Stanley Tucci und das »wahre« Italien
In der neuen Serie »Tucci in Italien« entdeckt der Schauspieler das kulinarische Erbe seines Herkunftslandes – mit leiser Neugier, biografischer Tiefe und politischem Feingefühl. Ein Porträt über Haltung, Geschmack und die Kraft des Zuhörens.
Fusilli, Rigatoni, Tucci – auf den ersten Blick ließe sich sein Nachname als italienische Pastasorte abtun. Natürlich wäre das zu kurz gedacht. Denn anders als Nudeln lässt sich der Schauspieler, der 1960 in New York geboren wurde, nur schwer zerkochen. Seine Präsenz, seine Haltung – sie sind ebenso bissfest wie das italienische Essen, das er in seiner neuen Serie »Stanley Tucci in Italien« mit Neugier, Zurückhaltung und Genauigkeit erkundet.
Ab dem 19. Mai 2025 ist das neue Format bei National Geographic und Disney+ zu sehen. Für Stanley Tucci ist es mehr als nur ein kulinarisches Reiseprogramm – es ist ein persönliches Projekt. Wer die Vorgängerserie »Stanley Tucci in Italien« kennt, wird viele der Hauptkomponenten wiedererkennen: Städte, Märkte, Pasta, Menschen. Aber eigentlich geht es nie nur darum. Die Serie dient Tucci als Bühne für das, was ihn interessiert: Menschen mit ihren Geschichten, Kulturen und politischen Realitäten.
Esskultur – ein Spiegel des Gegenwärtigen
Der Schauspieler spricht fließend Italienisch, aber nie dominant. Er fragt nach, wiederholt Begriffe, manchmal fast beiläufig – als würde er sie festhalten wollen. Er nutzt das Gespräch über Essen, um mehr über Gesellschaft zu erfahren: über regionale Unterschiede, politische Spannungen, historische Brüche. »Hier ist ein Land der Suppen und Nudeln, des Bieres und des Weines«, sagt er auf Deutsch in einer Folge aus Trentino-Südtirol – »where the food is as complex as the region itself« (dt. wo die Küche so komplex wie ihre Region ist).
Tucci nutzt die Küche, um politische Fragen zu stellen – nicht abstrakt, sondern konkret: über Rituale, über Herkunft und Aromen. Essen wird zur erzählerischen Struktur. Es ist der rote Faden – nicht das Ziel.Auch privat bleibt er dieser Haltung treu. Seine Küche in London ist aufgeräumt, sachlich, funktional. Kein Studio, kein Spektakel. Ein Raum zum Arbeiten – und zum Zuhören. Tucci nutzt die Kamera nicht, um darzustellen. Sondern um zu zeigen.
Charakter statt Hauptrolle
Tucci ist keiner, der sich in den Vordergrund spielt. Er moderiert beiläufig, fast zurückhaltend. Er stellt Fragen, unterbricht selten. Seine Gestik ist kontrolliert, seine Kleidung unauffällig – dunkle Hemden, Outdoorjacken, selten ein Anzug. Kein kalkulierter Stil, sondern ein Ausdruck von Haltung. Es wirkt, als hätte der Schauspieler vieles vorher durchdacht – nicht aus Unsicherheit, sondern aus dem Wunsch nach Klarheit.
Diese Klarheit hat biografische Tiefe. Seine Eltern – der Vater Kunstlehrer, die Mutter Sekretärin und leidenschaftliche Köchin – waren italienische Einwanderer in die USA. Früh lernte er, dass Kochen weniger Talent als Aufmerksamkeit verlangt – eine Fähigkeit, die er bis heute pflegt. Auf Instagram ist er regelmäßig mit seiner Mutter beim Kochen zu sehen. Zutaten werden nicht erklärt, sondern verarbeitet. Reduktion ist Teil seines Verständnisses von Handwerk.
Auch als Schauspieler sucht Tucci keine Hauptrollen, sondern Rollen mit Kontur. In »Der Teufel trägt Prada« war er als Nigel das ruhige Zentrum einer lauten Modewelt. In »The Lovely Bones« spielte er einen Mörder mit fast unbewegtem Gesicht. Seine Figuren beeindrucken nicht durch Überzeichnung, sondern durch Genauigkeit – und durch das, was sie nicht zeigen. Diese Präzision hat durch eine persönliche Erfahrung noch an Tiefe gewonnen: Während einer Krebserkrankung verlor Tucci zeitweise seinen Geschmackssinn – eine Einschränkung, über die er offen spricht, aber ohne Pathos.
Kein Exotikum, sondern Gegenwart
In »Tucci in Italien« steht Essen nicht für Folklore. Es steht für Gegenwart, für Wandel, für kulturelle Durchlässigkeit.In einer der Folgen trifft Tucci den Landwirt Gunpreet Singh, der in der Lombardei den traditionellen Hartkäse Grana Padano herstellt. Singh ist einer von rund 30.000 Menschen aus dem indischen Punjab, die heute in Norditalien in der Landwirtschaft tätig sind.Tucci inszeniert ihn nicht als Exotikum, sondern als selbstverständlichen Teil eines modernen, vielschichtigen Italiens. Mit »Tucci in Italien« gelingt dem Schauspieler eine kulinarische Reise, die weit über den Tellerrand hinausblickt. Eine Reise, die von Neugier getrieben ist – und die viel über ihn selbst erzählt.
Zu sehen ab dem 19. Mai 2025 bei National Geographic und Disney+.