Marcel Hirscher: »Zu einer Speckjause kann ich nicht nein sagen«
Seine Kindheit hat Skistar Marcel Hirscher auf der Stuhlalm in Salzburg verbracht. Weder Strom noch warmes Wasser gab es in der schlichten Almhütte, aber dafür bodenständige Hausmannskost.
Im SalzburgerLand, oberhalb von Annaberg, liegt auf 1467 Meter Seehöhe die Stuhlalm. An diesen Ort, von dem man im Westen auf die Südwand des Dachsteinmassivs, im Osten auf die Gipfel des Gosaukamms und im Süden ins Lammertal bis hin zu den Niederen Tauern blicken kann, kehrt Marcel Hirscher immer wieder gern zurück. »Die Stuhlalm gehört jeden Sommer zu meinem Pflichtprogramm. Dann gibt’s Kaiserschmarren. Und sofort kommen die Erinnerungen wieder, so schmeckt Kindheit«, sagt der bisher erfolgreichste Skifahrer der Welt.
Es war im Mai 1989, als Ferdinand und Sylvia Hirscher mit ihrem zwei Monate alten Sohn Marcel zum ersten Mal auf die Stuhlalm zogen. Mit der Familie hoch oben in den Bergen zu leben und von Frühling bis Herbst eine Hütte zu betreiben, das war seit jeher der große Traum von »Ferdl« gewesen. »Ich dachte, dass ich als Hüttenwirt viel zum Klettern komme. Aber ich habe die Arbeit massiv unterschätzt. Das waren sechs Monate Arbeit, Tag und Nacht«, erzählt er in der Biografie »Marcel Hirscher«.
Anpacken von früh an
Und die Lebensbedingungen in der Holzhütte waren äußerst bescheiden. »Wir hatten kein warmes Wasser, kein elektrisches Licht und keinen Geschirrspüler – und das in einem Gastronomiebetrieb«, erinnert sich der Athlet. Darum lernte der Bub nicht nur sehr früh, mit anzupacken, sondern auch, sich selbst zu beschäftigen. Denn weder Vater noch Mutter hatten Zeit, sich um ihn und seinen jüngeren Bruder zu kümmern. Darum zieht Marcel selbst los, klettert auf die Berge, fängt Kaulquappen oder radelt hinunter ins Dorf, um mit seinen Freunden Fußball zu spielen oder schwimmen zu gehen. Danach strampelt er wieder den langen Weg hinauf auf die Alm und stärkt sich mit all dem, was die Hirschers für ihre Hüttengäste gekocht haben: »Schnitzel, Gamsgulasch, Käse, Speck, Kaiserschmarren – ich bin mit bodenständiger Hausmannskost aufgewachsen. Zu einer klassischen Speckjause kann ich auch heute nicht nein sagen, obwohl das vielleicht nicht die optimale Sportlerernährung ist.«
Speck hin, kaltes Wasser her, Marcel Hirscher haben die Jahre auf der Stuhlalm keineswegs geschadet. Ganz im Gegenteil, er möchte keinen Tag davon missen. Überzeugt ist er, dass die vielen Geschicklichkeitstests, die er als Bub beim Klettern, Kraxeln und Radeln über Stock und Stein absolviert hat, ihn und auch seinen Bandapparat robust gemacht haben: »Kann sein, dass es geholfen hat, dass ich auf der Alm aufgewachsen und andauernd auf die Papp’n geflogen bin«, sagt er.
Skifahren mit dem Schnuller im Mund
Mit zwei Jahren stellte Vater Ferdinand seinen Sohn erstmals auf die Ski und bemerkt sofort: Sein Gleichgewichtssinn und die Art, wie der kleine Knirps mit dem Schnuller im Mund bremst, sind für sein Alter alles andere als normal. Das gilt auch für Marcels Leidenschaft für diesen Sport. Wenn er nicht gerade schläft oder in der Schule ist, steht er auf den Brettern. Bald gewinnt er jedes Skirennen, an dem er teilnimmt, mit großem Vorsprung. »Aber wir dachten keine Sekunde daran, dass er Profi-Rennfahrer werden könnte«, sagt Ferdinand, der in seiner Jugend selbst Skirennläufer war. Zu oft hat er erlebt, dass es auch große Talente nicht nach oben schaffen. Sein Motto lautet daher: »Ball flach halten. Und trainieren.« Seine Ausbildung – Marcel besuchte die Tourismusschule in Bad Hofgastein – vernachlässigte er dennoch nicht. Direktorin Maria Wiesinger beschreibt ihn als einen sehr bodenständigen, gewissenhaften Schüler, dessen Kochkünste sich durchaus sehen lassen konnten: Kürbiscremesuppe, Brokkoli à la Chef und Kaiserschmarren war ein Menü, das er gerne auf den Tisch zauberte.
Zwei Jahre lang drückte Hirscher mit Anna Veith (früher Fenninger) die Schulbank. Dass sie einmal mehrfach den Gesamtweltcup, die Weltmeisterschaften und die Olympischen Spiele gewinnen würden, ahnten die beiden freilich nicht. Heute zieren die Bilder der Skistars die »Hall of Fame« der Schule in Bad Hofgastein.
Schladming 2013 – ein Wendepunkt
Welche Tage zu den wichtigsten seiner Karriere zählen, wurde Marcel Hirscher oft gefragt. Und immer nennt er den 17. Februar 2013. Denn an diesem Sonntag gewann er vor 40.000 jubelnden Zuschauern in Schladming erstmals WM-Gold. Nach diesem emotionalsten Sieg seiner Karriere hatte er endgültig für sich selbst die Gewissheit, die völlig verrückten Erwartungen eines ganzen Landes stemmen zu können, sagt er in seiner Biografie. Und so war es auch. Dank seiner eisernen Disziplin und Willenskraft fuhr er immer wieder aufs Neue mit Bestzeit über die Ziellinie. Doch das wäre, so betonte er immer wieder, ohne sein Team, das ihn rund um die Uhr betreute, niemals möglich gewesen.
Und auch nicht ohne die richtige Ernährung: Ein köstliches Risotto und ein Rindssteak mit Kartoffeln und Gemüse, diese Gerichte standen immer ganz oben auf dem Speiseplan des Spitzensportlers. Auf Nachspeisen, Milchprodukte und manche Getreidesorten verzichtete er hingegen zunehmend. Um genügend Energie zu haben, startete er mit gekochten Haferflocken, Buchweizen, Obst und ein bisschen Honig in den Tag. »Viele Sportler unterschätzen, welch große Auswirkungen die Ernährung auf Körper und Leistung haben«, sagt Josef Percht, der von 2016 an für die optimale Ernährung des Skistars verantwortlich war. Wobei: Marcel Hirscher hat auch beim Essen nie vergessen, auf sich zu hören: »Im Endeffekt sagt dir dein Körper, was richtig und falsch ist.«
Auf sich gehört hat der Salzburger auch, als er im August 2019 beschloss, seine Skilaufbahn zu beenden. Für viele kam sein Schritt völlig überraschend – und viel zu früh. Wie es ihm damals wirklich ging, wusste lange Zeit nur sein engstes Umfeld. Erst im Jänner 2025 sprach der Held der Nation in einer ORF-Dokumentation über die Gründe seiner Entscheidung. »Ich konnte nicht mehr. Aber nicht, weil meine Liebe zum Skifahren weniger geworden wäre, ich war einfach körperlich und mental völlig ausgebrannt.« Rückblickend weiß Hirscher genau, wie es so weit kommen konnte. »Ich hatte in meiner langen Karriere das Glück, nie schwerer verletzt zu sein. Deshalb gab es aber auch nie eine Pause, über all das, was da passiert ist, zu reflektieren.«
So schön es war, immer wieder ganz oben auf dem Podest zu stehen, der Erfolg hatte auch große Schattenseiten. Der ständige Druck setzte ihm genauso zu wie überall erkannt, angesprochen oder beobachtet zu werden: »Wenn es jedes Mal still wird, wenn du ein Restaurant betrittst, fragst du dich: ›Was mache ich falsch?‹.«
Ein Mensch, kein Superstar
Nicht mehr im Rampenlicht zu stehen, hat Hirscher gutgetan. Er hat viel nachgedacht, sich aber auch der Leere gestellt: »Es waren die wertvollsten fünf Jahre meines Lebens, auch wenn es nicht immer leicht war. Es ist schwierig zu wissen, dass es jetzt vorbei ist, nicht wissend, was man eigentlich als nächstes machen soll. Was will ich denn eigentlich? Das herauszufinden, war sehr spannend.« Seine Antwort hat er mit der Zeit gefunden: »Meiner Leidenschaft nachgehen. Skifahren.« Gesagt, getan. Sein großes Comeback im Weltcup feierte er am 24. Oktober 2024 mit dem 23. Platz beim Riesenslalom in Sölden. Allerdings ging er nicht für Österreich, sondern für die Niederlande, dem Heimatland seiner Mutter Sylvia, an den Start.
Und das will der 36-Jährige auch in der Saison 2025/26 wieder tun, obwohl er sich vor zehn Monaten beim Training einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Aber der Bub von der Stuhlalm ist ein Kämpfer. Aufgeben, das Wort kennt Hirscher, der für so viele ein Superstar ist, nicht. Wobei er es nicht leiden kann, wenn er so genannt wird: »Superstar, was soll das sein? Für mich ist das Blödsinn. Ich bin ein normaler Mensch. Manches gelingt mir super, manches nicht so gut: Erst gestern sind mir die Erdäpfel angebrannt.«