Florenz goes Modern
Florenz war lange ein Hort des Unverrückbaren – in der Kunst, der Architektur, der Küche. Doch selbst das, was jahrzehntelang als unveränderlich galt, wird plötzlich beweglich. Ein Besuch in der vielleicht dynamischsten historischen Stadt Europas.
Ein geheimer Gang durchzieht das Herz von Florenz – verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Der sogenannte Vasari-Korridor verbindet den Palazzo Vecchio, das einstige Machtzentrum der Medici, mit dem Palazzo Pitti, ihrer späteren Residenz am anderen Ufer des Arno. Er führt über mehrere Straßen hinweg, verläuft oberhalb der Uffizien, durchquert den Ponte Vecchio, öffnet sich in der Kirche Santa Felicita zu einer kleinen Empore mit Blick ins Kirchenschiff – und endet nach fast einem Kilometer im Palazzo Pitti. Nicht weit davon entfernt beginnt der Boboli-Garten mit seiner kunstvoll gestalteten Grotta Grande, verborgen im satten Grün mediterraner Zitrusbäume.
Die Medici ließen den Vasari-Korridor – benannt nach ihrem Stararchitekten Giorgio Vasari – als privaten Schnellweg zwischen ihren Machtzentralen auf der Nord- und der Südseite des Arno errichten. Fertig war das gute Stück 1565. Nach Jahren der Restaurierung ist der Gang nun öffentlich zugänglich – was der mächtigen und einflussreichen Medici-Familie sicher gar nicht gefallen hätte. Vom Tuchhandel über Bankgeschäfte bis hin zu päpstlicher Politik: Die Medici mischten überall mit – und zwar ganz oben. Geschickt verheiratet in Europas Königshäuser, lebten sie demonstrativ abgeschottet vom einfachen Volk. Ihr Mäzenatentum förderte Künstler und prägt bis heute das Stadtbild von Florenz.
Design zwischen Himmel und Hölle
Neuerdings liegt ein leiser, aber unübersehbarer Aufbruch in der Luft. Die Stadt, einst wie in Marmor gegossen, beginnt sich zu bewegen – getragen von einem Zeitgeist, der Tradition nicht scheut, aber den Mut zur Veränderung hat.
Modernes Design, junges Denken, ein Hauch von Ironie ziehen in das steinerne Herz der Toskana ein. Ein Vorreiter dieses neuen Gestaltungswillens ist der Florentiner Architekt Claudio Nardi. Bereits vor Jahren verwandelte er ein Industrieensemble am Ufer des Arno in eines der ersten Designhotels der Stadt – die »Riva Lofts«. Nun hat er sich ein altes Stadthaus – einst im Besitz einer florentinischen Familie – vorgenommen. Entstanden ist ein architektonisches Labyrinth aus unterschiedlich großen, eigenwillig gestalteten Räumen, die charmant ineinander übergehen. Heute beherbergt das Ensemble Restaurant, Café, Bar, Bookshop und Blumenladen unter einem Dach – und avancierte als »La Ménagère« zu einem der beliebtesten Treffpunkte der Stadt. Ein Ort, der Passanten magisch in sein geheimnisvolles Inneres zieht.
Auch jenseits des mittelalterlichen Stadtkerns, der jährlich rund elf Millionen Besucher anzieht, regt sich Neues: Die einst verwaiste Tabakmanufaktur aus den 1930er-Jahren – ein Industriebau von Pier Luigi Nervi und Ikone des italienischen Rationalismus – wurde aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Auf 100.000 Quadratmetern und verteilt auf 16 Gebäude entstand mit der Manifattura Tabacchi ein urbanes Zukunftslabor: mit Wohnungen, Open-Air-Kino, Designshops, Bars, Ateliers und großzügigen Ausstellungsflächen. Heute gilt das Areal als einer der spannendsten Orte der Stadt.
Traditionelles ganz weltoffen
Auch die Küchen von Florenz schlagen ein neues Kapitel auf. Traditionell Toskanisches wie Wildschweinragout, Kutteln in Tomatensauce oder die gehaltvolle Bohnensuppe Ribollita stehen zwar noch immer auf fast jeder Speisekarte, doch hier und da beginnen die schweren Klassiker mit der Moderne zu flirten. Manche werden neu interpretiert, andere gehen gar eine Liaison mit asiatischen Aromen ein.
Im »Il Vezzo« zum Beispiel. Küchenchef Marco, ursprünglich Naturwissenschaftler, liebt das Spiel mit lokalen Produkten – und versteht es, ihnen mit feiner Hand neue Ausdrucksformen zu verleihen. Giovanni, Florentiner durch und durch und ein leidenschaftlicher Sommelier, begleitet diese aromatischen Ausflüge mit einer spannenden Auswahl an Klassikern, Naturweinen und persönlichen Entdeckungen. So entsteht ein kulinarisches Gesamtkunstwerk, das von Handwerk ebenso erzählt wie von Haltung.
Selbst in traditionsreichen Trattorien weht inzwischen ein anderer Wind. Im »Da Garibardi« – vis-à-vis vom Mercato Centrale im Viertel San Lorenzo – haben sich Sabrina Risaliti und ihr Team auf neue Zeiten eingestellt. »Wir servieren jetzt auch glutenfreie Gerichte – die Nachfrage ist groß«, erzählt die herzliche Gastgeberin, die seit 1989 mit hausgemachter Küche begeistert.
Weitere Adressen folgen diesem Kurs: etwa das »TÅG Bistro« im neuen HZERO-Museum, das sich ganz auf »senza glutine« eingestellt hat. Originell: Die Küche greift dort Dampf als kulinarisches Prinzip auf – ein dezenter, aber kluger Verweis auf das Thema des Hauses: eine fantasievolle Welt rund um Modellzüge. Die Räume selbst, entworfen von Architekt Luigi Fragola, nehmen Bezug auf die Ästhetik des Reisens. Züge, Landschaften, Übergänge – all das spiegelt sich in Linien, Licht und Atmosphäre wider. Das Museum selbst ist ein Ort für Jung und Alt und ein Sehnsuchtsort für alle, die sich fürs Detail begeistern können: Auf 280 Quadratmetern entfaltet sich eine der eindrucksvollsten Modelleisenbahnwelten Europas. Einst ein Theater, ist das Haus heute Bühne für Züge, Signale und Szenen aus einem Paralleluniversum im Maßstab 1:87.
Sinnliche Transformationen
Florenz wäre nicht Florenz, wenn sich der Wandel nicht auf leisen Sohlen und mit großem Stil vollzöge. Die Farmacia di Santa Maria Novella etwa – 1221 von Dominikanermönchen gegründet und die älteste Apotheke Europas – hat sich längst zur duftenden Ikone entwickelt. In ihren prachtvollen historischen Räumen mischt sich der Geruch von Parfüms, Salben und Seifen mit der Aura vergangener Jahrhunderte. Und obwohl hier alles tief in der Geschichte wurzelt, geht die Produktlinie mit der Zeit: neue Rezepturen, neue Designs, immer auf der Schwelle zwischen Tradition und Zeitgeist.
Weniger bekannt, aber nicht minder beeindruckend ist die Metamorphose des ehemaligen Lichtspielhauses Odeon im 1475 erbauten Palazzo dello Strozzino. Viele Jahre lang stand es leer – nun ist es als Kulturzentrum zurück. Tagsüber Buchhandlung mit über 25.000 internationalen Titeln, verwandelt sich der Saal bei Einbruch der Dunkelheit in ein Kino der Gefühle: goldene Plüschsitze, internationale Filme in Originalsprache, große Leinwand – eine Hommage an die Magie des Kinos, sorgfältig ins Jetzt übersetzt.
Vieles von dem, was sich derzeit hinter den altehrwürdigen Mauern dieser Stadt abspielt, trägt noch das Prädikat Geheimtipp. Doch eines ist sicher: Die Zukunft hat in Florenz längst begonnen.
Das Beste aus Florenz
Hoteltipps
25hours Hotel Florenz
In einem ehemaligen Bankgebäude an der Piazza San Paolino entstand ein »verrücktes« Hotel, das vor Kreativkraft nur so strotzt und sich in einen »Himmel«- und einen »Hölle«-Bereich aufteilt. Praktischerweise ist es nur fünf Gehminuten vom Bahnhof entfernt.
25hours-hotels.com
Hotel Bernini Palace
Das älteste Hotel der Stadt, das einst einer Familie als Privatresidenz aus dem 15. Jahrhundert diente, glänzt mit Marmor, Antiquitäten und seiner einmaligen Lage in Steinwurfnähe zum Palazzo Vecchio und den Uffizien.
hotelbernini.duetorrihotels.com
Ruby Bea Hotel
Am Rande des Stadtzentrums gelegen, verschmelzen hier in historischer Architektur modernes Design in satten Farben mit Einflüssen von Künstlern der italienischen Renaissance. Die Zimmer sind reduziert in Weiß gehalten. Zum Frühstück werden lokale Köstlichkeiten serviert. In der Dachterrassen-Bar gibt’s coole Drinks.
ruby-hotels.com
The Westin Excelsior Florenz
Klassisch-elegantes Fünf-Sterne-Haus in einem jahrhundertealten Palast direkt am Fluss, das eine der schönsten Dachterrassen von Florenz für seine Gäste öffnet – mit weitem Blick über den Arno und den Dom.
marriott.com
Gourmettips
Trattoria da Garibardi
Kutteln in Tomatensauce, mit Birne und Pecorino gefüllte Ravioli – toskanische Küche at it’s best. Sabrina Risaliti und ihre Familie kümmern sich schon seit 1989 um das leibliche Wohl der Gäste – auch um die mit Glutenunverträglichkeit.
garibardi.it
Il Vezzo
Koch Marco, einst Naturwissenschaftler, forscht liebend gern zum Thema Produkt und setzt es raffiniert in Szene. Giovanni, Florentiner mit Leib und Seele und Sommelier, versammelt auf der Weinkarte 100 Etiketten, alle made in Tuscany.
ilvezzofirenze.it
La Ménagère
Restaurant, Bistro, Café und Bar; Blumenladen, Geschäft mit schönen Dingen und Bibliothek mit Titeln zum Thema Botanik – all das ist »La Ménagère«, das der Architekt Claudio Nardi zauberhaft und immer wieder überraschend designt hat.
lamenagere.it
Innocenti
Im Keller gibt es noch Zeugnisse aus der Römerzeit, im Obergeschoss speist man unter Fresken aus dem Mittelalter, darunter das älteste Abbild Dantes. Die kuratierte Weinauswahl und die Küche zwischen Tradition und Innovation begeistern.
innocentiwines.it
Kulturtipps
Vasari-Korridor
Der fast einen Kilometer lange überdachte Geheimgang verbindet den Palazzo Vecchio auf der Piazza della Signoria mit dem Palazzo Pitti am anderen Ufer des Arnos und endet im Boboli-Garten.
uffizi.it
Manifattura Tabacchi
Die 100.000 Quadratmeter eines ehemaligen Industriegebiets wurden zum neuen Anziehungspunkt für zeitgenössische Kunst, Mode, Design, Gastronomie und vielem mehr.
manifatturatabacchi.com
Fondazione Palazzo Strozzi
In der einst prachtvollen Privatresidenz der Familie Strozzi werden heute hochgelobte historische Überblicksausstellungen alter Meister sowie führender zeitgenössischer Künstler gezeigt.
palazzostrozzi.org
Giunti Odeon Libreria e Cinema
Das Lichtspieltheater Odeon von 1922 ist tagsüber ein fantastischer Buchladen und mutiert abends zu einem Kino mit internationalen Filmen.
giuntiodeon.com