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Brioni: skurrile Schönheit

Kroatien
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Die Inselgruppe Brioni ist mindestens einen Tagesausflug wert. Hier verwirklichte der Wiener Paul Kupelwieser in den 20er-Jahren seine ganz persönliche Vorstellung eines Ferienparadieses – inklusive Safaripark.

Man kann es kaum glauben, dass eine so bescheidene Inselgruppe wie Brioni so viele Sehenswürdigkeiten und Skurrilitäten zu bieten, so viele Geschichten zu erzählen hat. Die Gruppe (kroatisch: Brijuni) besteht aus 14 theoretisch unbewohnten Inseln, die per Passagierfähre erreichbar sind. Besiedelt wurde sie schon in der Steinzeit, wie Ausgrabungen belegen. Später errichteten reiche Römer Sommerresidenzen und Landgüter mit Wein- und Olivenölproduktion sowie Tempel- und Badeanlagen. Danach kamen die Byzantiner, später die Venezianer, und alle hinterließen ihre Spuren – Ruinen, Villen, Kirchen und Wehranlagen. Nach dem Wiener Kongress 1815 fielen die Inseln an das Habsburgerreich und verwilderten.

Bis im Jahr 1894 der Industrielle Paul Kupelwieser den Archipel erwarb und darauf das errichtete, was vielen als erstes echtes Hotelresort der Geschichte gilt. Der Wiener war eigentlich Eisen- und Stahlproduzent, hatte hier aber eine Vision: Er ließ roden und neu pflanzen, Promenaden und Alleen anlegen, eine Wasserleitung zum Festland bauen. Der Boden wurde für Obstgärten, Weinbau und sonstige Landwirtschaft vorbereitet. Und da die Inseln mit Malaria verseucht waren, engagierte Kupelwieser den späteren Nobelpreisträger Robert Koch, um die Krankheit und die Mücken, die sie über­trugen, auszurotten. Was auch gelang.

Und so bezogen bald darauf die ersten Gäste das neu errichtete Hotel. Zwei weitere folgten, Brioni wurde zum mondänen Treffpunkt der europäischen Eliten. Inmitten von Pinien- und Zypressenwäldern flanierte man im Duft von Oleander und Rosen, speiste in eleganten Ballsälen und genoss moderne Annehmlichkeiten wie Thermen, Kurbehandlungen und Sporteinrichtungen. Neben Tennisplätzen und Hallenbädern gab es auch einen Tierpark mit exotischen Tieren wie Antilopen, ­Zebras und Wildkatzen. Nutztiere wurden gehalten, Käse erzeugt, Wein angebaut. Im vom Otto-Wagner-Schüler Eduard Kramer gestalteten und bis heute erhaltenen Bootshaus betrieb der Arzt Otto Lenz eine täglich geöffnete Praxis.

Zu den illustren Gästen zählten der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und der deutsche Kaiser Wilhelm II., die Schriftsteller James Joyce und Thomas Mann. Nach Ende des Ersten Weltkriegs fiel Istrien mitsamt dem Brioni-Archipel an Italien. Nach Paul Kupelwiesers Tod im Jahr 1919 übernahm Sohn Karl die Leitung des Resorts, geriet jedoch in finanzielle Schwierigkeiten und nahm sich 1930 das Leben. Vorher hatte er noch Polospiele organisiert und den bis heute bestehenden Golfplatz errichtet. Schließlich verstaatlichten Mussolinis Faschisten die Inseln, womit die Ära der Österreicher ihr Ende fand.

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Politik und Protz

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Istrien Jugoslawien zugesprochen, dessen Staatschef Josip Broz Tito die Inseln für sich entdeckte und ihnen zu neuem Weltruhm verhalf. Angeblich verbrachte der Bonvivant unter den Diktatoren um die sechs Monate im Jahr auf Brioni. Er bezog eine Villa auf der kleineren Insel Vanga, wo »Genosse Weißes Veilchen«, wie er auch genannt wurde, eine Art diktatorisch überdimensionierten Schrebergarten pflegte, sich dem Wein- und dem Obstbau und seiner Familie widmete. Die Staatsgeschäfte indessen erledigte er auf der Hauptinsel, empfing dort Staatschefs und Hollywoodstars, die er mit seinem protzigen Faltdach-Cadillac über die Insel chauffierte.

Der tonnenschwere Cadillac steht heute liebevoll restauriert vor einem kuriosen Museum, in dessen Erdgeschoß ausgestopfte, auf der Insel verstorbene Tiere ausgestellt sind. Spätestens seit die Inseln nach Titos Tod zum Nationalpark erklärt wurden, ist man darauf bedacht, die exotischen Tiere endgültig loszuwerden, indem man verstorbene Exemplare nicht ersetzt. Manche sind allerdings recht zäh. Etwa die betagte Elefantenkuh Lanka, die zusammen mit dem 2010 verstorbenen Bullen Sony einst als Gastgeschenk Indira Ghandis an Tito auf die Insel gelangte – und bis heute im Gehege ein inzwischen einsames Dasein fristet.

Im Obergeschoß des Museums wird es dann richtig skurril. Einer der beiden Säle ist Staatsoberhäuptern und internationalen Promis gewidmet, die Tito auf der Insel empfing. Die Aufzählung ist tatsächlich imposant und reicht von Bruno Kreisky über den libyschen Staatschef Gaddafi bis zu Königin Elisabeth II.

Im zweiten Saal sind Fotos von Tito auf Brioni als Privatmann, Hobbygärtner und Opa zu sehen. Im Sommeranzug mit Stock und Strohhut, wie er Kinder küsst, an Rosen riecht, Wein trinkt oder exotische Wildkatzen streichelt. Selbst wenn man akzeptiert, dass nicht alles, was der ehemalige Feldwebel der k. u. k. Armee als Diktator politisch zu verantworten hat, schlecht war, bleibt doch ein unangenehmer Beigeschmack nach einem Besuch dieses Raums mit seinem Personenkult.

Dafür erleben Spaziergänger auf der Insel einen einzigartigen Charme. Man spürt noch den Zauber des Fin de siècle und denkt daran, wie einige Wiener sich hier eine Art mediterranen Erlebnispark verwirklichten. Und das allermeiste hier ist echt – die Reste der römischen Villen, jene der byzantinischen Basilika, die uralten Olivenbäume und die noch viel älteren ­Dinosaurierspuren.

Einst gab es auf Brioni einen artenreichen Safaripark. Der Park wäre heute längst geschlossen – wäre da nicht die erstaunliche Langlebigkeit mancher Bewohner wie etwa der Elefantenkuh Lanka.
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Einst gab es auf Brioni einen artenreichen Safaripark. Der Park wäre heute längst geschlossen – wäre da nicht die erstaunliche Langlebigkeit mancher Bewohner wie etwa der Elefantenkuh Lanka.

Aktivitäten

Nationalpark Brioni

Anreise via Fähre von Fažana (bei Pula)
Wer länger bleiben will: Es gibt drei relativ einfache Hotels mit dem Charme des alten Jugoslawien und drei frisch renovierte und sehr exklusive Ferien-villen in eindrucksvoller Lage.
T: +385 52 525600
np-brijuni.hr


 

Erschienen in
Falstaff Magazin Deutschland Nr. 3/2025

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Georges Desrues
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