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Warum wir Vitaminwasser kaufen, obwohl wir es besser wissen

Trend
Getränke
Gesundheit

Vitaminwasser, Bier mit Magnesium, Ballaststoff-Drinks: Der Markt für funktionale Getränke boomt. Doch was steckt wirklich hinter dem Versprechen, beim Trinken gesünder zu werden? Falstaff hat bei Produzenten und einer Ernährungswissenschaftlerin nachgefragt.

Functional Drinks sind das neue Superfood. Alkoholfreies Bier mit Magnesium, Vitaminwasser, Ballaststoff-Drinks für den Darm und Recovery-Shots nach dem Sport. Sie versprechen Energie, Fokus, schöne Haut oder eine glücklichere Darmflora – und sollen sich ganz nebenbei perfekt in einen «bewussten» Alltag einfügen. Doch wie viel Gesundheit steckt tatsächlich in diesen Produkten – und wo beginnt vor allem geschicktes Marketing?

Kritik entzündet sich oft an der Frage nach dem tatsächlichen Vitamingehalt. Viele Produkte decken pro Flasche nur einen Bruchteil des täglichen Bedarfs. Das Team hinter «Focus Water» betont, dass eine gesunde Ernährung und Bewegung die Basis bleiben und ihr Getränk eine praktische Ergänzung, aber kein Ersatz ist. Ihre Produkte richten sich an Menschen, die ein gut schmeckendes Getränk möchten und zugleich ihr Wohlbefinden mit funktionalen Zutaten unterstützen wollen – kalorienarm und mit weniger Zucker als klassische Softdrinks. Ähnlich positioniert sich «Vitamin Well»: Die schwedische Marke bietet seit 2008 leicht gesüsste, kalorienarme Getränke mit einem Mix aus Vitaminen und Mineralien als Alternative zu zuckerreichen Softdrinks und Säften.

Wer sich ausgewogen ernährt, braucht das künstliche «Mehr» an Vitaminen im Alltag nicht.

Ein jüngerer Trend sind funktionelle Getränke, die nicht primär Vitamine, sondern Ballaststoffe (Nahrungsfasern), Probiotika oder komplexe Wirkstoffmixe in den Vordergrund stellen. Der Ballaststoff-Drink «Super Pop», mitentwickelt von Influencerin und Investorin Pamela Reif, kombiniert rund 6 Gramm Ballaststoffe pro Dose mit Apfelessig, probiotischen Bakterienkulturen und einem zuckerfreien Rezept. Er wird für Darmgesundheit und ein «gutes Bauchgefühl» beworben.

Auch im Biersegment zieht der Trend Kreise: «Calanda» lanciert mit «Vita 0.0» ein alkoholfreies Lagerbier, das mit Magnesium und Vitamin B6 angereichert ist – und explizit damit wirbt, auch während des Alltags konsumiert werden zu können. Laut Brand-Managerin Sarina Hasler ist das neue Produkt für viele ein Zeichen eines zeitgemässen bewussten Umgangs mit Getränken und eine Antwort auf ein verändertes Trinkverhalten, bei dem alkoholfreier Genuss im Alltag an Bedeutung gewinnt. Die funktionalen Zusätze sind bewusst gewählt. «Magnesium und Vitamin B6 unterstützen den normalen Energiestoffwechsel und die Funktion des Nervensystems, besonders nach körperlicher Aktivität oder einem anspruchsvollen Tag», erklärt Hasler. Bier bleibe jedoch auch ohne Alkohol – und mit moderatem funktionalem Zusatz – ein emotionales, und soziales Genussmittel.

Wie funktional ist «funktional» wirklich?

Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Melanie Loessner aus Zürich (vitamintexte) dämpft überzogene Erwartungen: «Viele Menschen überschätzen den Nutzen solcher Produkte.» Wer sich ausgewogen ernährt, brauche das künstliche «Mehr» an Vitaminen im Alltag nicht – ein möglicher Zusatznutzen hänge stark von den übrigen Inhaltsstoffen ab.

Sie verweist auf mehrere kritische Punkte: So enthalten viele funktionelle Drinks Zucker oder Saftbestandteile. Energetisch sind sie damit Softdrinks näher, als ihr Gesundheitsimage vermuten lässt. Sie liefern Energie ohne Sättigung. Auch zuckerfreie, aromatisierte Varianten sind oft deutlich sauer, was bei häufigem Konsum das Risiko für Zahnerosion erhöht. «Mehr Vitamin» ist ausserdem nicht immer besser: Wasserlösliche Vitamine wie B-Vitamine oder Vitamin C werden bei einem Überschuss meist einfach ausgeschieden. Bei Ballaststoffen sieht Loessner hingegen Potenzial: Lösliche Fasern wie Inulin oder Dextrin wirken als Präbiotika und nähren die Darmbakterien. 6 Gramm pro Getränk können bei einer empfohlenen Tagesmenge von mindestens 30 Gramm einen relevanten Beitrag leisten – vorausgesetzt, die restliche Ernährung passt.

Definition «funktional»
Eine rechtlich verbindliche, weltweit einheitliche Definition von «funktionellen Getränken» gibt es nicht. Als funktionell kann ein Lebensmittel gelten, wenn es über die normale Nährstoffversorgung hinaus einen nachweislich günstigen Effekt auf eine oder mehrere Körperfunktionen zeigt – mit Relevanz für Wohlbefinden, Gesundheit oder eine Risikoreduktion. Ob ein Produkt diese Hürde tatsächlich erfüllt, hängt jedoch nicht vom Claim auf der Flasche ab, sondern von Studienlage und Dosierung.

Health-Hype

Warum greifen wir trotzdem so gerne zu Drinks, die Fokus, Balance oder Glow versprechen – obwohl wir ahnen, dass es sich dabei vor allem um Marketing handelt? Loessner verweist auf den sogenannten Halo-Effekt: «Wir Menschen lieben einfache Lösungen.» Ein wohlschmeckender Drink, der das schlechte Gewissen über eine nicht ganz ausgewogene Ernährung lindert, sei verlockend. Ein Health-Halo entsteht, wenn ein einzelnes Gesundheitsversprechen – etwa «mit Vitaminen» oder «für die Darmflora» – das gesamte Produkt in ein besseres Licht rückt. Genuss und vermeintliche Gesundheit fallen in eins, das schlechte Gewissen schrumpft und die Kaufbereitschaft steigt.

Wer genauer hinsieht, erkennt: Funktionelle Getränke sind weniger eine medizinische Innovation als ein Spiegel unseres Zeitgeists. Gesundheit soll einfach, nebenbei und möglichst genussvoll geschehen – idealerweise im «To-go»-Format. Damit stellt sich nicht die Frage, ob funktionelle Getränke grundsätzlich «gut» oder «schlecht» sind. Spannender ist, wie bewusst wir sie einsetzen: als geschmackvolle Alternative zu Softdrinks, als punktuelle Ergänzung – oder als Ersatzhandlung, die uns von unseren eigentlichen Ernährungsbaustellen ablenkt.


Linda Carstensen
Linda Carstensen
Portalmanagerin Schweiz und Autorin
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