Nutzfläche ist ein sehr, sehr großer. Phasenweise waren auf Generalplanerseite an die 100 Leute ins Projekt involviert. Je mehr Menschen an einer Sache arbeiten, desto mehr Schnittstellen gibt es. Fehler können passieren. Und die muss man wieder ausbügeln.

Ist das gelungen?

Pichler: Ich denke schon. Wir waren ein gutes Team, mit allen unseren Aufs und Abs.

Splechtna: Wir hatten eine offene, ehrliche Diskussionskultur. Wir haben die Konfrontation und Lösungsfindung nicht gescheut. Wir konnten immer alles direkt ansprechen, und ich denke, wir haben alle Ungereimtheiten gut lösen können.

Pichler: Was mir gut gefallen hat: Wir als Architekten sitzen in Wien, die Raiffeisen-Landesbank Tirol ist in Innsbruck daheim, und wann auch immer es besonderen Gesprächsbedarf gab, haben wir einander auf halbem Wege in Salzburg getroffen. Das hat eine gute Fairness geschaffen.

Worauf freuen Sie sich nun, da das Haus allmählich in Betrieb genommen wird, besonders?

Splechtna: Ganz ehrlich? Auf die Lebendigkeit, auf die Wiederzusammenkunft an einem gemeinsamen Ort, raus aus all den Ausweichquartieren am Stadtrand, vor allem aber auch auf die Inbetriebnahme der sogenannten Kunstbrücke. Das ist eine Institution, die wir 1998 eröffnet haben und die sich seitdem der Sammlung und Ausstellung zeitgenössischer Kunst verschrieben hat. In den letzten Jahren hat die Kunstbrücke ein bisschen an Platznot und Sichtbarkeit gelitten. Nun haben wir dafür einen wirklich schönen Ort im neuen, öffentlichen Parterre.

Pichler: Ich freue mich am meisten auf das Atrium. Für mich ist das fast wie eine Kathedrale – mit dem Unterschied, dass hier keine gotischen Vertikalpfeiler, sondern brutalistische Horizontalbalken durch den Raum streben. Ich finde den Raum wirklich großartig.

Im Sinne der Berichtspflicht, aber auch in Hinsicht auf den Marktwert einer Immobilie werden große Bauvorhaben einer Zertifizierung unterzogen. Wie ist das bei diesem Projekt?

Splechtna: Die Arbeitswelten wurden mit dem Gütesiegel klima:aktiv Gold zertifiziert, was uns sehr freut. Damit sind wir das erst zweite Bürogebäude in Innsbruck mit diesem hohen Standard. Und das Hotel haben wir nach ÖGNI zertifiziert.

Im Dezember 2025 hat die RLB Tirol in einer Presseaussendung den Hotelbetreiber genannt, und zwar das RED by Radisson, das zweite Hotel dieser Marke nach Wien. Warum erst so spät?

Splechtna: Wir waren lange im Gespräch mit der Radisson-Hotelgruppe, aber bis alle Verträge unterschrieben waren, hat es natürlich ein wenig gedauert. Wir wollten erst dann an die Öffentlichkeit gehen, sobald alle rechtlichen Details geklärt waren.

Pichler: Ich denke, dass das RED eine große Frequenz und öffentliche Wirksamkeit ins neue Raiffeisen Quartier reinbringen wird.

Waren Sie als Architekten in die Planung des RED-Hotels involviert?

Pichler: Auf Ebene der Generalplanung haben wir vorgesehen, dass die Hotelzimmer allein schon aus Gewichts- und Nachhaltigkeitsgründen als Fertigteil-Holzbau errichtet werden. In die Inneneinrichtung allerdings waren wir nicht mehr einbezogen. Das hat die Radisson-Gruppe mit ihrer eigenen Architektin gemacht.

Angenommen, Sie gehen auf einen Drink in die neue Skybar Loft9. Mit welchem Drink möchten Sie auf Ihre Zusammenarbeit anstoßen?

Pichler: Mit einer Bloody Mary!

Splechtna: Ach, jetzt komm! Lass uns lieber mit einem London Mule anstoßen!

Zum Abschluss: Was haben Sie beide in diesem Projekt voneinander gelernt?

Splechtna: Christoph Pichler ist ein kreativer, zielstrebiger Mensch. Ich denke, ich habe gelernt, den Blick ein bisschen zu öffnen.

Pichler: Mich, Christof, hat Deine wirtschaftliche und unternehmerische Fokussiertheit auf das Ergebnis beeindruckt.

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Die Raiffeisen-Landesbank Tirol ist für mich

Pichler: … die Auftraggeberin unseres bisher größten und herausforderndsten Projekts.

Pichler & Traupmann Architekten sind für mich

Splechtna: … ein hervorragendes Architekturbüro, das einen damals fast unvorstellbaren Entwurf in den Wettbewerb und dann in die Umsetzung gebracht hat.

Christof Splechtna (50) studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck und Berlin. Zu seinen ersten beruflichen Stationen zählen die UniCredit, Hypo Tirol und die Geschäftsführung des Beratungsunter-nehmens S2P Bankexpertise. Seit 2021 ist er Vorstandsmitglied der Raiffeisen Landesbank Tirol, seit 2025 stellvertretender Vorstandsvorsitzender, zuständig u.a. für Recht, Finanzen, Compliance und Risikomanagement. Die Gesamtinvestition des neuen  RAIQA beläuft sich auf rund 155 Millionen Euro.

rlb-tirol.at, dasraiqa.tirol

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Christoph Pichler (61) studierte Architektur an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Harvard University, USA. 1992 gründete er mit Hannes Traupmann das Wiener Architekturbüro PXT Pichler & Traupmann. Zu den bekanntesten Projekten zählen das Kultur-Kongress-Zentrum Eisenstadt (2009), die ÖAMTC-Zentrale in Wien (2016) sowie das Future Art Lab (2020). PXT wurde u. a. mit dem Staatspreis Architektur 2023, dem Iconic Award 2024 und dem Österr. Betonpreis 2025 ausgezeichnet.

pxt.at

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Erschienen in
Falstaff Residences 01/2026

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Wojciech Czaja
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