»Orient Express«, neu aufgegleist: »Wir wollen nicht nostalgisch sein«
»Orient-Express« ist mehr als ein Zug, unter dem Label betreiben Accor und Moët Hennessy Louis Vuitton (LVMH) auch Hotels und exklusive Yachten. Wie die historische Marke wieder erweckt wird, schildert Vice President Pierre-Antoine Coutand.
von Larissa Graf
23. Dezember 2025
Reisen wie in der »Belle Epoque«, daran denkt neben dem bekannten Agatha Christie-Krimi am ehesten, wenn es um den »Orient-Express« geht. Doch die Marke hat sich seit dem Einstieg von LVMH in Richtung zeitgemäßer Luxus-Erlebnisse gewandelt. Federführend ist dabei Pierre-Antoine Coutand. Im Gespräch mit Larissa Graf in Lausanne schildert er u. a. warum es den legendären Zug nun auch als Boot geben wird.
PROFI: Ab nächstem Jahr wird »Orient-Express« die legendäre Route zwischen Paris und Istanbul wieder befahren. Dazu werden renovierte Original-Züge verwendet. Wie lange wird die Reise denn dauern?
PIERRE-ANTOINE COUTAND: Es wird nicht nur eine Strecke geben, sondern eine ganze Reihe an Angeboten. Schon früher gehörte »Orient-Express« zu einer größeren Firma, der »Compagnie Internationale des Wagons-Lits«, die knapp 200 Linien in ganz Europa betrieb. Wir haben uns aber beim Relaunch entschieden, uns nur auf Mitteleuropa zu konzentrieren. Wir werden also in Paris anfangen und bis Istanbul fahren, durch Österreich, Ungarn und Rumänien. Einige Routen werden auch als Rundfahrten konzipiert, mit Start und Ziel in Paris. Die längste davon wird fünf Tage und sechs Nächte dauern.
Warum ist jetzt der perfekte Zeitpunkt, um dieses nostalgische Business-Model wieder einzuführen?
Es hat gerade eine neue Ära im Hotel- und Gastgewerbe angefangen. Die Kunden sind auf der Suche nach authentischen Erlebnissen, sie wollen tief in fremde Kulturen eintauchen, anstatt an einen Ort zu reisen und eine Liste von Erlebnissen abzuarbeiten. Deswegen ist es für uns der richtige Moment. Unser Projekt ist sehr besonders und hat eine ausgewählte Zielgruppe – ich denke wir sprechen von etwa einem Prozent der Menschen, die Europa bereisen. Sie suchen Authentizität, wir können sie bieten.
Es wird nicht nur Zugreisen geben, sondern auch Hotels und sogar eine Segelyacht. Wie kombinieren Sie die historische Komponente der Marke mit einem zeitgenössischen Verständnis für Luxus, das heutige Kunden anspricht?
Unsere Firma hat drei Säulen: Die Züge »La Dolce Vita» und »Orient Express», die Yacht »Silenseas«, die im April nächstes Jahr in Betrieb genommen wird, und die Hotels, von denen das erste 2025 in Rom eröffnete. Die Idee war es, das Unternehmen so wieder zu erschaffen, wie es vor 100 Jahren war. Damals reisten die Leute mit dem Zug, übernachteten aber unterwegs auch in Hotels, die ebenfalls Teil des Unternehmens waren.
Wichtig ist zu betonen: Wir wollen nicht nostalgisch sein. Es gibt andere Firmen in Europa, die erfolgreich sind mit diesem Konzept. Wir wollen den »Orient Express« neu erfinden, die historische Seite des Brands mit modernem Komfort verbinden. Die Idee ist es also, unsere Geschichte als Inspirationsquelle zu nutzen, ohne nostalgisch zu wirken.
Was können Gäste von »Orient Express« als durchgängigen roten Faden erwarten, ob sie nun im Zug, auf der Yacht oder in einem Hotel sind?
Wir wollen Pioniere sein, Authentizität bieten und eine Verbindung mit den Gästen schaffen. Sie sollen zusammen mit der Crew Teil des Erlebnisses sein. Das ist der rote Faden. Es war uns wichtig, dass die »Orient Express Signature Experience» in allen Angeboten enthalten ist. Dafür ließ ich mich auch von der Vergangenheit inspirieren. Zum Beispiel von der »Grande Transformation« im Zug im Stil der 1920er- und 1930er-Jahre. Dabei stellt der Butler am Abend die Kabine für die Gäste um, um sie für die Nacht vorzubereiten. Wir werden diesen Moment nicht nur im Zug zelebrieren, sondern ihn auch in die Yacht und in die Hotels übersetzen. Dort schaffen wir die Transformation mit Hilfe von Gerüchen, Licht und durch einen Uniform-Wechsel der Crew.
Der Original »Orient Express« war berühmt für seine Gastronomie. Wird das Essen auch in Zukunft eine große Rolle spielen?
Der Bar-Waggon bildet die Mitte unseres Zuges, er befindet sich zwischen zwei Restaurant-Wagen. Den Rest des Zuges bauen wir darum herum. Das gleiche gilt für die Yacht, in der es ein vielseitiges F&B–Angebot geben wird. Wir haben den Luxus, im »Orient Express«-Archiv alle Originalrezepte der Restaurants und Bars zu haben, die wir als Inspiration nutzen. Damals galt das Essen als der wichtigste Teil der Reisen, denn es war auch der Moment, an dem sich die Gäste untereinander austauschen konnten.
Bei der Planung der aktuellen Zugstrecken spielte das gastronomische Angebot der verschiedenen Gegenden eine große Rolle. Wir haben Partnerschaften mit Sterneköchen: Beim »Dolce Vita«–Zug arbeiten wir mit Heinz Beck zusammen, der alle Menüs entwickelt. Für die Yacht hingegen haben wir Yannick Alléno ins Boot geholt.
Werden Wein und Gastronomie auch genutzt, um die Gäste mit der jeweiligen Gegend, durch die Sie gerade reisen, zu verbinden?
Ja, genau. Wir werden in verschiedenen Weingegenden Halt machen, etwa in der Champagne und in Tokaj. Bei jedem Stopp werden unsere Gäste u. a. die Möglichkeit haben, einen gastronomischen Ausflug zu unternehmen. Wir möchten aber auch die lokale Gastronomie in den Zug holen. Deswegen wird jedes Mittag- oder Abendessen und die Getränkebegleitung an Bord von der Region inspiriert sein, durch die der Zug gerade fährt.
Eine Reise im »Orient Express» ist alles andere als günstig. Warum ist das Erlebnis die Premiumpreise wert?
Unser Job ist es, außergewöhnliche Erlebnisse zu kreieren, die das Herz und den Verstand unserer Gäste ansprechen. Erlebnisse, an die man sich sein ganzes Leben lang erinnern wird. Ein Beispiel ist Rumänien. Auf den ersten Blick denkt man vielleicht, dass es dort nicht viel zu entdecken gibt. Aber wenn man einmal eintaucht, findet man so viele spannende Dinge. Die letzten drei Jahre haben wir vor allem daran gearbeitet, Authentizität zu finden und Beziehungen aufzubauen. Jetzt haben wir 300 Partner in ganz Europa. Natürlich wäre es einfacher gewesen, mit Reiseunternehmen zu arbeiten und aus einem Katalog bestehender Angebote etwas auszuwählen. So arbeiten wir aber nicht!
Bei jeder Strecke schauen wir selbst, wie wir am besten von Stadt zu Stadt kommen. Wenn wir die richtige Route gefunden haben, suchen wir die passenden Off-Board-Experiences. Mein Ziel dabei ist es, Orte zu finden, die noch nie die Türen für Besucher geöffnet haben, und mit dem Inhaber eine Beziehung aufzubauen. Das dauert alles sehr lange, macht aber den Unterschied aus.
Dass Sie ans Schienennetz gebunden sind, schränkt Sie also ein, führt aber auch dazu, dass Sie gezwungen sind, neue Orte zu entdecken. Gibt es weitere Einschränkungen bei der Planung?
Ja genau. Es gibt viele Einschränkungen! Weil wir möglichst nachhaltig sein wollen, bieten wir keine Ausflüge an, die einen Transfer von mehr als 20 Minuten beinhalten. Dann haben natürlich noch Einschränkungen, was das Budget angeht. Auch wenn wir etwas Spielraum haben, sind wir schlussendlich ein Unternehmen, das sich rentieren muss. Wir funktionieren als Kuratoren für authentische Erfahrungen in ganz Europa.

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