Zum Inhalt springen
© Shutterstock

Perimenopause - so gehen Sie besser damit um

Gedanken
Gesundheit
Wechseljahre

Hitzewallungen, Schlafprobleme, unregelmäßige Zyklen – die Perimenopause bringt oft Veränderungen mit sich, die viele Frauen zunächst verunsichern. Wir erklären, was in dieser Übergangsphase im Körper passiert und wie sich die Symptome besser bewältigen lassen.

Wechseljahre – das klingt für viele nach den 50ern, nach Hitzewallungen und dem endgültigen Ausbleiben der Periode. Dass die hormonelle Umstellung tatsächlich viel früher beginnt, wissen die wenigsten: Schon Anfang bis Mitte 30 kann der Progesteronspiegel sinken und erste Symptome wie Schlafstörungen, Wassereinlagerungen oder Stimmungsschwankungen auslösen, oft Jahre, bevor der Zyklus überhaupt unregelmäßig wird. Genau darüber hat Vanessa Blumhagen ein Buch geschrieben: Die Bestsellerautorin, die bereits mit ihren Büchern über die Autoimmunerkrankung Hashimoto großen Zuspruch fand, geht in »Perimenopause – zu alt für Pubertät, zu jung für Wechseljahre« den Ursachen dieser oft verkannten Lebensphase auf den Grund. Im Interview mit falstaff HappyLife erklärt sie, warum dieses Wissen so entscheidend ist, weshalb Hormone nie isoliert betrachtet werden sollten und warum Frauen mit ihren Symptomen bei Ärzt:innen häufig auf taube Ohren stoßen.

Vanessa Blumhagen

Vanessa Blumhagen arbeitete als Printredakteurin und  Fernsehmoderatorin. Anfang 30 wurde bei ihr die Autoimmunerkrankung Hashimoto Thyreoiditis diagnostiziert. Über ihre Erfahrungen schrieb sie unter anderem das Buch »Die Hashimoto-Diät«. Gemeinsam mit Anna Funck verfasste sie den Frauen-Gesundheitsratgeber »Gesund, stark, schön«. 2013 gründete sie die Aufklärungsplattform »Hashimoto Deutschland«, die Betroffenen mit Informationen, Rezepten, Vorträgen und Coachings zur Seite steht. Sie ist zertifizierter Gesundheits- und Schilddrüsencoach und lebt in Hamburg.

Foto beigestellt

falstaff HappyLife: Was versteht man unter der »Perimenopause«?

Vanessa Blumhagen: Die Perimenopause ist die Phase im Leben einer Frau, in der die ersten Ungleichgewichte der Hormone entstehen. Mit Anfang bis Mitte 30 sinkt der Progesteronspiegel, dadurch tauchen Symptome wie Schlafstörungen, Wassereinlagerungen, Brustspannen, Gewichtszunahme und Stimmungsschwankungen auf. Gleichzeitig entsteht so eine Östrogendominanz. In den weiteren Jahren sinken unser Jugendlichkeitshormon DHEA, Testosteron und Melatonin. All das erzeugt weitere Symptome. Ab Mitte 40 wird Östrogen unregelmäßig und schwankt. Das bedeutet, dass sich jeder Zyklus anders anfühlen kann. Das mündet dann in einem Östrogenmangel, was unbehandelt zu einer Insulinresistenz, Herzproblemen, starken Schlafproblemen, extremen Hitzewallungen, Gewichtszunahme und vielem mehr führen kann. Bei all dem ist es wichtig zu wissen, dass diese Veränderungen auch entstehen, wenn der Zyklus regelmäßig ist und Frauen alle 28 bis 32 Tage ihre Periode bekommen.

Warum halten Sie es für problematisch, Hormone isoliert zu betrachten, statt den weiblichen Körper als System zu verstehen? 

Vanessa Blumhagen: Unsere moderne Schulmedizin betrachtet einzelne Körperteile und Systeme, und das ist fatal. Deshalb bin ich großer Fan der ganzheitlichen Medizin, die unseren Körper und unsere Seele als Ganzes betrachtet. Hormone hängen mit dem Darm, der Leber, dem Blutzuckerspiegel, den Haaren, unserer Stimmung, den Gelenken, den Muskeln und vielem anderem zusammen. Da ist es grob fahrlässig, diese Zusammenhänge zu ignorieren und sich nur auf einen Bereich zu konzentrieren. Nur wenn wir die Symptome zum Beispiel der Perimenopause zuordnen können, kann eine optimale Behandlung stattfinden. Und da die meisten Frauenärzte sich nicht wirklich mit bioidentischen Hormonen auskennen, sind ganzheitliche Ärzte hier mehr zu empfehlen.

Warum beginnt die Perimenopause oft deutlich früher, als viele Frauen erwarten. Warum ist dieses Wissen so entscheidend? 

Vanessa Blumhagen: Die hormonelle Umstellung beginnt eben nicht erst in der 50ern mit dem Beginn der Wechseljahre, sondern bei den meisten Frauen schon in den 30ern. Und niemand bereitet Frauen darauf vor. Nach der Aktion »Wir sind 9 Millionen«, mithilfe derer deutschlandweit über die Menopause aufgeklärt wurde, ist es jetzt wichtig, dass Frauen erfahren, dass Ihre Symptome nicht eingebildet sind und dass sie ein Recht darauf haben, von Ärzten ordentlich behandelt zu werden. Dazu gehört eine ausführliche Diagnostik, Aufklärung und – im Falle eines Mangels – auch bioidentische Hormone. Und ja, auch schon in der Perimenopause und auch schon in den 30ern.

Welche Rolle spielen Hormone wie Östrogen und Progesteron in dieser Übergangsphase, und was passiert dabei im Körper?

Vanessa Blumhagen: Die Perimenopause ist keine Übergangsphase, sondern kann 20 Jahre im Leben einer Frau einnehmen, in der wir in der produktivsten Phase sind. In der wir Kinder, Partnerschaft, Hausbau, Haushalt, Freunde und so viel mehr handeln müssen. Progesteron ist das erste Hormon, das abnimmt. Meist ist Stress heutzutage der Treiber dafür. Deshalb sehen wir Frauen mit Anfang-Mitte 30, die unter Wassereinlagerungen, Einschlafproblemen, depressiven Verstimmungen, Gewichtszunahme leiden – und von den Ärzten unverrichteter Dinge mit den Worten nach Hause geschickt werden: »Sie sind zu jung dafür.« Ab Anfang 40 macht Östrogen Probleme. Mal ist es in einem Zyklus ausreichend vorhanden, weil ein Eisprung stattfindet. Dann geht es uns gut, wir haben tolle Haut, können abnehmen, nachdenken, uns tut nichts weh. Im nächsten Zyklus fehlt es plötzlich. Und dann machen Kohlenhydrate Probleme, wir haben Hitzewallungen, liegen nachts stundelang wach, haben Gelenkschmerzen und Konzentrationsprobleme. Und jetzt bräuchten wir einen Arzt, der die Symptome kennt und behandelt.

Frauen in der Perimenopause fühlen sich mit ihren Symptomen oft allein gelassen.

© Shutterstock

Was würden Sie Frauen raten, die ihre Symptome zunächst nicht der Perimenopause zuordnen, sondern etwa Stress oder anderen Ursachen?

Vanessa Blumhagen: Stress ist ein ganz wichtiger Faktor in der Perimenopause. Deshalb ist das dazugehörige Kapitel auch das längste in meinem Buch. Und man darf den Einfluss auf unser Wohlbefinden, Schlaf, unsere Hormone, die Verdauung, unser Gehirn und die Psyche nicht unterschätzen. Ab Anfang/Mitte 30 sollte man allerdings bei Symptomen wie Wassereinlagerungen, Gewichtszunahme, psychischen Veränderungen, PMS, Zyklusunregelmäßigkeiten bei einem Frauenarzt auf eine umfangreiche Diagnostik inklusive Blutabnahme bestehen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht. Daher sollte man vorschlagen, diese Blutwerte selbst zu zahlen.

Gibt es aus Ihrer Sicht Parallelen zwischen dem Umgang mit Hashimoto und dem Umgang mit der Perimenopause?

Vanessa Blumhagen: Die Schilddrüse schwächelt in der Perimenopause auch oft. Das lieget daran, dass Progesteron und später auch Östrogen fehlen. Zudem steigt das Risiko, dass eine Hashimoto Thyreoiditis ausbricht. Wurde diese Autoimmunerkrankung schon diagnostiziert, erleben Frauen die Perimenopause meist noch symptomreicher. Deshalb ist es immer wichtig, auch die Schilddrüsenwerte im Blut zu bestimmen (TSH, fT3, fT4, TPO- und Tg-Antikörper). Gleichzeitig spielen Ernährung, Mikronährstoffe, Darm, Leber und der richtige Umgang mit Stress sowohl in der Perimenopause, als auch bei einer Hashimoto eine wichtige Rolle, um zurück zu seinem Wohlbefinden zu kommen.

Welche Ernährungs- oder Lebensstiländerungen haben sich für Sie persönlich in dieser Phase als hilfreich erwiesen?

Vanessa Blumhagen: Mir haben bioidentisches Östrogen und Testosteron am meisten geholfen. Ich hatte Hitzewallungen, bin jeden Morgen zwei Stunden zu früh aufgewacht, konnte mich nicht mehr konzentrieren, hatte acht Kilo zugenommen und alterte gefühlt  im Zeitraffer. Als ich angefangen habe, Östrogengel auf meine Unterarme zu schmieren, änderte sich mein Leben komplett: Ich schlief wieder bis zum Weckerklingeln und war einfach wieder ich selbst. Als ich Testosterongel verschrieben bekommen hatte, konnte ich plötzlich Muskeln aufbauen, obwohl ich an meinem Krafttraining nichts geändert hatte. Erst durch die bioidentische Hormonersatztherapie habe ich mein Leben zurück bekommen.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht konkret verändern, damit Frauen in dieser Lebensphase besser verstanden und begleitet werden? 

Vanessa Blumhagen: Ärzte müssen ihre Patienten und deren Symptome endlich ernst nehmen! Egal in welchem Bereich, aber natürlich auch Frauen in der Perimenopause. Keine geht einfach so aus Spaß zum Arzt. Und niemand bildet sich die typischen Symptome wie Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Zyklusveränderungen, Gewichtszunahme, Gelenkschmerzen einfach nur ein. Es muss mehr Aufklärung auf beiden Seiten stattfinden. Frauen müssen vorbereitet sein, dass sich die Hormone ab Anfang 30 verändern können. Und sie müssen mit einem guten Gefühl und Vertrauen in die Frauenarztpraxen gehen können, ernst genommen zu werden und Unterstützung zu bekommen.


Jessica Haberl
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11