Christine Dornaus: »Wir dürfen nicht jammern, wir sind ein Konjunkturmotor«
Wie manövriert die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) durch die Krisen der letzten Jahre? Welche Rolle spielen Holzbau und Dekarbonisierung? Und was ist das exotischste Projekt im Portfolio? Ein Gespräch mit Christine Dornaus, Co-Geschäftsführerin der BIG und ihrer Tochtergesellschaft ARE Austria Real Estate.
Residences: Seit einem Jahr sind Sie nun Geschäftsführerin der BIG und der ARE. Eine kurze Zwischenbilanz?
Christine Dornaus Es ist eine wunderbare Aufgabe, und sie erfüllt mich durchaus mit Stolz. Eine Immobilie ist nicht nur Betongold, nicht nur eine Schachtel mit Wänden und Dach obendrauf, sondern entfaltet im besten Fall auch eine gewisse Strahlkraft für die Nutzerinnen und Nutzer.
Sie waren 15 Jahre lang Vorstandsdirektorin der Wiener Städtischen. Was haben Sie von damals mitgenommen?
Das Arbeiten mit den Werten. Bei der Wiener Städtischen Versicherung war es meine Verantwortung, das Vermögen der Versicherungsgemeinschaft nachhaltig und rentabel zu veranlagen. Jetzt veranlage ich mit der gleichen Haltung das Immobilienvermögen der Republik und damit auch der Österreicherinnen und Österreicher.
BIG und ARE: Der eine Sektor ist öffentlich, der andere privatwirtschaftlich. Wie haben sich die beiden Unternehmen im globalen Immobilien-Rollercoaster der letzten Jahre entwickelt?
In der BIG bauen und betreiben wir Schulen, Universitäten, Forschungseinrichtungen, Justizanstalten und öffentliche Verwaltungsbauten, und diese Asset-Klassen werden unabhängig von Krise und Rezession benötigt. Die BIG ist, wenn Sie so wollen, wie ein resilienter Tanker, der da relativ unbeschadet durchfährt.
Kam es zu irgendwelchen Verzögerungen und Projektabbrüchen?
Etwaigen Verzögerungen – zum Beispiel aufgrund von Lieferkettenschwierigkeiten – konnten wir gut entgegenwirken. Und ich freue mich, dass wir im BIG-Konzern kein einziges Projekt stoppen mussten. Aktuell haben wir sogar drei Großbauprojekte für Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck in Bau. Wissen Sie, wir dürfen hier wirklich nicht jammern. Wir sind ein Konjunkturmotor, wir investieren rund eine Milliarde pro Jahr und schaffen damit weit über 800 Millionen Euro Wertschöpfung.
Überall werden die Mieten aufgrund der Inflation indexiert und angehoben. Wie ist die Situation in der BIG?
Der Nationalrat hat beschlossen, bei den Bundesmieten die Indexierung für 2026 auszuschließen. Das spüren wir schon hart, sowohl in der Bewertung als auch im Gewinn, denn das ist der Großteil unserer Immobilien! Bei den Mieten, die dem MRG unterliegen, haben wir entsprechende Anpassungen vorgenommen.
Sie betreiben rund 2.000 Immobilien mit knapp acht Millionen Quadratmetern vermietbarer Fläche. Was ist die exotischste Immobilie in diesem riesigen Portfolio?
Wir haben einige große Kirchen im Portfolio, unter anderem die Kollegienkirche in Salzburg und die Jesuitenkirche in Innsbruck. Darüber hinaus gehören uns aber auch einer der beiden Flaktürme im Arenbergpark im dritten Wiener Gemeindebezirk, den wir als Archiv vermieten, sowie an die 150 Bergstollen in ganz Österreich. Das sind doch ziemlich exotische Objekte, oder? Ungewöhnlich mögen den meisten auch die Justizanstalten erscheinen, die wir besitzen. Eines der bekanntesten Gefängnisse Österreichs – die Justizanstalt Josefstadt in Wien – sanieren wir gerade bei laufendem Betrieb.
Kommen wir nun zur ARE. Wie hat sich der Markt im Bereich Arbeiten und Wohnen in den letzten Jahren verändert?
Wir sind hier stärker vom Markt abhängig als im Bereich der öffentlichen Bauten, und da sind auch die Krisen, wie Sie sich vorstellen können, nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Allerdings freue ich mich, dass wir auch hier keine nennenswerten Verzögerungen haben.
Die politischen Rahmenbedingungen ändern sich ständig. Die letzten Jahre waren geprägt von EU-Taxonomie, Dekarbonisierung und Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) – doch nun hat das Omnibus-Paket das alles zum Einsturz gebracht. Wie schaut es in diesem Chaos mit der Planungssicherheit aus?
Das Omnibus-Paket ist eine Erleichterung für kleine und mittlere Unternehmen, die ich sehr begrüße, weil sie ihnen kurzfristig das Wirtschaften erleichtert. Die BIG ist aufgrund ihrer Größe nicht davon betroffen. Wir sind nach wie vor berichtspflichtig. Es wäre gut, wenn wir in der Baubranche eine langfristige Rechts- und Planungssicherheit hätten, ohne auf hoheitliche Eingriffe reagieren zu müssen.
Die ARE ist hundertprozentige Tochter der BIG, die über die ÖBAG wiederum zu hundert Prozent im Eigentum der Republik Österreich ist. In der Branche ist immer wieder zur hören, dass es für eine Bundestochter eigentlich verpflichtend wäre, gefördert und leistbar zu bauen. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?
Da würden sich die gemeinnützigen Bauträger schön bei uns bedanken, wenn wir ihnen in ihre Kernkompetenz reinpfuschen würden! Also nein, das sehe ich nicht so, und das ist auch im BIG-Gesetz nicht so vorgesehen. Aber natürlich erachten wir es als unsere Aufgabe, auch leistbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen – etwa im Rahmen unserer Wohnbau-Offensive. Im Village im Dritten haben wir Mietwohnungen mit einer monatlichen Miete von rund zehn Euro pro Quadratmeter – indexiert und beschränkt auf zehn Jahre. Das finde ich durchaus fair.
Wie ist der Status quo im Village im Dritten?
Wir bauen eifrig, insgesamt errichten wir hier rund 1.300 Wohnungen. Erst Ende Oktober hatten wir Dachgleiche auf den beiden Baufeldern 1 und 3. Das sind zwei Holzhybridbauten, und ich freue mich, dass das ThemaHolz im Wohnen sichtbar sein wird – nicht als folkloristische Holzhütte wie auf der Alm, aber doch spürbar!
Die Themen für die kommenden Jahre?
Nachhaltigkeit, Dekarbonisierung, klimafreundliches Bauen – das ist die allerwichtigste Aufgabe für die Zukunft. Und ich bin davon überzeugt, dass die nächste Generation, die bald zum Zug kommen wird, das mit ihrem Mindset noch besser und noch konsequenter machen wird als wir. Und auch den autokratischen Wahnsinn, der in vielen Ländern dieser Erde aktuell vorherrscht, werden wir überleben.
Wohndorf in Holz und Beton
Ende Oktober war Gleichenfeier für zwei Holzhybrid-Bauten mit insgesamt 230 preiswerten und freifinanzierten Wohnungen.
villageimdritten.at