München trifft Neapel: Das »Casele« bringt Italo-Flair ins Glockenbachviertel
Sommelier Raffaele Colonna versucht an der Isar einen mutigen Spagat: Er paart neapolitanische Küchentradition mit dem rohen Charme einer ehemaligen Metzgerei und einer ordentlichen Portion Design-Anspruch.
Dass München die nördlichste Stadt Italiens sei, ist eine jener Floskeln, die man in der bayerischen Landeshauptstadt ebenso oft wie unbedacht bemüht. Meistens ist damit ein bürgerliches Dolce Vita gemeint, das sich zwischen Aperol Spritz und Maximilianstraße abspielt. Doch im Glockenbachviertel, genauer gesagt in den Räumen der ehemaligen Metzgerei Schlagbauer, wird dieses Klischee gerade auf eine sehr viel raue, ehrlichere Art und Weise dekonstruiert. Was Sommelier Raffaele Colonna mit dem »Casele« geschaffen hat, ist weniger ein klassisches Restaurant als vielmehr eine kulinarische Enklave, die den Geist Neapels mit der Design-Sensibilität des modernen Münchens kreuzt.
Der Clou dieses Projekts liegt in seiner radikalen Authentizität. Colonna ist nicht den einfachen Weg gegangen, lokales Personal in italienische Schürzen zu stecken. Stattdessen rekrutierte er seine Brigade im Sommer direkt am Tyrrhenischen Meer. Ehemalige Weggefährten und Küchenkollegen ließen sich auf das Abenteuer ein, die kampanische Küste gegen die Isar zu tauschen. Diese personelle Konsequenz schmeckt man auf dem Teller: Gerichte wie die Pasta alla Nerano oder das Kaninchen nach Ischia-Art kommen ohne die sonst üblichen Anpassungen an den vermeintlich deutschen Gaumen aus. Sogar die Logistik wurde diesem Anspruch untergeordnet. Wenn in Marina di Camerota der Fang des Tages angelandet wird, sorgt eine direkte Linie über die neapolitanische Pescheria Mattiucci dafür, dass der Fisch keine 24 Stunden später in der ehemaligen Metzgerei serviert wird.
Fine Dining trifft Italo-Disco
Die Architektur des Lokals spielt dabei eine tragende Rolle für das Gesamterlebnis. Das Münchner Studio Holzrausch hat das Kunststück vollbracht, die industrielle DNA der alten Metzgerei zu bewahren, ohne dass der Raum steril wirkt. Wo früher Fleisch zerlegt wurde, dominieren heute warm glasierte Fliesen, Kupfer und dunkles Mahagoni. Es ist ein Spiel mit den Schichten: Ein ausrangierter Fleischkühlschrank beherbergt nun Weine aus dem Burgund und von handverlesenen italienischen Winzern, während man im Innenhof unter den Wäscheleinen der Nachbarschaft sitzt. Dieser bewusste Bruch zwischen dem Hochglanz-Design der Möbel und der beiläufigen Alltäglichkeit des Hinterhofs verleiht dem Ort eine Dynamik, die man in der oft überinszenierten Münchner Gastronomie selten findet.
Gegen Abend verschieben sich die Prioritäten im »Casele« fast unmerklich. Die einstige Metzgertheke wird zum sozialen Ankerpunkt einer Weinbar, die sich mit zunehmender Stunde in einen Ort der Italo-Disco verwandelt. Wenn die Bässe von Pino D’Angiò durch die Räume schwingen, in denen beiläufig florentinische Ölgemälde und moderne Spiegelkunst hängen, verschmilzt der Anspruch eines Fine-Dining-Konzepts mit der Unbeschwertheit einer Bar. Es ist dieser Mut zur Reibung – zwischen neapolitanischer Tradition, Münchner Industriegeschichte und einer kuratierten Lässigkeit –, der das »Casele« zu einer der spannendsten Neueröffnungen der Saison macht. Wer hier einkehrt, sucht keine Kulisse, sondern eine Atmosphäre, die bleibt.