Hanna Pradler © Annette Koroll Fotos
Leadership und Digitalisierung: Wie Hanna Pradler die Zukunft der Gastronomie gestaltet
Im exklusiven Interview mit Falstaff spricht Hanna Pradler, CPO von »Kollex«, über ihren Abschied vom Konzept des Female Leadership, die Herausforderungen der Digitalisierung in der Gastronomie und wie sie mit innovativen Lösungen die Branche nachhaltig prägen will. Erfahren Sie, wie Pradler als Führungskraft neue Maßstäbe setzt und welche Visionen sie für die Zukunft der Gastronomie hat.
von Alexandra Gorsche
03. September 2024
PROFI: Sie haben erwähnt, dass Sie sich vom Konzept des Female Leadership verabschiedet haben. Wie hat sich dieser Perspektivwechsel auf Ihre Führungsphilosophie und Ihre täglichen Aufgaben als CPO bei »Kollex« ausgewirkt?
Pradler: Die Brille des Female Leaderships hat überhaupt erst sichtbar gemacht, dass es genug geeignete Frauen in Führungspositionen gibt. Persönlich habe ich meine Führungsphilosophie jedoch einfach über die Zeit entwickelt, ohne explizit eine Perspektive zu verfolgen, wie sie etwa das Konzept des Female Leaderships aufwirft. Genauso wenig hat mich eine klassische Mentorfigur geprägt. Viel entscheidender waren für mich die Ansprüche und Sichtweisen der Teams, die ich geleitet habe. Gerade in herausfordernden Situationen hat sich für mich mein eigenes Verständnis von Führung geschärft. Im Abgleich mit verschiedenen Perspektiven habe ich gelernt, zu einer eigenen Haltung zu finden.
Welche spezifischen Herausforderungen haben Sie in Ihrer Karriere in der Digitalwirtschaft und insbesondere in der Gastronomiebranche erlebt, die Sie als Führungskraft geprägt haben?
Bei »Kollex« begegnet mir ein komplexes Umfeld, wozu nicht zuletzt die 240 Händler- und mehr als 20 ERP-Anbindungen beitragen. Hier spiegelt sich die Vielfalt der Gastronomiebranche wider, die insofern eine spannende Herausforderung für mich bietet, da es hier wichtig ist, klare Prozesse zu schaffen, Ziele spezifisch zu setzen und diese klar und fokussiert an die Teams weiterzugeben.
Inwiefern haben Ihre Erfahrungen im E-Commerce und klassischen Maschinenbau Ihre Herangehensweise an die Produktentwicklung und das Produktmanagement bei »Kollex« beeinflusst?
In beiden Kontexten ging es darum, neue digitale Produkte zu entwickeln und aufzusetzen. Im E-Commerce sind die Mitarbeitenden die Arbeit im digitalen Umfeld gewöhnt und mit vielen Best Practices vertraut. Im klassischen Maschinenbau habe ich gelernt, klar darzustellen, welche Schritte notwendig sind, um neue Value Propositions zu erstellen und die entsprechenden Leute an Bord zu holen. Gerade in der Arbeit mit Großhändlern wie bei »Kollex«, deren Kerngeschäft Verkauf und Logistik sind, hilft es, sich in das Gegenüber hineinversetzen zu können. Hier ist mir besonders wichtig, präzise, aber immer auf Augenhöhe zu kommunizieren.
Wie sehen Sie die Rolle der Digitalisierung in der Gastronomie? Welche spezifischen Vorteile bringt die Digitalisierung für Gastronom:innen und Lieferant:innen?
Gastronomie und Handel sitzen heute im selben Boot »Fachkräftemangel«. Hinzu kommt noch der Kostendruck. Wettbewerbsfähig bleibt da nur, wer mit wenig Personal mehr Aufträge erfassen beziehungsweise mehr Gäste bedienen kann. Besonders die enorme Zeitersparnis und geringe Fehleranfälligkeit des digitalen Bestellwegs werden daher reihum sehr geschätzt. Die persönliche Verfügbarkeit rund um die Uhr tritt als Erfolgskriterium eher in den Hintergrund. Wer am späten Nachmittag noch Getränke bestellen will, kann vom Handel auf den digitalen Bestellweg verwiesen werden.
»Kollex« hat sich zum Ziel gesetzt, Bestellvorgänge für Gastronom:innen zu vereinfachen. Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie die Plattform den Alltag der Nutzer:innen verändert hat?
Aufgrund der Geschichte war »Kollex« von Anfang an nah dran an den Bedürfnissen des Großhandels und der Gastronomiebetriebe, die aber im Einzelfall natürlich sehr unterschiedlich im Hinblick auf Digitalisierung aussehen können. Eine Gastronomin hat uns etwa erzählt, wie sie sich mit ihrem Küchenchef über »Zoom« austauscht und Warenbestellungen über »Kollex« aus der Ferne tätigt. Drei Tage später ist die Lieferung bei ihrem Team. Das erlaubt ihr, auch mal zwei Monate im Winter von Thailand aus zu arbeiten. Für andere aus der Branche ist das noch schwer vorstellbar.
Sie betonen, dass Sie keine geschlechtsspezifischen Führungsqualitäten in den Vordergrund stellen. Welche Qualitäten sind Ihrer Meinung nach entscheidend für eine erfolgreiche Führung in der Gastronomie- und Tech-Branche?
Eine Gastronomie erfolgreich zu führen bedeutet natürlich etwas anderes als Teams in der Tech-Branche gut anzuleiten. Ich kann nur für Letzteres sprechen. Für mich ist eine fokussierte und strukturierte Arbeitsweise wichtig, aber genauso eine Fehlerkultur, die transparente Kommunikation auf Augenhöhe und ein gutes Miteinander voraussetzt.
In Ihrem Team bei »Kollex« arbeiten verschiedene Charaktere und Expertisen zusammen. Wie fördern Sie die Zusammenarbeit und stellen sicher, dass Konflikte produktiv gelöst werden?
In meiner Führungsrolle ist es mir wichtig, dass wir in unserem Produkt-Team eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in der sich alle Menschen respektiert und wohl fühlen und in der alle Verantwortung übernehmen, um eigenständig Ziele zu erreichen. Im Team laufen die Ansätze der Problemlösung aber natürlich nicht immer in die gleiche Richtung. Um dann zu einem Ergebnis zu kommen, mit dem alle zufrieden sind, muss man sich den Konflikten stellen und über die Situation sprechen. Dabei helfen die Grundsätze der gewaltfreien Kommunikation.
Sie sind eine treibende Kraft hinter innovativen Ideen bei »Kollex«. Welche Innovationen planen Sie in naher Zukunft, um die Gastronomiebranche weiter zu digitalisieren?
Wir wollen die Industrie, den Handel und die Gastronomie noch stärker miteinander zusammenbringen und vernetzen, um alle gemeinsam effizienter und erfolgreicher zu machen. Dafür arbeiten wir aktuell an verschiedenen größeren und kleineren Features.
Nachhaltigkeit spielt eine immer bedeutendere Rolle in der Gastronomie. Wie integriert »Kollex« Nachhaltigkeitsaspekte in seine digitalen Lösungen und strategischen Planungen?
Wer lokal bestellt, hat mehr Einfluss darauf, wie nachhaltig der Weg ist, auf dem die Waren im Restaurant eintreffen. Ins Gewicht fallen die Transportfahrten, selbst wenn die Händler aus der nahen Umgebung kommen. Unerwünschte Überraschungen in Form von Fehllieferungen können Restaurantbetreiber:innen jedoch vermeiden. Wenn sie über den digitalen Weg statt über das Telefon ihre Warenbestellung tätigen, passieren weniger Fehler. Um Getränke oder Nahrungsmittel nicht nachordern zu müssen, empfehlen sich für Restaurantbetreiber:innen außerdem Bestelllisten mit Sollbestandsabgleich. Letztlich ermöglicht »Kollex« eine papierlose Bestellung und verbindet Gastronom:innen und Lieferant:innen unkompliziert miteinander.
Über Hanna Pradler
Hanna Pradler treibt als Chief Product Officer bei »Kollex« die Digitalisierung in der Gastronomie voran und entwickelt benutzerfreundliche Lösungen, die den Alltag von Gastronom:innen erleichtern sollen. Sie verfügt über zehn Jahren Erfahrung im Produktmanagement und weiß, wie datenbasierte Leadership zum Erfolg führt. Ihre Maxime ist es, durch transparenten Führungsstil ein starkes Team zu schaffen, das gemeinsam Ziele erreicht.
03»Kollex« vernetzt Gastronom:innen und Lieferanten digital, um Bestellungen effizienter zu gestalten. Seit dem Launch 2019 hat das Berliner Start-up über 240 Getränkefachgroßhändler und mehr als 15.000 Nutzer:innen gewonnen. »Kollex« ist ein Joint Venture namhafter Unternehmen aus der Brauerei- und Lebensmittelbranche.
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