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Architekt Jean Nouvel: Der Magier der Räume

Architektur
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Seine Welt ist die der Irritation, seine Baustoffe sind Licht, Farbe und Reflexion, so richtig wohl aber fühlt sich Jean Nouvel erst, wenn er anfängt, in der Welt der Zitate und Referenzen herumzujonglieren. Jetzt ist der Pritzker-Preisträger 80 geworden.

Wie eine Schlucht in Ochsenblutrot, wie eine Straße der tausend roten Krüge, wie ein alter, eng verwinkelter Hutong, der inmitten der Menschenmassen, die von A nach B drängen, um ein paar Potenzen nach oben skaliert wurde. Die 2021 eröffnete Shoppingpassage Henderson Cifi Tiandi im Shanghaier Bezirk Huangpu, errichtet zwischen den beiden Einkaufsstraßen Ma Dang und Dan Shui, dient zwar in erster Linie dem Konsum, ist neben all den Einkaufstüten und Schaufensterpuppen aber auch ein monochromatischer Kraftort in satten Karmin- und Zinnobertönen – als einziger Gegenspieler das nicht minder satte Grün der eingetopften Natur. 

»Ich liebe es, mit komplementären Welten zu arbeiten«, sagt Jean Nouvel. »Hier das Rot, dort das Grün, hier die Ruhe, dort die Hektik, hier das Neue und Moderne, dort eine Art Echo, eine Erinnerung an typisch chinesische, längst verschwundene, beinahe in Vergessenheit geratene Innenstadtgässchen.« In den beiden Baukörpern links und rechts der überdachten, witterungsgeschützten Fußgängerstraße, die auf mehreren Ebenen mittels Stegen und Brücken miteinander verbunden sind, finden sich 15.000 Quadratmeter Retail und weitere 25.000 Quadratmeter Bürofläche, dazwischen jede Menge tropischer und subtropischer Vegetation. Nouvel selbst bezeichnet den Bau als Reminiszenz an die französische Konzession des späten
19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Liebhaber der Orte
Erst kürzlich feierte Jean Nouvel, der als Kind eigentlich Maler werden wollte und sich selbst heute als »Orteliebhaber« bezeichnet, seinen 80. Geburtstag.
jeannouvel.com

© Serge Picard/Agence Vu/picturedesk.com

Henderson Cifi Tiandi, Shanghai
Die sechsgeschoßige Einkaufspassage wurde in Anlehnung an die historischen Hutongs gestaltet. Trotz viel Konsum und noch mehr Farbe ist hier eine urbane Oase der Stille entstanden.
cifi.com.cn

© Lu haha CCD

Poetisch verspielt

Es ist nicht das erste Mal, dass der heute 80-jährige Architekt, der eigentlich Maler werden wollte, dann aber doch Architektur in Bordeaux studierte und 1970 sein erstes eigenes Planungsbüro in Paris gründete, dank seiner ausartenden Gestik und Mimik ein kongenialer Pantomime-Künstler noch dazu, mit Sein und Schein, mit Irritation und Surrealismus, mit poetischen, verspielten Zitaten quer durch die Architekturge-schichte jongliert. Seine Bauten sind geprägt von formaler, geometrischer Strenge, die aber nie Selbstzweck ist, sondern stets ein großes, mächtiges, visuell überwältigendes Ziel verfolgt.

Das Hotel »SO/ Vienna« gegenüber vom Schwedenplatz beispielsweise scheint sich fast in Luft aufzulösen, es besteht nur aus hoch spiegelnden Flächenfragmenten, die über bunt beleuchteten Kunstinstallationen der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist schweben. Die Pariser Philharmonie ist eine abstrakte Großform mit weißer, silbriger und dunkelgrauer Mosaikverfliesung, die wie ein getarntes Erlkönig-Testauto neben der Ringautobahn Périphérique zum Stillstand gekommen ist. Und das Nationalmuseum in Doha erinnert mit seinen überhängenden Dächern an die kristallinen, zauberhaft geformten Skulpturen aus Sand und Meerwasser, die in den dürren Weiten von Katar immer wieder zu finden sind – an die sogenannten Wüstenrosen.

»Mir wird oft vorgeworfen, meine Gebäude seien Skulpturen«, sagt Nouvel, der 2008 mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, »aber das ist ein Missverständnis. Eine Skulptur ist atmosphärisch höchst flexibel, kann herumgetragen und mit wenig Aufwand ganz woanders wieder verortet werden. Meine Gebäude jedoch mögen zwar mit allerhöchster Hingabe gestaltet sein, sind letztendlich aber fix mit dem Ort verbunden, an dem sie stehen, und nur für diesen einen sozialen, kulturellen, geografischen Standpunkt konzipiert.«

National Museum of Qatar, Doha
Vorbild für den gigantischen Kulturbau war die sogenannte Wüstenrose, eine typische Formation aus Sand und Salzkristallen, die in der Region zu finden ist. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem deutschen Ingenieurbüro Werner Sobek.
nmoq.org.qa
wernersobek.com

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One Central Park, Sydney
Der Doppeltower in Down Under zeichnet sich durch intensive Fassadenbegrünung aus. Damit das Sonnenlicht bis in die untersten Geschoße eindringen kann, schwebt über dem Gebäude ein hochkomplexer Mechanismus aus Spiegeln. Das Projekt wurde mit dem Internationalen Hochhauspreis ausgezeichnet.
ctbuh.org

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Sein Blick gleitet zum Plafond, seine Augen weiten sich, gekrönt von einem expressionistischen Runzeln auf der Stirn, und schon brechen seine Hände aus, schon fangen seine Finger in der Luft an zu tanzen, als würden sie nach Bildern und Worten ringen. »Man muss einen Ort lieben, um dort bauen zu können. Und glauben Sie mir, ich habe schon viele Orte auf der Welt aus ganzem Herzen geliebt. Ganz egal, wo ich bin und wo ich gerade arbeite, ich kann gar nicht anders, als die Schönheit dieses einen ganz bestimmten Ortes herauszukitzeln und mit meinen architektonischen Ideen zu liebkosen.« Kurze Stille. »Oh ja, ich bin ein leidenschaftlicher Orteliebhaber!«

Besonders groß, immer noch nach all den Jahrzehnten, ist und bleibt seine Liebe zu Paris. Ob das nun sein Erstlingswerk, das famose Institut du monde arabe aus dem Jahr 1987
ist, das an der Straßenfassade grün bewaldete Musée du quai Branly oder die zwei windschiefen, leicht auseinanderklaffenden Glastürme Tours Duo am Rande des 13. Arrondissements. Sein jüngster Streich ist die Revitalisierung eines historischen Innenstadtpalais in der Rue de Rivoli gleich neben dem weltberühmten Louvre. In die altehrwürdigen, futuristisch aufgewerteten Gemäuer und überdachten Innenhöfe, eine Orgie in Sandstein und Anthrazit, wird demnächst die Kunststiftung Fondation Cartier einziehen. Die Eröffnung findet am 25. Oktober statt.

La Querola d’Ordino, Andorra
Der Zwergstaat in den Pyrenäen ist ein zweifelsohne steiniger und felsiger. In diesem Wohnprojekt wird die Umgebung in Form einer entsprechenden Fassade gewürdigt. Entstanden in Kooperation mit Ribas & Ribas.
ribas-arquitectos.com

© Martin Argyroglo

Fondation Cartier, Paris
1994 plante Jean Nouvel schon einmal die Räumlichkeiten für die Fondation Cartier. Nun zieht das Privatmuseum in ein historisches, innen von Grund auf saniertes Palais neben dem Louvre. Das Projekt liegt in den letzten Zügen.
fondationcartier.com

© Martin Argyroglo

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 7/2025

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Wojciech Czaja
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