Healing Spaces: Räume für Regeneration
Die Umgebung, in der wir uns aufhalten, beeinflusst nachweislich, wie schnell wir uns erholen und wie belastbar wir bleiben. Healing Spaces übersetzen diese Erkenntnis in konkrete Gestaltungsprinzipien.
Der Gedanke, dass ein Raum heilen kann, klingt zunächst nach Wellness-Marketing. Tatsächlich beschäftigt sich die Umweltpsychologie seit Jahrzehnten ernsthaft mit der Frage, wie physische Umgebungen Stress, Erholung und sogar körperliche Genesung beeinflussen. Healing Spaces, zu Deutsch etwa »heilende Räume«, bezeichnen Umgebungen, die gezielt so gestaltet sind, dass sie das Nervensystem beruhigen und die Regeneration unterstützen, sei es in Kliniken, Büros oder im eigenen Zuhause. Was früher vor allem in Krankenhäusern erforscht wurde, findet zunehmend auch Eingang ins private Wohndesign.
Was die Forschung tatsächlich zeigt
Den Grundstein legte Roger Ulrich 1984 mit einer Studie im Fachjournal Science: Patienten, deren Krankenzimmer auf Bäume statt auf eine Backsteinwand blickten, erholten sich nachweislich schneller und brauchten weniger Schmerzmittel. Die Psychologen Rachel und Stephen Kaplan lieferten mit ihrer »Attention Restoration Theory« die zweite Grundlage: Natürliche Reize wie Lichtspiel oder Blattwerk erholen erschöpfte Aufmerksamkeit, ganz ohne aktive Anstrengung
Fürs Zuhause heißt das: Healing-Interior-Prinzipien lassen sich unabhängig vom Krankenhauskontext übertragen: Nicht das perfekt gestylte Wohnzimmer wirkt regenerativ, sondern jenes, das stimmungsvolle Reize gezielt einbaut. Wie sich diese Prinzipien konkret in der eigenen Wohnung umsetzen lassen, haben wir mit Jasmin Horner von der britischen Sofabrand Swyft besprochen.
Jasmin Horner
Jasmin Horner ist Senior PR Managerin bei Swyft und bringt mehr als sechs Jahre Erfahrung im PR-Bereich mit. Sie studierte an der Kingston University und ist bei Swyft unter anderem für die Presse- und Markenkommunikation verantwortlich, darunter die Organisation von PR-Events im Flagship-Showroom »Store 01 – Angel« in London sowie die Begleitung der Markteinführung von Swyft in Deutschland. Durch ihre Arbeit bei Swyft ist sie mit den Themen Interior Design und Möbelentwicklung eng vertraut.
© RoxanneWas macht einen Raum zu einem Ort, an dem man wirklich zur Ruhe kommt, statt nur schön eingerichtet zu sein?
Jasmin Horner: Ein schön eingerichteter Raum ist für die Kamera gemacht. Ein Raum, in dem man wirklich zur Ruhe kommt, ist für den Körper gemacht. Der Unterschied zeigt sich meist erst, wenn man sich hinsetzt: Sinkt man wirklich ein, oder sitzt man nur »richtig«? Bei Swyft denken wir Möbel vom Gebrauch her, nicht vom Foto her. Ein Sofa mit der richtigen Sitztiefe, eines, das man nutzt, ohne darüber nachzudenken, trägt mehr zur Erholung bei als jedes perfekt drapierte Kissen. Regeneration entsteht durch Vertrautheit und Funktion, nicht durch Perfektion.
Welche Materialien bei Möbeln oder Textilien wirken besonders beruhigend, und warum?
Jasmin Horner: Ich würde sagen: alles, was sich ehrlich anfühlt. Naturmaterialien wie Leinen oder massives Holz haben eine gewisse Unregelmäßigkeit in ihrer Struktur, etwas, das man mit der Hand spüren kann und das das Gehirn offenbar als »echt« registriert. Das wirkt beruhigend, auch wenn man nicht genau sagen kann, warum. Bei unseren Sofas setzen wir bewusst auf Leinen und Beine aus Massivholz statt auf Kunststoff, Materialien, die mit der Zeit tatsächlich besser werden, statt nur älter auszusehen. Samt ist wieder ein anderer Fall: Er fühlt sich weich an, hat aber auch ein gewisses Gewicht, und genau dieses Gewicht vermittelt in dem Moment, in dem man sich setzt, ein Gefühl von Sicherheit.
Wie sehr spielt die Farbe tatsächlich eine Rolle bei der Wahl von Möbeln für beruhigende Räume?
Jasmin Horner: Weniger, als man denken würde, und trotzdem nicht nichts. Die Grundregel ist einfach: gedeckte, erdige Töne beruhigen das Nervensystem, statt es anzuregen. Aber ein Raum wird nicht durch eine einzelne »beruhigende« Farbe definiert, sondern dadurch, wie Farben zusammenwirken: Ein dunklerer, wärmerer Ton neben einem helleren, staubigeren wirkt oft ruhiger als ein einzelner »beruhigender« Ton für sich, weil Ruhe eher aus Kontrast entsteht als aus Zurückhaltung. Und wichtiger als die Farbe selbst ist meist, wie sie mit dem Licht im Raum zusammenspielt. Derselbe Farbton kann morgens warm und abends kalt wirken.
Wirken runde, weiche Möbelformen tatsächlich beruhigender als kantige, klare Linien?
Jasmin Horner: Ja, tatsächlich, und das ist nicht nur Geschmackssache, da steckt auch etwas Instinkt dahinter. Unser Gehirn registriert scharfe Kanten unbewusst als potenzielle Bedrohung, runde Formen dagegen nicht. Das heißt aber nicht, dass ein Raum nur aus Rundungen bestehen muss. Bei unseren Sofas arbeiten wir bewusst mit kastigen, aber abgerundeten Armlehnen, klaren Linien, die trotzdem nirgends »pieksen«. Diese Kombination aus Struktur und Weichheit funktioniert oft besser als reine Rundungen, weil sie beruhigt und gleichzeitig etwas zum Anlehnen bietet.
Wie wichtig ist die Möbelplatzierung, etwa die Position des Sofas, dafür, sich in einem Raum sicher und entspannt zu fühlen?
Jasmin Horner: Überraschend wichtig, und meist unterschätzt. Ein Sofa mit dem Rücken zu einer festen Wand und Blick zur Tür oder zum Fenster sendet dem Körper ein unbewusstes Signal: »Ich sehe den ganzen Raum, von hinten kann mir nichts passieren.« Das ist ein sehr alter Sicherheitsinstinkt, und er hat mehr mit modernem Interior Design zu tun, als man denkt. Bei der Raumplanung würde ich deshalb nie zuerst fragen »Wie sieht es aus?«, sondern »Wie fühlt es sich an, hier zu sitzen?« und das Sofa entsprechend platzieren, nicht passend zur Wandfarbe.
Welche Lichtquellen würden Sie für Räume empfehlen, die zur Erholung dienen?
Jasmin Horner: Alles, was von der Seite oder von unten kommt, statt von oben. Deckenlicht ist für Aufgaben gemacht, nicht zum Abschalten. Es ist meist zu hell und zu direkt. Wandleuchten, Stehlampen mit warmem, gedimmtem Licht oder auch nur eine Kerze erzeugen genau die Art von weichem, wechselndem Licht, das uns signalisiert, dass es Zeit ist, herunterzufahren. Und wo immer möglich, würde ich Tageslicht priorisieren. Ein Sofa am Fenster leistet oft mehr als die teuerste Lampenkollektion.