Warum Warschau die spannendste Stadt Europas ist
Am Ende des Zweiten Weltkriegs war von Warschau kaum etwas übrig. Trotz der enormen Wiederaufbauleistung wird Polens Hauptstadt bis heute unterschätzt. Dabei zählt sie mit ihrer reichen Geschichte und ihrer modernen Architektur zu den spannendsten Reisezielen Europas. 72 Stunden vor Ort.
Freitag
Warschau ist auf dem besten Weg, die aufregendste Stadt Europas zu werden – ein Wunder, wenn man ihre dramatische Geschichte bedenkt. Höchste Zeit für einen Deep Dive …
Seit Warschau 2023 zum besten Reiseziel Europas gekürt wurde, ist offiziell, dass die Metropole zum Spannendsten gehört, was der alte Kontinent zu bieten hat. Wer noch nicht dort war, sollte schleunigst die Koffer packen und den Aufschwung hautnah erleben. Nach einem kurzen Flug landen wir pünktlich am modernen Chopin-Flughafen, der von zahlreichen Destinationen im DACH-Raum direkt angeflogen wird, in kaum mehr als zwei Stunden. Günstige Verbindungen bietet unter anderem die polnische Airline LOT. Mit dem Taxi sind es nur etwa 30 Minuten ins Stadtzentrum – und zu unserer Unterkunft: dem »H15 Boutique Hotel«, einer eleganten Jugendstilvilla, die einst die sowjetische Botschaft beherbergte. Eine stille Oase mitten im Hauptstadtgetümmel, nicht zuletzt dank der zum Innenhof ausgerichteten Zimmer. Unter dessen Glaskuppel genießen wir unseren ersten Kaffee auf polnischem Boden. Das strahlende Frühlingswetter ist eine Einladung, Warschau zu Fuß zu erkunden.
Wein aus Polen?
Wir erreichen den Königsweg – mit zehn Kilometern eine der längsten Repräsentationsstraßen der Welt – und passieren die Heilig-Kreuz-Kirche, in deren Pfeiler das konservierte Herz Frédéric Chopins eingemauert ist. Nach seinem Tod im Jahr 1849 in Paris wurde dem letzten Wunsch des polnischen Musikgenies entsprochen: Sein Herz wurde in seine geliebte Heimatstadt Warschau zurückgebracht. Unser nächster Stopp ist das Kaffeehaus im »Bristol« – dem traditionsreichsten Luxushotel der Stadt. Bis zum Zweiten Weltkrieg war es der gesellschaftliche Treffpunkt Warschaus. Hier zählten einst Thomas Mann, Richard Strauss und Pablo Picasso zu den Gästen. Der Zauber dieser Epoche ist bis heute spürbar – dank der liebevoll erhaltenen Innenausstattung.
Von dort geht es weiter in die Ulica Mokotowska – die wohl angesagteste Einkaufsstraße der Stadt, mit Designergeschäften und Boutiquen. In diesem charmanten Viertel lassen wir den Tag ausklingen. Unsere Adresse dafür: »Alewino«. Das Lokal schmiegt sich u-förmig um einen begrünten Innenhof, als wolle es die Welt draußen aussperren. Die Einrichtung ist schlicht, die Speisekarte reduziert. Dafür ist die Weinkarte mit über 250 Positionen umso beeindruckender. Höchste Zeit für eine Kostprobe lokaler Weine. Man mag es kaum glauben, aber der polnische Weinbau ist im Kommen.
Samstag
Wo einst Schlote rauchten und Abgase den Himmel verhingen, wartet heute vinophile und architektonische Extraklasse. Auf nach Wola!
Wir beginnen den Tag im Westen der Stadt, in Wola – einst das industrielle Rückgrat Warschaus: grau, verrußt und von Abgasen überzogen. Heute hingegen darf man diesen Bezirk mit Fug und Recht als die Schokoladenseite der polnischen Hauptstadt bezeichnen. Kaum ein Viertel wurde so konsequent herausgeputzt. Wolkenkratzer internationaler Star-Architekten formen hier eine hypermoderne Silhouette, die Architekturstudenten aus aller Welt anlockt. Zwei Bauten stechen besonders hervor: der »Skyline«, ein 195 Meter hoher Büroturm – so designt, dass der obere Teil über dem Boden zu schweben scheint – und die »Złota 44« von Daniel Libeskind, das höchste Wohngebäude der Europäischen Union und ein Symbol für den Strukturwandel Warschaus.
Auf einem stillgelegten Fabrikareal verbirgt sich ein wahrer Tempel des Genusses: das Stammhaus von »Mielzynski«, ein exzellent sortierter Weinhandel mit angeschlossenem Restaurant. Inhaber Robert Mielzynski ist der charmanteste Gastgeber der Stadt – und vermag mit seiner faszinierenden Lebensgeschichte mühelos stundenlang zu fesseln: Er wuchs in Kanada auf, weil seine Eltern vor den Kommunisten geflüchtet waren. Das Abitur machte er in Düsseldorf, Weinbau studierte er in Kalifornien. Nach mehreren Gängen – darunter Thunfischfilet auf einem frischen Erdbeerbett –, vielen Lebensschwänken und einem doppelten Espresso fühlen wir uns bereit, tiefer in die Geschichte Warschaus einzutauchen.
Erlebnis für die Sinne
Nur etwa zehn Autominuten entfernt liegt das POLIN-Museum – im Herzen des historischen Viertels Muranów. Es erzählt die über tausendjährige Geschichte der jüdischen Gemeinde in Polen. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier mehr als drei Millionen Juden – einer der höchsten Bevölkerungsanteile weltweit. Nur rund 100.000 überlebten den Holocaust. Auch architektonisch setzt das Museum ein starkes Zeichen: Seine geschwungene Glasfassade zitiert die alttestamentarische Szene, in der Moses das Rote Meer teilt, um seinem Volk den Weg in die Freiheit zu ermöglichen – ein Bild für Hoffnung und Aufbruch.
Am Abend zieht es uns erneut auf den Königsweg – ins Luxushotel »Raffles Europejski«, ein Haus der ersten Liga der Grand-Hotellerie, wo wir eine Reservierung im hauseigenen Gourmetrestaurant »Epoka« haben. Küchenchef Marcin Przybysz (zuvor im »Noma« und im »Geranium« in Kopenhagen) schöpft seine Inspiration aus historischen Kochbüchern. Auf dem Weg ins Restaurant staunen wir nicht schlecht: Im Zuge der jüngsten Sanierung des 1857 erbauten Hauses verwandelte ein Bühnenbildner die Lobby in ein fein komponiertes Erlebnis für die Sinne: hohe Decken, geschwungene Torbögen, edles Parkett – und dazwischen überall Kunst. 500 Exponate zeitgenössischer polnischer Künstler umfasst die hoteleigene Sammlung – ein kultureller Schatz, von dem man kaum die Blicke abwenden kann.
Sonntag
Wir tauchen tief ein in Warschaus vielfältige Brunch-Szene – danach wartet ein volles Kulturprogramm mit hochprozentigem Finale.
Es ist keine Übertreibung, Warschau als inoffizielle Brunch-Hauptstadt Europas zu bezeichnen. Kaum irgendwo sonst kann man diese Mahlzeit so ausgiebig zelebrieren wie in den charmanten Cafés der polnischen Hauptstadt. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es hier eine überwältigend reiche Kaffeehauskultur, die jedoch unter den Gleichmachungsbestrebungen des kommunistischen Regimes – mit wenigen Ausnahmen – nahezu vollständig verschwand.
Na zdrowie!
Umso erfreulicher, wie viele junge, trendige Eröffnungen Warschau zuletzt verzeichnet, das »Baken« zum Beispiel. Vor dieser angesagten Adresse bildet sich an Wochenenden schon ab 8 Uhr morgens eine Menschenschlange. Aus dem Inneren strömt der Duft von frischem Sauerteigbrot. Alles wird hier selbst gebacken. Die Zutaten beziehen die Betreiber von regionalen Produzenten. Sogar der Mozzarella stammt aus Warschau – von einem ehemaligen Unternehmensberater, der sich als Käser selbstständig machte. Kulinarisch beflügelt, wird es Zeit, auch den Geist zu nähren, also weiter.
Das Warschauer Nationalmuseum ist in etwa zehn Minuten bequem zu Fuß erreichbar. Der modernistische Komplex ist das größte Ausstellungshaus der Stadt. Besonders eindrucksvoll: das Kabinett für polnisches Design im ersten Obergeschoss – mit Exponaten wie dem ikonischen »Plopp«-Hocker von Oskar Zieta, der wie aufgeblasen wirkt, obwohl er aus massivem Stahl ist. Hätten Sie dieses unverwechselbare Sitzmöbel für ein polnisches Original gehalten? Ein weiterer Pflichtbesuch: das erst vergangenen Oktober eröffnete Museum für Moderne Kunst. Das quaderförmige Kunsthaus im Stadtzentrum soll Polens neue Weltoffenheit zur Schau stellen. Entworfen von einem New Yorker Architekturbüro, markiert der ultramoderne Bau einen bewussten Bruch mit der nationalkonservativen Ära.
Für eine Stärkung am Mittag zieht es uns an einen besonderen Hotspot: Das erste »Nobu Hotel« Osteuropas. Ein außergewöhnlicher, trapezförmiger Glasbau mit versetzten Stockwerken – und ein perfekter Fit für Warschau mit seiner reichen Gastro-Szene. Schließlich ging die von Oscar-Preisträger Robert De Niro und Starkoch Nobu Matsuhisa gegründete »Nobu«-Hotelgruppe aus den gleichnamigen Szenelokalen hervor. Hier schlemmen wir uns einmal quer durch die Sushi-Speisekarte. Dann geht es weiter nach Praga, dem aufstrebenden Künstlerviertel jenseits der Weichsel. Auf dem Areal einer stillgelegten Wodka-Fabrik ist das Koneser Center entstanden: ein pulsierendes Kulturzentrum mit Galerien, Konzertbühne, Bars und Restaurants – nicht zu vergessen das Polnische Wodka-Museum, das die Geschichte des Nationalgetränks erzählt – inklusive Verköstigung. Denn auch wenn die Stadt längst gastronomisch in der Oberklasse spielt, darf der Hochprozentige aus Kartoffeln – der bei der Landbevölkerung Polens noch immer als Grundnahrungsmittel gilt – natürlich nicht fehlen. Na zdrowie!
Tipps & Adressen
Hotels
Nobu Hotel Warsaw***** (1)
Luxushotel im Herzen von Warschau, in dem sich höchster Komfort mit japanischem Minimalismus verbindet. Sushi-Lokal und Bar stehen auch externen Gästen offen.
DZ ab ca. 200 Euro
Adresse: Wilcza 73, 00-670 Warschau
Tel.: +48 22 551 88 88
Web: nobuhotels.com
Raffles Europejski Warsaw***** (2)
Liebevoll restauriertes Luxushotel in bester Lage am Königsweg – mit opulentem Spa (mehrere Saunen, Dampfbäder, Fitnessraum).
DZ ab ca. 361,80 Euro
Adresse: Krakowskie Przedmieście 13, 00-071 Warschau
Tel.: +48 22 255 95 00
Web: raffles.com
Hotel Bristol***** (3)
Traditionshaus der Marriott-Gruppe mit beeindruckendem Gästebuch (u.a. Picasso, Richard Strauss). Das Café versprüht Goldene-Zwanziger-Charme.
DZ ab ca. 240 Euro
Adresse: Krakowskie Przedmieście 42/44, 00-325 Warschau
Tel.: +48 22 551 10 00
Web: marriott.com
H15 Boutique***** (4)
Designhotel mit 47 kunstvoll gestalteten Zimmern – untergebracht in der ehemaligen sowjetischen Botschaft. Frühstück im überdachten Innenhof.
DZ ab ca. 150 Euro
Adresse: Poznańska 15, 00-680 Warschau
Tel.: +48 22 553 87 00
Web: hotelh15boutique.pl
Hotel Verte***** (5)
Erstes osteuropäisches Haus der Autograph Collection – untergebracht in einem liebevoll restaurierten Barockpalast nahe dem Königsschloss.
DZ ab ca. 200 Euro
Adresse: Podwale 3A, 00-252 Warschau
Tel.: +48 22 346 16 00
Web: hotelverte.com
Restaurants
Rozbrat 20 (1)
Charmantes Lokal, das sich vom Frühstückscafé zur gefeierten Sterneküche entwickelte.
Adresse: Rozbrat 20, 00-447 Warschau
Tel.: +48 690 125 270
Web: rozbrat20.com
nuta (2)
Fusionsküche von Sternekoch Andrea Camastra – beeindruckend, kreativ, überraschend.
Adresse: plac Trzech Krzyży 10/14, 00-499 Warschau
Tel.: +48 570 007 772
Web: nuta.com.pl
Mielżyński (3)
Weinhandel mit Restaurant: exzellente Küche & über 700 Weine – viele davon Raritäten.
Adresse: Burakowska 5/7, 01-066 Warschau
Tel.: +48 22 636 87 09
Web: mielzynski.pl
Muzealna (4)
Von der Museumskantine zur kulinarischen Instanz. Moderne Interpretation polnischer Klassiker.
Adresse: Al. Jerozolimskie 3, 00-495 Warschau
Tel.: +48 883 303 333
Web: restauracjamuzealna.pl
Alewino (5)
Lässig, versteckt, vinophil: Aus einem Weinhandel entstand eines der coolsten Lokale der Stadt.
Adresse: Mokotowska 48, 00-543 Warschau
Tel.: +48 22 628 38 30
Web: alewino.pl
Epoka (6)
Fine Dining trifft kulinarisches Geschichtsbuch – Küchenchef Przybysz kocht mit Inspiration aus alten Rezepturen.
Adresse: Ossolińskich 3, 00-072 Warschau
Tel.: +48 666 115 566
Web: epoka.restaurant
Eatery (7)
Polnische Küche, modern interpretiert – mit lokalen Zutaten, Naturweinen und Craft-Bieren.
Adresse: Koszykowa 49a, 00-690 Warschau
Tel.: +48 780 777 327
Web: eatery.pl
Dyspensa (8)
Elegantes Restaurant mit französisch-polnischer Küche im noblen Śródmieście. Gute Weinauswahl.
Adresse: Mokotowska 33/35, 00-560 Warschau
Tel.: +48 720 980 700
Web: restauracjadyspensa.pl
Brunch & Cafés
BAKEN (1)
Vom Geheimtipp zur Szene-Location: Brunch, abends kleines Dinner & Naturweine.
Adresse: Żurawia 6/12, 00-503 Warschau
Tel.: +48 602 157 120
Web: baken.pl
Żona Krawca (2)
Rauer Industrie-Look trifft auf feinste Patisserie – Törtchen, Eclairs und mehr.
Adresse: Kamionkowska 29, 03-805 Warschau
Tel.: +48 455 443 399
Charlotte (3)
Kultige Boulangerie & Weinbar im französischen Stil – sehr gefragt zum Frühstück.
Adresse: aleja Wyzwolenia 18/2U, 00-570 Warschau
Tel.: +48 662 204 555
Web: bistrocharlotte.com