Frischer Wind für Siziliens Inselweine
Von einer Region der Massenproduktion hin zu einer Quelle hochwertiger, terroirgeprägter Weine – diesen beeindruckenden Wandel vollzog Sizilien in den vergangenen Jahrzehnten. Neben bekannten Namen sorgen auch kleinere Winzer für frischen Wind in der sizilianischen Weinwelt.
Sizilien entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der spannendsten Weinregionen Italiens. Einst vor allem für Massenproduktion bekannt, bietet die Insel heute eine beeindruckende Vielfalt an qualitativ hochwertigen Weinen. Die Einführung der DOC Sicilia im Jahr 2011 trug dazu bei, das Profil sizilianischer Weine weiter zu schärfen und die Identität der Inselweine zu stärken.
Diese geschützte Herkunftsbezeichnung erlaubt es Winzern, ihre Weine unter einer gemeinsamen Qualitätsmarke zu vermarkten und so international besser wahrgenommen zu werden. Weiteren Anteil an der gesteigerten Attraktivität der Insel tragen auch die Weine vom Ätna, mit 3.400 Meter der höchste aktive Vulkan Europas. Bis auf über 1.000 Meter klettern die Weinberge seine Hänge empor.
Ein Pionier für hochwertigen sizilianischen Rotwein war der Duca Enrico von Duca di Salaparuta. Dieser Wein, der in diesem Jahr sein 40. Jubiläum feiert, war der erste reinsortige Nero d’Avola, der das Potenzial dieser autochthonen Rebsorte für Spitzenweine unter Beweis stellte. Seit seiner ersten Ernte im Jahr 1984 hat sich der Duca Enrico als eine Referenz für hochwertige sizilianische Rotweine etabliert. Mit seiner eleganten Struktur, seinen tiefen Fruchtaromen und der Fähigkeit zur Reifung zeigt er eindrucksvoll, was auf der Insel möglich ist.
Potenziale Ausloten
Neben dem Duca Enrico gibt es heute eine Vielzahl an Weingütern, die das Potenzial des Nero d’Avola und anderer autochthoner Rebsorten wie Frappato oder Perricone ausloten. Bekannte Weingüter wie Tasca d’Almerita, Planeta oder Donnafugata haben entscheidend zur Renaissance des sizilianischen Weins beigetragen. Mit über 103.000 Hektar ist die Weinbaufläche auf Sizilien größer als in ganz Deutschland.
Von den sonnendurchfluteten Weingärten bei Pachino im Südosten oder bei Trapani und Marsala im Westen über die Hügellagen im Landesinneren bis hinauf an die Hänge des Ätna und der Monti Nebrodi sind die Lagen und die Klimazonen sehr unterschiedlich. Zu Recht nennen die Sizilianer ihre Insel daher einen eigenen Kontinent, der eine wahre Vielfalt von unterschiedlichen Weinen hervorbringt.
Mit Einführung der DOC Sicilia ist es gelungen, die Qualität und Vielfalt der Inselweine zu festigen. Neben Qualitätskontrolle und Promotion beschäftigt sich das Consorzio DOC Sicilia mit Forschung und der Erprobung neuer Weinbaumethoden. Auch Sizilien bleibt nicht vom Klimawandel verschont, lange anhaltende Trockenperioden werden zunehmend zum Problem.
Ein Lösungsansatz: Gemeinsam mit der Region Sizilien betreibt das Consorzio den Vivaio Paulsen am Stadtrand von Palermo. Federico Paulsen war im 19. Jahrhundert einer jener Forscher, die die Kombination von europäischen Edelreben mit amerikanischen Unterlagsreben als schlagkräftiges Mittel gegen die Reblaus entwickelten. Heute nutzt man am Vivaio Paulsen die damals zusammengetragenen Sorten und Klone für die Entwicklung neuer Unterlagsreben, die bessere Resistenz gegen Trockenstress gewährleisten.
Ein bemerkenswerter Vertreter des sizilianischen Weinbaus ist der Rosso del Conte, eine Cuvée aus Nero d’Avola und Perricone, die bereits in den 1970er-Jahren von Conte Giuseppe Tasca d’Almerita geschaffen wurde. Inspiriert von den Weinen des Châteauneuf-du-Pape in Frankreich setzte Conte Giuseppe Maßstäbe für den sizilianischen Weinbau. Der Wein reifte zunächst in Kastanienholzfässern, bevor er später in Eichenfässern weiterentwickelt wurde. Der Rosso del Conte überzeugt heute immer noch mit Struktur und Langlebigkeit.
Die Protagonisten
Die Familie Tasca hatte Regaleali um 1850 übernommen. Das Landgut liegt weit abgeschieden von Meer und Stadtrummel im Landesinneren. Die Autofahrt von Palermo dahin beansprucht gut zwei Stunden. Mit knapp 400 Hektar Rebfläche ist Regaleali die wichtigste Tenuta von Tasca d’Almerita, einem der großen Namen in der sizilianischen Weinwelt. Heute wird das Weingut von Alberto Tasca geleitet.
In den 1990er-Jahren waren es Chardonnay und Cabernet Sauvignon, mit denen Tasca in der internationalen Weinwelt auf Sizilien aufmerksam machte, nun konzentriert man sich mehr auf heimische Sorten. Die bekanntesten Weine aus dem Hause Tasca sind Regaleali Bianco (Inzolia, Grecanico, Cataratto) und Regaleali Rosso (Nero d’Avola), die beide in beachtlichen Stückzahlen erzeugt werden. Mit Mozia bei Marsala, Tascante am Ätna, Capofaro auf der Insel Salina und Sallier de La Tour bei Monreale besitzt Tasca d’Almerita auch interessante Weingüter außerhalb von Regaleali.
Neben Tasca gibt es weitere Familien, die in der Qualitätsrevolution der sizilianischen Weine eine wichtige Rolle spielen. Mitte der 1990er-Jahre gründeten die Cousins Francesca, Alessio und Santi Planeta ihren eigenen Betrieb bei Menfi. Mit jungem Elan und klaren Qualitätsvorstellungen brachten sie frischen Wind in den sizilianischen Wein. Planetas Chardonnay machte in den 90er-Jahren Furore. Fast 30 Jahre später zählt er immer noch zu den wichtigsten Chardonnays Italiens.
Neben Menfi ist Planeta heute mit eigenen Betrieben in Vittoria (Dorili), in Noto (Buonvini), am Ätna (Sciaranuova) und in Capo Milazzo (La Baronia) im Norden Siziliens präsent. Bis auf den Ätna werden in allen Weingütern Nero d’Avola-Weine erzeugt, anhand deren man eine genussvolle Reise durch Sizilien machen kann.
Das Donnafugata-Imperium
Ein weiterer wichtiger Name ist Donnafugata – hinter ihm steht die Winzerfamilie Rallo. Der Betrieb mit Hauptsitz in Marsala wird von den Geschwistern José und Antonio Rallo geleitet. Auf über 400 Hektar Weinflächen im Eigenbesitz kann Donnafugata zurückgreifen, die sich auf vier Betriebssitze verteilen: Contessa Entellina im Hinterland von Menfi im Westen, Vittoria im Süden, an den Hängen des Ätna und auf der Vulkaninsel Pantelleria. Dort entsteht ein Wein, der Antonio Rallo besonders am Herzen liegt, der köstlich süße Passito di Pantelleria. Verarbeitet werden alle Weine in Marsala.
Flaggschiff von Donnafugata ist der Mille e Notte, der sich im Lauf der Jahre zum reinsortigen Nero d’Avola entwickelte. Mit einer Vielzahl weiterer Weine, alle in ansprechenden Künstleretiketten, deckt Donnafugata die gesamte Sortenpalette ab. Übrigens: José Rallo ist nicht nur Donna del Vino, sondern auch eine grandiose Jazzsängerin, deren rare Auftritte man nicht versäumen sollte.
Salz in der Suppe
Eine weitere wichtige Familie im sizilianischen Weinbau sind die Cusumano. 2001 gründeten die Brüder Alberto und Diego ihren Betrieb, heute umfasst er sechs Weingüter, die sich über die Insel verteilen. Da gibt es die Tenuta San Carlo in Partinico, wo der Betrieb ursprünglich seinen Anfang nahm, die Tenuta Monte Pietroso und die Tenuta Presi e Pegni, beide in Monreale auf Höhenlagen zwischen 300 und 400 Metern, die Tenuta San Giacomo bei Butera, die Tenuta Filicuzzi in Piana degli Albanesi in 700 Metern Höhe und schließlich die Tenuta Alta Mora am Ätna.
Auch viele kleinere Weingüter tragen zur Dynamik des sizilianischen Weinbaus bei. Feudo Montoni beispielsweise bewirtschaftet 25 Hektar auf bis zu 700 Metern Höhe. Die kühlen Temperaturen in der Nacht sorgen für langsame Reifung der Trauben, was den Weinen Eleganz und Frische verleiht. Bekannt ist der Nero d’Avola Vrucara, der von wurzelechten, jahrhundertealten Reben stammt.
Ein weiterer Hotspot des Weinbaus ist der Südosten der Insel, insbesondere die Region um Noto und Vittoria. In Vittoria liegt die Heimat des Cerasuolo di Vittoria, einer Cuvée aus Nero d’Avola und Frappato, die 2005 als bisher einziger Wein Siziliens den DOCG-Status erhielt. Zu den bekanntesten Erzeugern zählt Valle dell’Acate.
Um Noto sind es zwei Betriebe, deren Besuch sich lohnt, beide im Eigentum von bekannten Winzerfamilien aus der Toskana. Zisola liegt in Sichtweite der Barockstadt Noto. Die Familie Mazzei (Castello di Fonterutoli) aus dem Chianti Classico gründete das Weingut zu Beginn des Jahrtausends. Hervorragend sind der Doppiozeta, ein brillianter reinsortiger Nero d’Avola, und Contrada Zisola, ein überraschend nerviger Weißwein aus Catarratto.
Weiter südlich gründete zur gleichen Zeit die Familie Moretti (Sette Ponti, Orma) das Weingut Feudo Maccari. Reben in traditioneller Stockerziehung (Alberello) bilden die Grundlage für ausdrucksvolle Weine: Maharis ist ein würziger Syrah mit beeindruckender Tiefe, Saià ein eindrucksvoller Nero d’Avola, und Vigna Firraru ist ein duftiger Weißwein aus Grillo-Trauben.
Sizilien ist längst eines der vielfältigsten Weinbaugebiete Italiens – und die Weine stehen für hohe Qualität, Terroir-Verbundenheit und Innovation.