Nur Strand und Meer? Die Karibik ist mehr als eine Postkartenidylle
Sand, Strand, Meer und Palmen – das gängige Bild der Karibik wird ihrer Vielseitigkeit kaum gerecht. Wer die Region wirklich entdecken will, findet mehr als eine Postkartenidylle. Falstaff TRAVEL stellt die Karibik als wahres Kaleidoskop vor.
Weißer Sand, türkisblaues Wasser, grüne Palmblätter: die Dreifaltigkeit des karibischen Postkartenmotivs. Dabei ist die Karibik viel mehr als das Klischee vom tropischen Traumstrand, das sich durch Filme, Reisekataloge und Instagram im kollektiven Gedächtnis verewigt hat. Sie ist eine außerordentlich vielseitige Weltgegend, die über 7.000 Eilande, mehr als ein Dutzend souveräne Inselstaaten und zahlreiche weitere Territorien umfasst. Europäische und afrikanische Einflüsse, kreolische Kultur, verschlafene und temperamentvolle Kolonialstädte, Vulkane, Regenwälder, Korallenriffe und natürlich auch paradiesisch anmutende Strände – all dies bietet die Karibik.
TEA TIME UND »FLIEGENDER FISCH«
Jede Insel hat ihre individuelle Geschichte und ihren eigenen Charme. Die europäischen Mächte hinterließen Spuren, ebenso die Nachfahren der Sklaven aus Afrika. Barbados zum Beispiel, die Heimat des Rums, pflegt sein britisches Erbe – die einstige Kolonie ist eng mit Großbritannien verbunden, und das sieht man. Das »Sandy Lane Hotel« an der eleganten Westküste von Barbados ist eine Ikone der Karibik. In dem 1961 eröffneten Resort nächtigen Royals, Hollywood-Stars und Spitzenpolitiker. Sie schätzen die Gourmetrestaurants, die Golfplätze und das großzügige Spa. Das legendäre Haus vereint die Tradition eines britischen Grandhotels mit tropischer Gemütlichkeit. In der Hauptstadt Bridgetown erinnern Kolonialbauten, Cricketplätze und Afternoon Tea an die Zeit als »Little England« der Karibik. Holetown ist der Treffpunkt des Jetsets an der Goldküste im Westen, die auch Platinum Coast genannt wird. Doch auch ein Abstecher in den Süden lohnt sich: Beim abendlichen Fish Fry in Oistins legen die einheimischen Bajans alles von Marlin bis Schwertfisch auf die Grills. Unbedingt probieren: Flying Fish mit Cou-Cou, das Nationalgericht. Die Insel Curaçao versprüht dagegen holländisches Flair. Die schmalen Parzellen mit ihren Giebeln an der Handelskade erinnern an Amsterdamer Grachtenhäuser, nur eben in karibischer Variante: Pastellfarben, verputzte Korallensteinfassaden; eine Art niederländisch-tropischer Mix. Auch Curaçao war lange Kolonie, dann Teil der Niederländischen Antillen. Heute gehört die Insel noch immer zum Königreich der Niederlande, als autonomes Land. Die farbenfrohe Altstadt von Willemstad zählt zum Weltkulturerbe der Unesco; die meisten Einheimischen sind Afro-Kariben. Trotz des urbanen Charakters hat Curaçao einige Strände zu bieten, die das Klischee des karibischen Postkartenmotivs erfüllen, darunter Playa Kenepa Grandi, Cas Abao und Playa Porto Mari. Die Insel ist vor allem auch für Schnorchler und Taucher interessant, die zum Beispiel am Tugboat Beach ein Wrack erkunden können.
WANDERTOUR UND WÜSTENLANDSCHAFT
Viele Inseln sind überraschend vielseitig. Wandern in der Karibik? Untypisch, aber nicht unmöglich: Auf Martinique erhebt sich der 1.397 Meter hohe Vulkan Mont Pelée, der den Küstenort Saint-Pierre 1902 mit einem Ausbruch zerstörte. Die Bewohner des französischen Übersee-Départements bezeichnen den Berg ein wenig ehrfürchtig als »Grande Dame«. Eine Besteigung führt steil und schweißtreibend durch üppigen Tropenwald und belohnt mit einem 360-Grad-Panorama der Insel und des Karibischen Meers. Martinique gilt als Insel der Kontraste – sie vereint französisches Savoir-vivre mit kreolischer Lebensfreude; Baguette und Bèlè (diese Musik der einstigen Sklaven gehört zum Kulturerbe). Besonders die landschaftliche Vielfalt überrascht: An der Westküste finden sich ruhige Buchten, während im Osten die atlantische Brandung tost; wilde, schwarze Lavafelsen im Norden kontrastieren mit Traumstränden wie Anse Noire und Anse Dufour im Süden. Die wüstenartige »Savanne der Versteinerung« mit ihren Kakteen würde man eher im amerikanischen Westen verorten als auf einer Karibikinsel.
REGENWALD UND REGGAETON-PARTYS
Noch mehr Facetten zeigen sich, wenn man auf einer ausgedehnten Kreuzfahrt auch die Küsten Mittelamerikas ansteuert. Costa Rica, Pionier des Ökotourismus, offenbart die abenteuerliche, dschungelgrüne Seite der Karibik, etwa im tropischen Regenwald des Tortuguero-Nationalparks, der sich auf Wasserwegen erkunden lässt. Still gleitet das Boot am dicht bewaldeten Ufer entlang. Ein Brüllaffe macht sich bemerkbar, dann ein Faultier im Geäst. Wer Glück hat, sieht einen Kaiman regungslos im Wasser lauern.
Zwischen Juli und Oktober vergraben Meeresschildkröten ihre Eier im Sand; ein nächtliches Schauspiel. Oder man fährt an der Küste nach Süden bis kurz vor die Grenze zu Panama und lässt sich nach Einbruch der Dunkelheit von einem kundigen Einheimischen durch das Refugio Nacional Gandoca-Manzanillo führen – vielleicht sichtet man dort neben dem charakteristischen Rotaugenlaubfrosch auch die hochgiftige Terciopelo-Lanzenotter. Costa Rica bietet eine außergewöhnliche Biodiversität, es hat seine tropische Natur geschützt. Temperamentvoll wird es in Kolumbien: Das »Alquímico« in Cartagena ist nicht nur eine der besten Bars der Welt, hier kann man auch die Nacht durchfeiern. Wer die Bar betritt, steht in einem eleganten Raum mit Art-déco-Elementen und einem Tresen, wo Cocktails aus Zutaten lokaler Bauern gemixt werden – etwa der Ajonjolí (Whisky, Sesampaste, Orangen- und Karotten-Cordial). Eine Treppe führt über drei Etagen nach oben bis zur Dachterrasse. Dort tritt man in die laue kolumbianische Nacht, und aus einem kurzen Halt für einen Drink wird eine ausgelassene Rooftop-Party.
Cartagena mit seiner von Festungsmauern umgebenen Altstadt zieht Reisende aus aller Welt an. Stadtvillen, Kopfsteinpflastergassen, überbordende Bougainvilleen: Die Stadt ist eine Pracht, die karibisches Flair mit lateinamerikanischem Rhythmus verbindet.
ZIVILISATIONSFLUCHT UND PRIVATINSELN
Wer dagegen Entschleunigung sucht, findet ebenfalls seine Insel – so wie zwei Werber aus den USA, die es in den 1950er-Jahren nach Bequia zog, um auf der Insel ein Hotel zu betreiben. Am unbewohnten Westende entdeckten sie einen gewaltigen Felsbogen, das Moonhole. Fasziniert von diesem abgelegenen Ort bauten sie ein provisorisches Camp – daraus wurde ihr fester Wohnsitz, ein Haus wie ein entrücktes Piratenversteck. Die internationale Presse berichtete; im Lauf der Jahrzehnte entstanden mehrere Gebäude im gleichen Stil. Heute kann man sich als Feriengast einmieten. Bequia gehört zu dem eher wenig bekannten Inselstaat namens St. Vincent und die Grenadinen, dessen Verschlafenheit sein großer Pluspunkt ist. Hier kommt man endgültig zur Ruhe, etwa im »Bequia Beach Hotel« oder im Boutique-Haus »Firefly Estate«. Man könnte meinen, die Karibik biete genug Inseln, um Kreuzfahrtgäste glücklich zu machen. Die italienische Reederei MSC Cruises wollte aber noch eine und pachtete Ocean Cay – ein für den Abbau von Aragonitsand künstlich angelegtes Eiland – von der Regierung der Bahamas und pflanzte rund 75.000 Palmen und andere Gewächse. So entstand das »Ocean Cay MSC Marine Reserve«, eine private Resortinsel. Auf die Besucher warten dort BBQ-Restaurants, Foodtrucks, Beachbars, ein Spa und acht Strände. Seit ihrer Eröffnung Ende 2019 wird die Insel immer weiter ausgebaut, um Platz für mehr Passagiere zu schaffen. MSC hat zudem ein Meeresschutzzentrum eröffnet. Wer es allerdings mit der Erholung ernst meint, kann sich auf der kleinen Insel an der großen Kunst des Nichtstuns versuchen.
TIPP: CRUISING THE CARIBBEAN
Karibik-Kreuzfahrten gibt es in allen Varianten. Die Schiffe der US-Reedereien stechen meist von Florida aus in See (Miami oder Fort Lauderdale); wer mit einer europäischen Reederei etwa von Barbados (Bridgetown) oder der Dominikanischen Republik (La Romana) aus aufbricht, ist mittendrin in der karibischen Inselwelt. Drei Fahrtgebiete lassen sich definieren: die östliche Karibik mit Traumstränden und Shopping-Stopps, die westliche Festland-Karibik mit Maya-Kultur und Naturerlebnissen sowie die südliche Karibik mit den ganzjährig bereisbaren ABC-Inseln.
BB-24024 St. James, Barbados
Barbados