Wien Simmering: Kulinarik-Tour durch den 11. Bezirk
Ausgerechnet dort, wo der Tod seinen Hauptwohnsitz in Wien hat, zieht es immer mehr Junge hin. Das liegt nicht nur an den günstigen Mieten: Simmering ist eine ehrliche Haut, entspannt, unprätentiös. Und das Falstaff-prämierte »Beste Wiener Beisl« liegt ebenfalls im elften Bezirk: das urige Wirtshaus »Stern«.
Der Hang der Wiener zum Morbiden nimmt in Simmering großflächige Form an: Auf 2,5 Quadratkilometern erstreckt sich der zweitgrößte Friedhof Europas, umrahmt vom Verschiebebahnhof, der Grenze zu Niederösterreich und einer nicht enden wollenden Simmeringer Hauptstraße. Eine Schönheit ist diese nicht, aber für die rund 110.000 Einwohner des Bezirks ist sie die infrastrukturelle Achse durch ihre Satellitenstadt. In allen Schattierungen von Asphaltgrau durchquert die Simmeringer Hauptstraße die Wohn- und Industriegebiete der Wiener Peripherie, flankiert von den Schienen der Straßenbahn 71. Seit über 115 Jahren verbindet die Friedhofslinie die Innenstadt mit der sprichwörtlichen Endstation.
Und manchmal klappern auch die Pferdehufe, wenn Fiaker ihre Friedhofstouren drehen. Eine solche brachte die Waldviertler Gastronomin Patricia Pölzl nach Simmering, die 2021 vor dem zweiten Tor den Zentralfriedhofs ausstieg und sich prompt in einen leer stehenden Würstelstand verliebte: »Die Lage hat mich fasziniert, auch weil der Zentralfriedhof für Touristen interessant ist. Er ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen«, erinnert sie sich. Nur wenige Zeit später übernahm die damals 25-Jährige den Stand und betreibt ihn seither erfolgreich.
Das Ehrliche Wien
Am Würstelstand trifft sich bekanntermaßen alles, und bei Pölzls »eh scho wuascht.« ist das gesellschaftliche Potpourri ein noch viel unterhaltsameres: »Totengräber, Straßenbahnfahrer, Trauerredner, Gärtner und Touristen stehen hier beisammen und plaudern miteinander.« Sie beschreibt das Grätzel rund um den Friedhof als »ehrliches Wien«, weshalb es auch immer mehr internationale Gäste in die Gegend zieht.
Den Simmeringern gefalle es, dass ihr Bezirk aus dem Dornröschenschlaf erwacht und neues Publikum anlockt. Das kultige Bestattungsmuseum schräg gegenüber tut sicherlich sein Übriges dazu. Und auch Filmbegeisterte auf den Pfaden des »Dritten Manns« und des verliebten Pärchens aus Richard Linklaters »Before Sunrise« verschlägt es in den Elften.
Pölzls Würstelstand sticht heraus, und dass hier eine junge Gastronomin am Werk ist, erkennt man auch am veganen Seitanwürstel auf der Karte. Abgesehen vom hippen Branding und der pflanzlichen Option ist »eh scho wuascht.« ganz dem kulturellen, urwienerischen Konzept von Streetfood verpflichtet: »Ich wollte, dass mein Würstelstand genauso klassisch ist wie die meiner Kollegen«, so Pölzl.
Simmerings »Kleine Oper«
Entlang der vier Tore des Wiener Zentralfriedhofs lohnt es sich, nicht nur auf eine Käsekrainer Stopp zu machen. Schon beim ersten Tor heißt eine monumentale Christus-Statue Gäste willkommen. Seit 1988 werden im »Schloss Concordia«, einer ehemaligen k. u. k. Hofsteinmetzerei, hervorragende Schnitzel serviert. Simmeringer nennen das Lokal vornehmlich ihre »Kleine Oper« – Arienabende und Prominenz auf der Tanzfläche gehörten früher zum Programm. Sogar internationale Prominenz wie Helmut Newton und Vivienne Westwood sollen dem Charme des Schlösschens erlegen sein. Christus’ Schatten genießt man dort am besten in der Freiluftsaison: Der Gastgarten ist so schön, dass sich dort auch gerne Nichtsimmeringer das Jawort geben.
Simmering
Garteln am Friedhof
Der Zentralfriedhof ist einer von zwei Friedhöfen (der andere ist der Friedhof Südwest im zwölften Bezirk), auf dem Urban Gardening möglich ist. Angepflanzt werden Obst und Gemüse in Bio-Qualität.
Günstiges Wohnen
Zusammen mit dem 21. Bezirk hat Simmering den höchsten Anteil an öffentlichen Wohnbau. Mit 3970 Euro pro Quadratmeter sind hier auch die Immobilienpreise am niedrigsten.
Trotz der grauen Hauptstraße ist Simmering ein grüner Bezirk: In Zahlen ausgedrückt sind es 42 Prozent, das eine oder andere davon mit durchaus paradiesischem Charakter. An den Ausläufern des südöstlichen Wiens floriert eine vielfältige Stadtlandwirtschaft, wodurch dem Bezirk eine tragende Rolle als Versorger zukommt: Gemüsegärtner (die auch Yoga-Stunden anbieten!) und Bauern beliefern die Stadt mit Tomaten, Salat und Gurken. Manche Simmeringer krempeln selbst die Ärmel hoch und werden am Zentralfriedhof und rund ums Schloss Neugebäude zu urbanen Gemüsebauern.
Die Veranlagung für grüne Daumen lässt sich auch an der hohen Dichte an Schrebergartensiedlungen feststellen. Besonders lauschig wird es zur Ernte im Spätsommer, wenn beispielsweise der Feigenhof am Himmelreich in seinen Schaugarten lädt. Hier kann man in der Feigenplantage lustwandeln und von den Bäumen naschen, als läge Simmering in Dalmatien.
Wer nach klassischer Wiener Küche entlang der Simmeringer Hauptstraße sucht, biegt in die Braunhubergasse ein und nimmt dort in Christian Werners »Gasthaus Stern« Platz. Vorher zu reservieren, ist kein Fehler, denn seitdem Spitzenkoch Peter Zinter dort mit ausgeklügelter Wirtshausküche reüssiert, gilt das »Stern« als einer der heißesten Gourmettipps im Osten Wiens.
Falstaff-Kritiker Herbert Hacker berichtet von Freudentränen angesichts des servierten Pracht: Kalbsfuß, Germknödel, Champagnerkutteln, Kalbsrahmbeuschel mit Zitronenkapern und original Wiener Bruckfleisch tragen allesamt Zinters Handschrift. Eine wohlkuratierte Weinkarte rundet das Erlebnis ab.
Endstation: Reissucht
Für ähnlich viel Entzücken sorgt das persisch-afghanische Restaurant »Band Amir« auf der Höhe des dritten Zentralfriedhoftors. Auf riesigen, mit Teppichen ausgelegten Speisebetten wird opulente Fusion-Küche aufgetischt: Lammspezialitäten vom Grill, afghanische Teigtaschen, herrlich duftender Reis. Letzterer hat Suchtpotenzial: »Es ist ein spezieller Reis, der in der Lammbrühe, mit der er serviert wird, gekocht wird. Dazu gibt es Rosinen und Karotten«, erzählt Maedi Kasemi, die Tochter des Betreiberehepaars.
Lange war man auf der Suche nach passenden Räumen, in Simmering wurde man schließlich fündig. »Hier hat sich unsere Vision erfüllt, es passt perfekt.« Der Familienbetrieb lockt Gäste aus ganz Wien an, viele davon erstaunlich jung. Auf den Betten werden die Speisen halbliegend genossen, allein das ist schon ein Erlebnis. »Wir überzeugen mit unserem Essen und freuen uns, dass unsere Gäste den langen Weg auf sich nehmen.« Wer sich von der Anfahrtszeit abschrecken lässt, der ist selbst schuld!
Restaurants
Stern
Zweifelsohne der Stern am Simmeringer Gastro-Firmament. Noch bevor Peter Zinter als neuer Küchenchef antrat, wurde das »Stern« von Falstaff als »Bestes Wiener Beisl 2024« ausgezeichnet. Auch die Weinkarte sucht in Simmering ihresgleichen.
Braunhubergasse 6, 1110 Wien, T: +43 1 7493370
gasthausstern.at
Weinhaus Hochmayr
Ein Relikt aus dem alten Wien! Das Simmeringer Weinhaus besteht seit über 80 Jahren und wurde seither optisch kaum verändert. Eine schöne alte Schank, Holzvertäfelung und Kamin tragen ebenso zum Wohlgefühl bei wie die Klassiker aus der Wiener Küche.
Simmeringer Hauptstraße 42 , 1110 Wien, T: +43 1 7491768
Band Amir Restaurant
In dem Familienbetrieb wird afghanisch-persisch gekocht, vor allem aber gegrillt. Neben den afhanischen Teigtaschen ist aber der Reis der heimliche Superstar auf der Karte.
Simmeringer Hauptstr. 385, 1110 Wien, T: +43 677 61778028
bandamirrestaurant.at
Concordia Schlössl
Eine Simmeringer Ikone, nicht nur wegen des riesigen Jesus im Gastgarten. In den ehemaligen Räumlichkeiten einer Hofsteinmetzerei wird viel gefeiert, angesichts des schönen Ambientes wäre alles andere eine Sünde.
Simmeringer Hauptstraße 283, 1110 Wien, T: +43 1 7698888
concordia-schloessl.at
Pistauer
Auf einer gutbürgerlichen Speisekarte dürfen Kalbskopf, Weinbergschnecken und Beuschel nicht fehlen. Dazu gibt’s edle Tropfen von der Weinkarte. Die Mitarbeiter helfen mit Schmäh gerne weiter.
Ravelinstraße 3, 1110 Wien, T: +43 1 7672510
pistauer.at
Schutzhaus am Neugebäude
Traditionell steht in jeder Kleingartensiedlung ein Schutzhaus. Ursprünglich als Versammlungsort gedacht entwickelte es sich immer mehr zum kulinarischen Treffpunkt. Kulinarisch setzt man auf bodenständige Küche.
Simmeringer Hauptstraße 289, 1110 Wien, T: +43 1 7694183
schutzhaus.net
Streetfood
Eh scho wuascht.
Dass die junge Betreiberin Patricia Pölzl Waldviertlerin ist, tut der Bierauswahl (Weitra, alkoholfreies Zwettler) gut. Käsekrainer von Fleischer Wild aus Gaweinstal und feine Salzgurken sind das Einsermenü beim »Zenträu«. Veganer bekommen ein Seitan-Hotdog. Gute Bosna!
Simmeringer Hauptstraße 234, 1110 Wien
ehschowuascht.at
Asahimoto
Die japanischen Klassiker eignen sich ideal für den schnellen Take-away-Hunger. Neben Sushi, Ramen und Bento-Boxen verdienen die »Specials« von Ente bis Rib-Eye Beachtung. Genießen lässt sich all das auch vor Ort im modernen Lokal oder im kleinen Schanigarten.
Baudißgasse 4, 1110 Wien, T: +43 1 7674647
sushi-asahimoto.at
Cafés & Delikatessen
Café Konditorei K. u. K. Hofzuckerbäcker L. Heiner
Wiener Konditorkunst ist unzertrennlich mit dem Namen Heiner verbunden. Kaum ein anderes Unternehmen hat es so gut verstanden, die Tradition der altösterreichischen Konditorei mit den Bedürfnissen der Gegenwart nach leichten Süßspeisen und originellen Formen zu verknüpfen.
Simmeringer Hauptstraße 423, 1110 Wien, T: +43 1 7696858
heiner.co.at
Kurkonditorei Oberlaa
Prächtige Niederlassung mit Terrasse am zweiten Tor des Zentralfriedhofs. Hier kann man sich mit Mehlspeisen wie Sachertorte oder Gugelhupf und Pikantem aus der Wiener Küche stärken.
Simmeringer Hauptstraße 232, 1110 Wien, T: +42 1 76717680
oberlaa-wien.at
Bio Feigenhof
Herrlicher Schaugarten mit Feigenplantage. Hier wachsen auch Palmen, tropische Nutzpflanzen und Gemüse. Neben dem saisonalen Ab-Hof-Verkauf gibt es auch Führungen und Events.
Am Himmelreich 325, 1110 Wien, T: +43 664 4224480
feigenhof.at
Hirschis Hofladen
Regional und saisonal – so lautet hier das Credo. Neben Fisch, Fleisch, Gemüse und Obst gibt es auch bunte Eier von den eigenen Hendln.
Simmeringer Hauptstraße 204, 1110 Wien, T: +43 1 7676418
hirschishofladen.at