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Die Stadt zu Füßen: Der Leuchtturm »Faro della Vittoria« bietet die beste Aussicht über den Golf von Triest.

Die Stadt zu Füßen: Der Leuchtturm »Faro della Vittoria« bietet die beste Aussicht über den Golf von Triest.
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Triest: Italiens unterschätztes Reiseziel zwischen Alpen & Adria

Triest
Italien

Triest ist anders. Zwischen klassischer Kaffeehauskultur, beeindruckender Architektur und lebendigen kulinarischen Traditionen entfaltet die Hafenstadt an der Adria ihren ganz eigenen Flair. Ein Streifzug durch Geschichte und Genuss.

Dass Triest sich in gleich mehrerlei Hinsicht von anderen italienischen Städten unterscheidet, zeigt sich bereits an der eleganten Piazza dell’Unità d’Italia, dem Hauptplatz der Stadt: Er gilt als einziger des Landes, der sich zum Meer hin öffnet. Dann ist da auch noch der Alpenbogen, den man an klaren Tagen hinter dem Golf von Triest sieht – und nicht wie anderswo in Norditalien im Rücken hat, wenn man auf den Ozean blickt. Und schließlich steht hier im Unterschied zu anderen italienischen Hauptplätzen kein Dom, keine Kathedrale, überhaupt keine Kirche; dafür aber die Statue des österreichischen Kaisers Karl VI., der seit über einem Vierteljahrtausend von seiner hohen Säule mit seiner linken Hand Richtung Hafen zeigt.

Der Habsburger verlieh Triest im Jahr 1719 den Status eines Freihafens und legte damit den Grundstein für den Aufstieg der Stadt vom bescheidenen Fischerdorf zum bedeutendsten Warenumschlagplatz der Donaumonarchie. Teil des Habsburgerreichs wurde Triest schon 350 Jahre früher – und zwar freiwillig, um sich vor einer Übernahme durch die damals die Adria beherrschenden Venezianer zu schützen. Allerdings waren die österreichischen Habsburger regelrechte »Landratten«, wie es der Historiker Manfried Rauchensteiner ausdrückt, beschäftigt einzig und allein mit der kontinentalen Expansion ihres Reichs – und weitgehend desinteressiert an der Seefahrt. Bis eben zur Erhebung Triests zum Freihafen durch Kaiser Karl VI.

Habsburger Goldrausch

Im Jahr 1755 gründete Karls Tochter Maria Theresia die Triester Börse – und löste damit einen regelrechten Goldrausch aus. Aus allen Ecken der Monarchie strömten Geschäftsleute, Makler und Investoren, aber auch Spekulanten, Schieber und Hochstapler in den aufstrebenden Handelsplatz. Triest wuchs zur drittgrößten Stadt der Monarchie, bewohnt von einem Gemisch aus Italienern, Griechen, Serben, Slowenen, Deutsch-Österreichern, Türken, Armeniern und Juden. Die Kunstszene florierte, Theater eröffneten, Schriftsteller ließen sich nieder (der prominenteste Name ist wohl jener des Iren James Joyce); und weil dank des Hafens auch der Kaffeehandel blühte, entstanden zahlreiche Kaffeehäuser nach Wiener Vorbild, wo man sich bei Apfelstrudel, Kammermusik und zum intellektuellen Austausch traf.

Eines der damaligen Kaffeehäuser liegt bis heute auf der Piazza dell’Unità d’Italia, die bis zum Zerfall der Monarchie noch Piazza Grande hieß. Mit seiner mächtigen Terrasse und der vornehmen Einrichtung gilt das »Caffè degli Specchi« als der »salotto« (der Salon) der Triester. Besonders beliebt sind die Terrassenplätze unter der gewaltigen Markise, von wo aus man die imposanten Bauten aus dem 19. Jahrhundert bestaunt, Kindern beim Spielen oder der Sonne über dem Meer beim Untergehen zusieht.

Berühmt sind die exzellenten Kuchen, Torten und sonstigen Bäckereien, die allesamt in Handarbeit von der pachtenden Firma, der Pasticceria Peratoner, in der Stadt Pordenone erzeugt werden. Zwei Ecken weiter betreibt dieselbe Firma mit dem »Caffè Tommaseo« übrigens ein weiteres der historischen Kaffeehäuser der Stadt. Gelegen ist es im sogenannten Borgo Teresiano, der »Theresienstadt«, wie die unter der namensgebenden Kaiserin Maria Theresia auf ehemaligen Salzbecken und im Schachbrettmuster angelegte Neustadt genannt wird. Bald nach seiner Gründung im Jahr 1830 wurde das Kaffeehaus zu einem Treffpunkt der Irredentisten; der italienischen Patrioten (unter ihnen auch der namensgebende Schriftsteller Niccolò Tommaseo), die sich für den Beitritt Triests zu Italien einsetzten.

Ein weiterer solcher Treffpunkt, in dem sich die Anti-Habsburg-Verschwörer zum Kaffeeplausch trafen, war das ganz wunderbare und mehr als sehenswerte »Caffè San Marco«, das etwa einen Kilometer weiter in der Via Battisti liegt und das einzige in Triest ist, dessen prächtige Inneneinrichtung seit der Gründung im Jahr 1914 weitgehend erhalten blieb. Immer wieder werden hier Lesungen, Vorträge und Konzerte abgehalten, wodurch das »San Marco« weit mehr ist als ein Kaffeehaus, nämlich ein regelrechtes kleines Kulturzentrum mit angeschlossener Buchhandlung, in der sich auch etliche Bücher zum Thema Triest – und nicht wenige davon in deutscher Sprache – finden.

Spuren jüdischen Lebens

Gleich neben dem »San Marco« zeugt die imposante Synagoge von der einstigen Bedeutung der jüdischen Gemeinde, die zu den größten des Habsburgerreichs zählte. Bedeutend blieb sie auch noch nach der Übernahme der Stadt durch die Italiener mit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Viele jüdische Triester leiteten Banken und Versicherungen, Werften und Reedereien und waren selbst glühende italienische Patrioten. Dem war auch noch so, als im Jahr 1922 die Faschisten unter Mussolini die Macht in Rom übernahmen und Triest mit Enrico Paolo Salem sogar von einem jüdischstämmigen Bürgermeister regiert wurde. Alles änderte sich jedoch im Jahr 1938, als Mussolini sein Verhältnis zum Judentum radikal umstellte und ausgerechnet anlässlich eines Besuchs in Triest die Rassengesetze verkündete – und somit die Juden hier und in ganz Italien von einem Tag auf den anderen ihrer Bürgerrechte beraubte.

Die Piazza dell’Unità d’Italia ist ein wahrlich imposanter Anblick im Herzen der Stadt.
© Mauritius Images
Die Piazza dell’Unità d’Italia ist ein wahrlich imposanter Anblick im Herzen der Stadt.

Den Holocaust überlebten nur wenige von ihnen, sodass die Glaubensgemeinschaft heute nur mehr einige Hundert Mitglieder zählt. Weiter bedeutend sind indes die griechische und die serbische Gemeinde: Beide verfügen über prächtige orthodoxe Kirchen im Zentrum, die man (wie die Synagoge) zu bestimmten Uhrzeiten besuchen kann. Und dann sind da noch die mehrheitlich katholischen Slowenischsprachigen, die mit Abstand bedeutendste Minderheit der Stadt.

Es ist diese historisch gewachsene Vielfalt an Konfessionen und Kulturen, der die Hafenstadt Triest ihre für italienische Verhältnisse einzigartige multikulturelle Identität verdankt. All das spiegelt sich naturgemäß auch in der lokalen Küche wider – um sich ein Bild davon zu machen, besucht man am besten eines der typischen bodenständigen Lokale, die man hier »Buffets« nennt. Entstanden sind sie um den Hafen, mit dem Ziel, die Arbeiter auf möglichst schnelle und günstige Art zu verköstigen.

Frisch gemachte Speisen gibt es folglich kaum, dafür in jedem Fall eine sogenannte »Caldaia«, worunter man einen Kessel versteht, in dem diverse Fleischsorten und Würste gesotten werden. Serviert wird das alles in der Regel mit »Crauti« (Sauerkraut), und »Patate in tecia« (Kartoffelschmarren). Weitere dem Mitteleuropäer vertraute Klassiker der lokalen Küche sind Gulasch, »Gnocchi di Susine« (Zwetschkenknödel) und diverse salzige und süße Strudel. Äußerst beliebt sind aber auch Ćevapčiči und sonstige Grillspezialitäten von der Balkanhalbinsel. Venezianisch hingegen muten nur die Fischgerichte an; wie etwa die »Spaghetti alle Vongole«, die tomatisierte Fischsuppe Brodetto, die »Pasta alla Busara« (mit Meeresfrüchten, Tomaten und Weißbrotbröseln) oder der »Baccalà alla vicentina con Polenta«(Stockfisch auf Vicenza-Art, gekocht in Olivenöl und Milch).

Die Welt der Osmize

Eine weitere Besonderheit der lokalen Kulinarikszene sind die sogenannten Osmize. Ihr Name leitet sich vom slowenischen Wort für die Zahl acht ab und bezieht sich auf die Anzahl an Tagen pro Jahr, an denen es den Winzern in früheren Zeiten gestattet war, ihren Wein direkt und vor Ort auszuschenken – eine Genehmigung, die auf einen Erlass des Habsburgerkaisers Josef II. (ein Sohn Maria Theresias) zurückgeht, der damals im gesamten Reich Gültigkeit hatte, also auch in Triest und in den umliegenden Dörfern am Karstplateau im Hinterland. Genau wie für die Heurigen oder Buschenschanken in Österreichs Weinbaugebieten stellt dieser Erlass die Wurzel der Osmize dar. Die meisten von ihnen finden sich in den Außenbezirken der Stadt und im Hinterland.

Zu essen gibt es hier Rustikales wie Prosciutto und Salami, Käse und eingelegtes Gemüse. Einige Betreiber sind Nebenerwerbswinzer und erzeugen Wein ausschließlich für das Ausschenken in der Osmiza; ganz ohne Flaschenabfüllung. Andere, wie Benjamin Zidarich oder Sandi Skerk aus Prepotto, zählen längst zu den international gefragten Namen der Szene.

Erschienen in
Falstaff TRAVEL Magazin 02/2025

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Georges Desrues
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