Giacomo Casanova: Verführer, Betrüger und Gourmet
Er gilt als der berühmteste Verführer der Geschichte. Dabei war Giacomo Casanova viel mehr: Gelehrter, Scharlatan, Schriftsteller, Intrigant, Diplomat, Betrüger – und ein passionierter Gourmet.
Giacomo Girolamo Casanova hat seinen Lebensabend in Dux in Nordböhmen verbracht. In dieses Dörfchen hatte es den wohl berühmtesten Verführer aller Zeiten wider Willen verschlagen. Venedig, seine geliebte Heimatstadt, hatte er – wie schon so oft – fluchtartig verlassen müssen. Doch dieses Mal war es für immer. Er hastete nach Wien, dann nach Prag und Dresden, um kurze Zeit später wieder nach Wien zurückzukehren. Dort hoffte er, Arbeit zu finden. Vergeblich. Als ihm Graf Joseph Karl von Waldstein schließlich anbot, er könne auf Schloss Dux sein Bibliothekar werden, nahm er die Stelle zähneknirschend an. Was folgte, waren Jahre, geprägt von Langeweile, Isolation und dauernden Querelen mit dem Schlosspersonal. Um seinem tristen Alltag zu entkommen, begann der einstige Lebemann, seine Memoiren zu verfassen. Und diese Arbeit verschaffte ihm die ersehnte Ablenkung: »Indem ich mir die genossenen Freuden ins Gedächtnis zurückrufe, erneuere ich sie und genieße ihrer zum zweiten Mal. Der Leiden aber, die ich ausgestanden habe und jetzt nicht mehr fühle, ihrer lache ich.«
Ein Chronist seiner Zeit
Der Venezianer konnte wahrlich auf viel Freud und Leid zurückblicken, hatte er doch so intensiv gelebt wie kaum ein Zweiter. Auf fast 4000 eng beschriebenen Seiten berichtet er über sein außergewöhnliches Leben. Und anders, als viele glauben, ist sein Oeuvre keineswegs eine bloße Beschreibung seiner zahllosen Liebesabenteuer. »L’histoire de ma vie« ist viel mehr, nämlich eine der vollständigsten Abbildungen der europäischen Geschichte des 18. Jahrhunderts und eine äußerst ergiebige Quelle für die Gesellschaftssitten dieser Zeit.
Gleich zu Beginn legt der Literat ein offenherziges Bekenntnis ab: »Den Freuden meiner Sinne galt mein Leben lang mein Hauptstreben; etwas Wichtigeres gab es für mich niemals. Da ich mich für das andere Geschlecht geboren fühlte, habe ich stets geliebt und alles darangesetzt, seine Liebe zu gewinnen. Ich liebte auch mit Hingabe eine gute Tafel, und überhaupt leidenschaftlich alles, was meine Neugier erregte.«
Ciacomo Girolamo Casanova liebte sowohl amouröse Abenteuer als auch gutes Essen – beides verband er meisterhaft.
Wenige Zeilen später präzisiert der Gourmet seine kulinarischen Vorlieben: »Ich liebte alle scharf gewürzten Speisen: Makkaroni-Pastete von einem guten neapolitanischen Koch, die Ollapotrida der Spanier, recht klebrigen Neufundländer Stockfisch, Wildbret im höchsten Stadium des Duftes und von Käse gerade diejenigen Sorten, deren Vollendung sich dadurch zeigt, dass die Tierchen, die sich in ihnen bilden, sichtbar werden.«
Erotik und Kulinarik gehen Hand in Hand
Eines ist nicht zu überlesen: Dem Venezianer waren seine Amouren genauso wichtig wie gutes Essen und edle Tropfen. Rund ein Fünftel seiner Biografie handelt von seinen Techtelmechteln, und er verwendete mindestens ebenso viele Seiten auf die Beschreibung lukullischer Genüsse. Mit seinen Angebeteten zu schlemmen und zu schlürfen, empfand er als ungemein luststeigernd. Diners und Soupers waren selbstverständliches Vor- und Nachspiel jeder erotischen Begegnung.
Und schon der junge Casanova scheute weder Kosten noch Mühen, um Frauen, die er begehrte, auch mit Delikatessen zu betören. Eine davon war M.M., eine Nonne aus dem Kloster San Angelo in Murano. Ihren Namen nannte Casanova nie. Mit gutem Grund: M.M. gehörte dem berühmten venezianischen Adelsgeschlecht Morosini an. Casanova behauptete, sie habe seine Nähe gesucht und nicht umgekehrt. Und sie habe auch das erste geheime Treffen in der Lagune arrangiert, bei dem er seine Begierde kaum in Zaum halten konnte. Doch anstatt seinem Drängen nachzugeben, ließ M.M. spätabends ein Festmahl servieren, um den feurigen Verehrer abzulenken: »Das Geschirr war aus Sèvres-Porzellan. Das Abendessen bestand aus acht Gerichten. (…)
Es war ein köstliches und erlesenes Essen. ›Der Koch muss ein Franzose sein‹, rief ich aus, und sie bestätigte es mir. Wir tranken nur Burgunder, leerten eine Flasche Champagner und zur Aufmunterung eine Flasche Schaumwein. Ihr Appetit stand dem meinen nicht nach. Bei allem, was sie tat, konnte ich nicht anders, als ihre Lebensart, ihr Geschick und ihre Anmut zu bewundern.« Wenig überraschend setzte der Verschmähte bei der zweiten Verabredung mit der Ordensfrau alles daran, sie dieses Mal zu verführen.
Er mietete für das Rendezvous extra ein großes Haus im Viertel San Marco samt Koch an. Diesem befahl er, an dem alles entscheidenden Abend folgende Köstlichkeiten aufzutragen: »Wildbret, Stör, Austern, harte Eier, Sardellen und dazu vortreffliche Weine. Und um dem Punsch besonderen Geschmack zu geben, bittere Orangen und Rum – nicht Arrak.« Doch all dieser Delikatessen hätte es nicht bedurft. M.M. war von dem prunkvollen Ambiente, aber vor allem von dem 28-jährigen Charmeur so beeindruckt, dass sie beim Anblick der Speisen rief: »Ich bin zwar hungrig, aber das Souper ist mir unwichtig. Gehen wir zu Bett!«
Das beste Aphrodisiakum: Austern
Bei einer weiteren Zusammenkunft mit der nicht so keuschen Nonne entdeckte Casanova, welch aphrodisierende Wirkung Austern haben können: »Wir machten Punsch und ergötzten uns damit, Austern zu essen, indem wir sie austauschten, wenn wir sie schon im Munde hatten. Sie reichte mir die ihre auf der Zunge, während ich ihr gleichzeitig die meine in den Mund schob. Es gibt kein aufreizenderes und wollüstigeres Spiel zwischen zwei Liebenden.«
Austern blieb der Lüstling ein Leben lang treu, M.M. nicht. Schon bald vergnügte er sich mit anderen Schönheiten, schwor ihnen ewige Liebe und versprach ihnen die Ehe, um sich danach wieder aus dem Staub zu machen. Allerdings fand sein ausschweifendes Dasein am 25. Juli 1755 ein abruptes Ende. An diesem Tag nämlich wurde Casanova, nachdem er sich gerade ein knuspriges Hühnchen hatte schmecken lassen, vom Polizeidirektor verhaftet und in die Bleikammern des Dogenpalastes gesperrt.
Weshalb, ist bis heute nicht geklärt: Vielleicht waren seine Betrügereien und seine Spielschulden der Grund, möglich ist auch, dass der Inquisitor Antonio Condulmer ihn in den Kerker sperren ließ, weil Casanova dessen Geliebte allzu eifrig umworben hatte. Die Bleikammern galten im 18. Jahrhundert als absolut ausbruchsicher. Genauer gesagt: bis zum 1. November 1756. In dieser Nacht gelang dem berühmten Gefangenen die Flucht aus dem sichersten Gefängnis Europas. Ja, er verließ den Dogenpalast sogar durch einen der gut bewachten Haupteingänge und floh über Mestre, Trient, Bozen, München, Straßburg nach Paris, wo er Anfang 1757 eintraf.
Und dort nannte sich der Herzensbrecher auf einmal Chevalier de Seingalt und verführte als solcher Mütter wie Töchter, Jungfrauen und Witwen, Dienstmädchen und Gräfinnen. Er raubte auch der Marquise Jeanne d’Urfé den Verstand – und ein kleines Vermögen. Der Scharlatan machte d’Urfé glauben, er könne dank seiner übersinnlichen Kräfte ihren größten Wunsch – noch einmal auf die Welt zu kommen – erfüllen.
Bald darauf kehrte der Blender ihr und Frankreich wieder den Rücken zu. Die folgenden Jahre führten ihn durch die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Spanien, England, Österreich, Polen, das heutige Tschechien und Russland. Er traf auf Katharina die Große, Georg III., Benjamin Franklin, Papst Clemens XIII., Voltaire und Mozart – und andere namhafte Zeitgenossen. Aber nirgendwo konnte der Unruhestifter länger bleiben.
Erst nach 19-jähriger Odyssee erfüllte sich endlich sein großer Wunsch, nach Venedig zurückkehren zu können. Dort verdiente er sein Geld als Spion der Inquisition. Und er veröffentlichte bitterböse Satiren über mächtige Adelsfamilien. So kam es, dass der Pamphletist, um nicht wieder in den Bleikammern zu landen, erneut das Weite suchen musste.
Bis ans Ende seiner Tage sehnte er sich nach der Lagunenstadt. Denn in dem verschlafenen Dux fehlte dem Tausendsassa alles, was sein Leben so freudvoll gemacht hatte: Abenteuer, Liebschaften und – nicht zu vergessen – die gute Tafel. Es hieß: »Es hat keinen einzigen Tag gegeben, an dem er sich nicht über seinen Kaffee, seine Milch oder den Teller Makkaroni beschwerte, den er täglich verlangte.«
Im Alter von 74 Jahren starb der berühmteste Sohn Venedigs. Bereit zu gehen, war er nicht – und wäre es seinen eigenen Worten nach wohl nie gewesen: »Der Tod ist ein Ungeheuer, das den aufmerksamen Zuschauer aus dem großen Welttheater hinausjagt, bevor das Stück, das ihn unendlich interessiert, zu Ende gespielt ist. Schon dieser Grund allein muss genug sein, um den Tod zu verabscheuen.«
Steckbrief: Ciacomo Casanova
• Giacomo Casanova war ein italienischer Diplomat, Priester, Schriftsteller, Alchimist, Geheimagent, Übersetzer, Bibliothekar, Weltenbummler und vieles mehr. Vor allem aber war er der wohl berühmteste Verführer der Welt. Er war nie verheiratet, hatte aber zahlreiche Kinder.
• Am 2. April 1725 wurde Casanova in Venedig als Sohn eines Schauspielerpaares geboren und verbrachte dort seine Kindheit und Jugend. Er studierte ab 1737 Theologie und Rechtswissenschaften an der Universität Padua und erwarb 1742 den Titel des Doktors beider Rechte. Mitte der 1740er-Jahre begann sein unstetes Nomadenleben.
• 1755 wurde der Freimaurer festgenommen und in die Bleikammern des Dogenpalasts gesperrt. Nach
15 Monaten gelang ihm die Flucht, und seine jahrelange Wanderschaft, die ihn in alle europäischen Hauptstädte und viele Fürsten- und Königshäuser führen sollte, begann. 1774 durfte er nach Venedig zurückkehren. 1783 musste er die Stadt wieder verlassen, nachdem er sich mit einflussreichen Venezianern überworfen hatte.
• Ab 1785 lebte Casanova bis zu seinem Tod in Böhmen in Dux (heute Duchcov), wo er als Bibliothekar bei Graf Joseph Karl Waldstein Anstellung gefunden hatte. Dort verfasste er seine Autobiografie »Histoire de ma vie«. Am 4. Juni 1798 starb er im 74. Lebensjahr.