Zum Inhalt springen
© Shutterstock

Kunst als Therapieform

Soul
Me-Time
Entspannung

Sei es nun das Knüpfen ­filigraner Knoten im ­Makramee oder das sanfte Formen vom Ton im Töpfern: Kunst als Therapieform trägt dazu bei, ganz bewusst im Hier und Jetzt zu sein – und den Stress des Alltags hinter sich zu lassen.

Nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag sehnt man sich meist nach einem entspannten Abend – für die einen ist die Couch der richtige Ort, andere wiederum setzen auf Sport. Es gibt allerdings auch andere, kreativere Wege, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Ob man nun mit den eigenen Händen etwas aus Ton formt, filigrane Makramee-Knoten knüpft oder Blumen und Zweige ineinander verflicht: Künstlerische ­Tätigkeiten sind weit mehr als nur Hobbys. Sie holen uns ins Hier und Jetzt, sorgen für nachhaltige Entspannung und helfen uns dabei, ­Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

© Olivie Strauss/unsplash
© Susan Wilkinson/unsplash

Mehr Kreativität, weniger Stress

Ob Malen, Töpfern, Schreiben oder Blumenbinden: Kreative Tätigkeiten wirken positiv auf unser mentales Wohlbefinden – das bestätigt auch die Wissenschaft. Eine Studie der Universität Drexel, veröffentlicht im »Journal of the American Art Therapy Association«, konnte zeigen, dass Kunst dazu beitragen kann, das Cortisollevel im Gehirn deutlich zu senken – und das bereits nach 45 Minuten. Außerdem regt das Kunstschaffen die Dopaminausschüttung an. So tragen Malen und Co zur Entspannung bei und helfen, Angststörungen zu lindern. »Wenn ich überlegen muss, welche Farbe ich nehme oder wo ich den Ton bearbeite, bin ich mit ganz vielen kleinen Fragen beschäftigt, die mich jetzt ins Hier und Jetzt bringen«, erklärt Kunst- und Gestaltungstherapeutin Melanie Mezera den Vorgang. »Dadurch komme ich relativ schnell in einen Flow-Zustand – und das reduziert wiederum unser Stresslevel und reguliert letztlich unser Nervensystem.« Vor allem in Zeiten, in denen ständige Erreichbarkeit und Smartphone-Daddeln unsere Konzentration öfter unterbrechen, stellt dieser meditative Flow eine wohltuende Entlastung für unser Gehirn dar. Die Wahl der Kunstform ist für einen solchen kreativen Fokus übrigens nicht entscheidend, weiß die Psychologin: Jede Art der kreativen Tätigkeit, bei der die Hände involviert sind – sei es nun Sticken, Töpfern, Makramee oder Malen –, führt bereits zu mehr Entspannung.

© Quino-al-ZjL/unsplash
© Ahmed/unsplash
© Pablo Merchan Montes/unsplash
© Rocknwool/unsplash

Von der Hand ins Herz

Die Wirksamkeit der Kunst ist so stark, dass sie als eigene, psychodynamische Therapieform zum Einsatz kommt. »Kunsttherapie nutzt künstlerische Medien, um Emotionen und Gedanken ins Außen zu bringen und – im wahrsten Sinne des Wortes – begreifbar zu machen«, erklärt die Psychologin. Dabei wird versucht, Blockaden nicht auf sprachlicher, sondern auf gestalterischer Ebene zu lösen. Vor allem Kinder sowie Personen mit Traumata oder emotionalen Blockaden, ob aufgrund von Trauer, Stress oder Überlastung, sprechen auf die Kunsttherapie an. Geeignet ist sie aber für jede:n. Denn das Malen eines Bilds oder das Formen von Ton entspannt nicht nur, es hilft auch dabei, Gefühle oder Erinnerungen aufzuarbeiten, die uns vielleicht nicht bewusst sind oder die wir nicht in Worte fassen können. »Es gibt verschiedene Gründe, warum die Sprache einfach nicht ausreicht, um sich einem Thema zu nähern«, so Melanie ­Mezera. »Hier setzt die Kunsttherapie an und kann durch Sinnesanregungen ein Ventil bieten.« Ein zentrales Element jeder künstlerischen Tätigkeit ist darüber hinaus, so die Therapeutin, die Selbstwirksamkeit. Das bedeutet, dass die Gestaltung mit den Händen uns ein Gefühl der Handlungsfähigkeit vermittelt. Wir kommen aktiv ins Tun und haben das Gefühl: »Ich kann etwas bewegen und verändern.«

Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele – Pablo Picasso

Wer selbst kreativ entspannen möchte, kann damit beginnen, kleine Auszeiten für das neue künstlerische Hobby einzuplanen – am besten ohne Ablenkungen wie Smartphones oder TV. Da viele nicht wissen, wo und wie sie beginnen sollen, rät die Psychologin zur Arbeit mit Zufallstechniken. Etwa, indem man Schatten auf einem Blatt Papier nachzeichnet und die Flächen mit Mustern füllt oder Naturmaterialien und Blumen bei einem Spaziergang sammelt, um die Fundstücke kunstvoll zu arrangieren. Auch Kurse, Workshops und Retreats sind ein guter Einstieg in neue Kreativhobbys; danach können die erlernten Basiskenntnisse einfach zu Hause umgesetzt und weiterentwickelt werden. Wichtig ist, ohne Druck oder Erwartungen im freien Schaffens­prozess zu kreieren. Es gilt: Der Weg ist das Ziel. Sich bewusst Zeit für etwas Kreativität im Alltag zu nehmen, lohnt sich nicht nur, weil wir damit eigene Kunstwerke erschaffen, sondern auch, weil wir merken: Wir haben unser Wohlbefinden selbst in Händen.


Erschienen in
Falstaff Happy Life Magazin 2/2025

Zum Magazin

Christina M. Horn
Autor
Mehr zum Thema
1 / 12