Kinostart für »Fanni«: Wie ein ganzes Dorf sein Wirtshaus rettete
Mit Muskelkraft, Idealismus und einem Versprechen an die letzte Wirtin haben die Bewohner von Pischelsdorf ein Denkmal bayerischer Wirtshauskultur vor dem Verfall bewahrt. Nun erzählt ein Kinofilm ihre Geschichte.
Von außen sah es lange aus wie eine Kulisse aus einem Heimatfilm der Nachkriegszeit: Der Putz bröckelte, die Fensterläden hingen schief, das Dach war durchlässig wie ein Bier-Resteimer nach dem Volksfest. Und doch stand das Gebäude, in dem früher die Wirtin Fanni aufgetischt hatte, wie ein stummes Mahnmal für das, was vielen Dörfern in Deutschland abhandengekommen ist: ein sozialer Mittelpunkt. Doch in Pischelsdorf, einer kleinen Gemeinde im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, entschied man sich, das Wirtshaus nicht weiter sterben zu lassen – sondern es gemeinsam wiederzubeleben.
Fanni, die letzte Wirtin des Gasthauses, hatte ihren Erben ein Versprechen abgerungen: Das Haus solle erhalten bleiben. Andernfalls, so drohte sie, würde sie ihnen nachts im Traum erscheinen. Es dauerte Jahrzehnte – erst nach ihrem Tod und dem ihrer Nachfolger wurde das Versprechen ernst genommen. Ein kleiner Kreis von engagierten Pischelsdorfer:innen begann, die verfallene Kneipe eigenhändig zu sanieren. Ohne Investor, ohne große Fördertöpfe, ohne Schnickschnack. Nur mit Bohrhämmern, Malerpinseln und einer Menge Idealismus.
Ein Haus, ein Versprechen, ein Kinofilm
Was daraus entstanden ist, ist heute nicht nur ein Genossenschafts-Wirtshaus mit regelmäßigen Öffnungszeiten – sondern auch der Stoff für einen Dokumentarfilm. Der Regisseur Hubert Neufeld, selbst in Pischelsdorf aufgewachsen, hat das Projekt mit der Kamera begleitet. »Fanni – oder: Wie rettet man ein Wirtshaus?« läuft seit dem 24. April bundesweit in ausgewählten Kinos und erzählt von Ziegelsteinen, Zwischenmenschlichem und einem ganz besonderen Neuanfang.
Seit Sommer 2023 hat die »Fanni« wieder geöffnet – wenn auch nur freitags. Den Ausschank übernehmen reihum engagierte Dorfbewohner:innen, in der Küche regiert eine schlichte, aber liebevolle Handschrift. Feuerwehrstammtische, Kaffeekränzchen, Vereinsabende und kleine Feiern füllen das Haus mit Leben – eben all das, was ein zweites Wohnzimmer ausmacht.
Neufelds Film verzichtet dabei auf Sentimentalität und zeigt stattdessen Menschen mit Ecken, Kanten, Humor – und dem festen Willen, dem Bedeutungsverlust einer Dorfwirtschaft nicht tatenlos zuzusehen. Der Kabarettist Gerhard Polt, der im Film ebenfalls zu Wort kommt, bringt es auf den Punkt: Früher habe man im Wirtshaus tolle Geschichten gehört, es sei Teil der Dorfkommunikation gewesen. Das gebe es kaum mehr. »Wir haben eine vollkommen – aus meiner Sicht – sterile Atmosphäre«, sagt er.
Wirtshaussterben: Eine stille Krise
Die Geschichte der »Fanni« ist eine seltene Ausnahme. Der Trend zeigt in eine andere Richtung. Schon seit einigen Jahren verliert die einstige Institution an Bedeutung. Nicht erst seit der Coronapandemie und den Lockdowns trocknen in Deutschland über hölzernen Tresen viele Zapfhähne aus. Etwas scheint sich verschoben zu haben.
In Bayern, so der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, gibt es bereits in mehr als 500 Gemeinden kein einziges Wirtshaus mehr – Tendenz steigend. Steigende Kosten, Bürokratie, Personalmangel und eine oft fehlende Nachfolge machen vor allem kleinen Betrieben zu schaffen.
Dazu kommt: Streamingdienste ersetzen Stammtische, Lieferservices das Mittagessen im Gasthaus. »Es stirbt nicht nur ein Geschäftsmodell«, sagt ein Vertreter der Dehoga im Film. »Es stirbt ein Ort des Austauschs, ein Stück Kultur.«
Kleines Dorf, große Botschaft
Dass Pischelsdorf einen anderen Weg gegangen ist, liegt auch an der Kraft der Gemeinschaft – und am Willen, dem schleichenden Rückzug nicht tatenlos zuzusehen. Mit der »Fanni« ist mehr zurückgekehrt als nur ein Haus: ein Ort für Begegnung, Diskussion, Alltag – und für das sprichwörtliche Bier mit einem alten Bekannten.
Was bleibt, ist ein Film, der keine Helden inszeniert, sondern Haltung dokumentiert. Und ein Wirtshaus, das vielleicht nicht täglich geöffnet hat – aber jeden Freitag an etwas erinnert, das vielerorts verloren geht: Dass Gastronomie eben mehr sein kann als ein Geschäft. Sie kann ein Zuhause sein.
Vielleicht braucht es genau solche Geschichten wie die der »Fanni«, um zu zeigen, dass es weitergehen kann. Dass der letzte Vorhang nicht zwangsläufig gefallen ist. Und dass Hoffnung manchmal dort aufblüht, wo man sie fast schon vergessen hatte – am Tresen, zwischen Zapfhahn und Ziegelwand.