200 Jahre Lobmeyr: Welterbe mit Weitsicht
Die Wiener Traditionsmanufaktur J. & L. Lobmeyr feiert Geburtstag! Seit 200 Jahren entwerfen die besten Designer der Welt kunstvoll gravierte Gläser und prachtvolle Kristallluster. Ein Kunsthandwerk, das Poesie in Glas verwandelt.
Wenn die Lichter in der New Yorker Met oder im Wiener Musikverein angehen, steckt österreichisches Handwerk dahinter. Auch wer heute in den exklusiven Showrooms von Chanel oder Van Cleef & Arpels USA verweilt, hält hauchdünne Musselingläser der Alpha-Serie No. 267,
entworfen von Hans Harald Rath 1952, in Händen. Heuer feiert die Glaswerkstatt J. & L. Lobmeyr, aus der diese kunstvollen Glasobjekte stammen, ein rundes Jubiläum, sie wurde vor 200 Jahren gegründet. Im Stammgeschäft auf der Wiener Kärntner Straße 26 sind neben handgefertigten Objekten zeitgenössischer Entwerfer auch Trinkservice, Tafelgeschirr, Glaswaren, Beleuchtungskörper und Spiegel zu finden, die die Kunst des Handwerks bezeugen.
VOM biedermeier ZUR avantgarde
Seit 1823 fertigt die Manufaktur kostbare Objekte, die durch die Kraft der Hände zum poetischen, nachhaltig verbesserten, Luxusgut werden. Wie etwa das zarte mundgeblasene Wasserglas No. 257, das Oswald Haerdtl 1954 entwarf und das von Designguru Murray Moss 2006 mit einer aufwendigen Kupferrad-Gravur eines Insekts veredelt wurde. Oder die handbemalte Tulipmania- Serie No. 267 von Leonid Rath, die auch auf der Modeplattform »matches« zu finden ist. Nur wer etwa Oswald Haerdtls größte Kugeldose erwerben möchte, muss mitunter länger warten. Um sich die Technik für die Fertigung der zarten Deckeldose von 1925 anzueignen, lernen selbst Facharbeiter jahrelang. Ein Kulturerbe, das die ersten Glasobjekte, die heute in der Silberkammer des KHMs zu finden sind, noch wertvoller macht. Mittig im Wiener Glaspalast schwebt das Herzstück des Unternehmens, ein Bestseller, der sogar die Luxus-Filialen von Tiffany & Co. zum Funkeln bringt. Der tonnenschwere »Starburst«-Luster aus explodierenden Sternen, entworfen 1966 von Hans Harald Rath zur Eröffnung der Met Opera in New York. »Ein Luster soll einen Raum bereichern, aber nicht dominieren«, sagt Johannes Rath, Verantwortlicher der Luster-Produktion. Er entwarf auch die Belsize-Park-Leuchtenserie, und führt so die Design-Tradition des Familienbetriebes in die 6. Generation. Heute arbeiten in der Glaswerkstatt in der Salesianergasse, die gerade modernisiert und vergrößert wird, die besten Glasschleifer und Graveure, die Glasbläser sitzen in Tschechien. »Wir haben ein junges Team, auf das wir stolz sind. Alle unsere 50 Angestellten gehören praktisch zur Familie und wir geben ihnen jede Zeit, die sie brauchen, um ein Stück von Hand zu fertigen«, sorgt Johannes Rath für ein gutes Arbeitsklima. »Nur so können wir uns verbessern und wie vor 200 Jahren das Kulturerbe des Kunsthandwerks am Leben erhalten«, sagt wiederum Andreas Rath. »Es gibt einen wachsenden Trend zum Authentischen und zum echten Handwerk.«
WELTAUSSTELLUNG bis www
Seit 2000 erweitern die drei Geschäftsführer Andreas, Leonid und Johannes Rath den internationalen Vertrieb und setzen, wie schon ihr Ur-Großonkel, auf »die Hebung des guten Geschmacks«. Leitspruch 1864, als Ludwig Lobmeyr die Gründung des Österreichischen Museum für Kunst und Industrie, des heutigen MAK, förderte. Heute ist J. & L. Lobmeyr auf internationalen Designmessen zwischen London und New York vertreten. »Die Zusammenarbeit mit externen Designern wie Sebastian Menschhorn, Stefan Sagmeister, Polka, Marco Dessi, Bodo Sperlein oder formafantasma ist uns sehr wichtig, sie erforschen Alltagsbedürfnisse, bringen traditionelle Entwürfe ins Heute«, so Leonid Rath. Dabei wurde das »go global« schon bald nach der Gründung 1823 ins Firmenbuch geschrieben, bereits 1860 wurde J. & L. Lobmeyr zum »K.-u.-k.-Hofglaser und Hofglaswarenhändler« ernannt. 1862 stellten die Brüder Josef und Ludwig Lobmeyr ihr in Böhmen gefertigtes Trinkservice aus geschliffenem und graviertem Glas auf der Londoner Weltausstellung aus und begründeten mit einem radikalen Vorgehen ihren Ruf als Avantgardisten: um ihre Zäsur vom Händler zur Marke mit ausgeprägtem Designanspruch zu setzen, vernichteten sie kurzerhand den gesamten Altbestand der Biedermeier-Ware ihres Vaters und arbeiteten fortan mit den besten Entwerfern wie Theophil von Hansen oder Friedrich Schmidt zusammen. Auch der Leitspruch »Form folgt Funktion« wurde 1883 umgesetzt: als sich das Design für die ersten elektrischen Kristallluster in der Wiener Hofburg, durch die Zusammenarbeit mit Thomas Alva Edison, der Glühbirne anpassen musste. 1925 zeigte Tochter Marianne Rath Weitsicht, als sie mit Gefäßen aus Bergkristall in den Glasfarben seltener Erden experimentierte, die u.a. vom Metropolitan Museum New York angekauft wurden. Noch heute legt J. & L. Lobmeyr darauf Wert, alle möglichen Glastechniken zu zeigen. So macht Sebastian Menschhorn mit der Serie Gletscher unpolierte Schliffflächen greifbar, die Leuchte Ripple Light von Poetic Lab und die Archive-Lights zeigen mit bewegtem Licht die Schönheit des Materials und im September wird das zarte Trinkservice 1.003, entworfen 1949 von Vera Liskova, wieder aufgelegt.