»Design ist für mich Storytelling« – Ben Saltmer über die Seele von Bentley Home
Bentleys Head of Lifestyle Design, Ben Saltmer, erzählt im Gespräch mit Falstaff LIVING über die Philosophie hinter Bentley Home, die Kunst des Storytellings und die Zukunft des Interior Designs.
Wenn Ben Saltmer über Design spricht, dauert es nicht lange, bis das Wort »Storytelling« fällt. Für den Product & Lifestyle Design Manager bei Bentley Motors muss jedes Stück, ob Autoinnenraum, Couchtisch oder ein komplettes Wohnprojekt, eine Geschichte erzählen. Nach mehr als fünfzehn Jahren in der Gestaltung führt Saltmer heute die kreative Brücke zwischen automobilen Meisterwerken und modernem Wohnen. Sein Lifestyle-Designteam ist eine kleine, dynamische Einheit innerhalb des Bentley-Designstudios, die Seite an Seite mit den Automobildesignern arbeitet. Gemeinsam entwickeln sie alles, was außerhalb des Autos entsteht – von Schreibgeräten und Accessoires bis zu den international beachteten Bentley Home-Kollektionen und architektonischen Projekten.
Im Gespräch mit Falstaff LIVING erklärt Saltmer, wie britische Handwerkskultur auf italienische Virtuosität trifft, warum Materialien Emotionen wecken sollten und wie selbst ein Picknickkorb die DNA eines Grand Tourers in sich trägt.
Falstaff LIVING: Sie sind seit über fünfzehn Jahren im Design tätig. Was hat Ihre Philosophie am stärksten geprägt?
Ben Saltmer: Ich glaube, für mich war es immer das Erzählen von Geschichten. Design bekommt erst Tiefe, wenn es eine Geschichte gibt, die dahintersteht – etwas, das eine Verbindung zum Menschen schafft. Wenn jemand sagen kann: Mein Bentley-Interieur besteht aus über 3 km Nähgarn, oder dieses Furnier stammt von einem bestimmten Hügel in Hawaii, dann entsteht eine Beziehung zu dem Objekt. Ähnlich ist es bei Bentley Home: Kundinnen und Kunden können Materialien, Farben und Details selbst wählen und dadurch ihre eigene Geschichte gestalten. Dieses Storytelling, dieses »Warum brauchen wir das überhaupt?«, ist für mich der Kern von gutem Design.
Bentley steht für britischen Luxus – Handwerkskunst, Innovation und Understatement. Wie übersetzen Sie diese DNA ins Lifestyle-Design?
Zunächst einmal steckt im Automobildesign von Bentley eine unglaubliche Liebe zum Detail. Jede Oberfläche, jede Naht, jedes Zusammenspiel von Materialien wird präzise ausgearbeitet. Genau diese Haltung übertragen wir auch auf unsere Lifestyle-Projekte. Der Unterschied ist, dass wir uns nicht von einzelnen Fahrzeugmodellen leiten lassen, sondern vom Geist der Marke: von ihrer Handwerkskunst, ihrer Innovationskraft und ihrer besonderen Form von britischer Eleganz.
Wie läuft bei Ihnen der kreative Prozess ab, wenn ein neues Projekt startet?
Unser Aufgabenbereich ist unglaublich vielseitig – wir gestalten alles vom kleinen Accessoire bis hin zu einer kompletten Innenarchitektur. Trotzdem beginnen wir jedes Projekt auf dieselbe Weise. Am Anfang steht immer das Benchmarking: Wir analysieren, was andere Marken gut machen, welche Trends und Lösungen es gibt. Daraus entwickeln wir eine übergeordnete Vision, die unsere Designprinzipien und Markenwerte widerspiegelt. Diese Vision ist oft zunächst sehr weit gefasst und wird dann Schritt für Schritt zu einem realistischen Vorschlag verfeinert. Am Ende gilt für uns immer: Wenn sich ein Entwurf nicht unmittelbar nach der Bentley-DNA anfühlt, dann ist er noch nicht richtig.
Was verstehen Sie unter der Bentley-DNA?
Wir haben, ähnlich wie im Automobildesign, eigene Prinzipien für den Lifestyle-Bereich entwickelt. Denn unsere Arbeit folgt denselben Werten wie das Fahrzeugdesign, nur auf andere Objekte übertragen.
Zu diesen Prinzipien gehört Bold Gravitas: Klare, selbstbewusste Formen, die beim ersten Blick Eindruck machen. Cocooning Haven beschreibt das Gefühl der Geborgenheit, das man in einem Bentley spürt, dieses sanfte Umschließen, das wir auch in unseren Möbeln umsetzen wollen. Dann gibt es Iconic Signatures: Details, die man vielleicht erst auf den zweiten Blick entdeckt, wie eine feine Gravur oder eine diamantierte Struktur – Elemente, die sofort an Bentley erinnern. Harmonious Detail bedeutet, dass kein Material oder Farbton den anderen überlagert, alles soll im Gleichgewicht sein.
Und schließlich Dynamic Surfacing: Dies ist der Moment, in dem auch unser Automobildesign sichtbar wird, beispielsweise in den Tricks, mit denen wir die optische Masse reduzieren und präzise Kanten und durchdachte Abschrägungen eines Möbelstücks erzielen.
Bentley Home ist zu einem Maßstab im Luxusmöbel-Segment geworden. Was macht Ihre Marke besonders?
Ich denke, es ist vor allem die Erfahrung. Wir arbeiten nun seit über dreizehn Jahren mit der Luxury Living Group zusammen, einem absoluten Experten im Bereich hochwertiger Möbel. Diese Zusammenarbeit ist einzigartig: Sie bringen ihr handwerkliches Können ein, und wir sorgen dafür, dass jedes Stück die Designprinzipien und die DNA von Bentley verkörpert.
Materialien spielen bei Bentley Home eine zentrale Rolle. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Für mich geht es immer um die Geschichte, die ein Material erzählen kann. Es geht um die emotionale Verbindung, um den Moment, in dem man spürt, dass etwas besonders ist. Wenn hinter einem Stoff, einem Leder oder einem Stück Holz eine Geschichte steht, entsteht automatisch ein Gefühl von Wert. Ein Material muss auch eine natürliche Schönheit besitzen und eine gewisse Ehrlichkeit ausstrahlen. Und wann immer es möglich ist, achten wir auf Nachhaltigkeit und Herkunft. Wenn sich Luxus, Handwerk und Verantwortung verbinden, entsteht etwas wirklich Authentisches.
Gab es zuletzt ein Material, das Sie besonders begeistert hat?
Ja, tatsächlich. Das Material, das wir für die Hyde Picnic Collection entwickelt haben, war eine echte Überraschung. Wir wollten das klassische »Wicker«-Flechtwerk modern interpretieren, etwas schaffen, das diesen vertrauten Charakter hat, aber zeitgemäßer wirkt. Anfangs haben wir viele Varianten ausprobiert, doch sie wirkten alle zu traditionell. Schließlich fanden wir eine Lösung: ein Gewebe aus recycelten Fasern und gewachster Baumwolle, dessen Struktur ein dezentes Diamantmuster bildet, ganz typisch Bentley.
Bentley ist eine britische Marke, die Fertigung erfolgt in Italien. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?
Unsere Designer und Materialexperten arbeiten sehr eng mit den Designern und Handwerkern in Forlì zusammen – es findet ein ständiger Austausch über Materialien, Texturen und Fertigungstechniken statt. Die italienische Seite bringt handwerkliches Können von Pionieren außerhalb der Automobilindustrie ein. Gleichzeitig vermittelt diese Zusammenarbeit dem Team in Italien die exquisite Handwerkskunst von Bentley – die britische Perspektive auf Präzision, Proportionen und eine gewisse Zurückhaltung.
Sie waren auch an Projekten wie den Bentley Residences Miami beteiligt. Wie lässt sich die Marke auf Architektur übertragen?
Bei jedem Projekt beginnen wir mit dem Ort – seinem Charakter, seinem Licht, seiner Kultur. Erst dann verweben wir diese Eindrücke mit der Bentley-DNA. Es geht nicht darum, ein britisches Konzept einfach zu exportieren, sondern um ein sensibles Gleichgewicht zwischen Kontext und Marke. Ob jemand einen Bentley-Raum in Europa, Asien oder den USA betritt – das Gefühl sollte immer dasselbe sein: Ruhe, Präzision, handwerkliche Perfektion. Gleichzeitig muss der Raum jedoch auch die Essenz seiner Umgebung widerspiegeln. Wenn beides gelingt, entsteht etwas wirklich Stimmiges.
Was wird das Interior-Design der nächsten Jahre prägen?
Ich glaube, Technologie wird eine große Rolle spielen, aber auf eine sehr subtile Weise. Die interessantesten Innovationen werden diejenigen sein, die man nicht sofort sieht: Systeme, die intuitiv funktionieren und sich unaufdringlich in den Alltag integrieren. Das Zuhause wird wieder stärker als Rückzugsort verstanden. Menschen wünschen sich Räume, die sie entschleunigen, nicht solche, die sie mit Bildschirmen überfluten. Luxus bedeutet künftig Gelassenheit, Souveränität und die Möglichkeit, die Umgebung zu kontrollieren, ohne dass man die Technik spürt.
Und ganz persönlich: Was inspiriert Sie?
Oh, vieles eigentlich. Mich inspiriert vor allem das »Problem Solving«: also herauszufinden, wie man eine bestimmte Idee oder Herausforderung so umsetzt, dass sie funktioniert – technisch, ästhetisch und emotional. Dazu kommt das Storytelling, immer wieder diese Suche nach der Geschichte hinter einem Produkt oder Raum. Woher kommt das Material? Wer hat es gefertigt? Und wie lässt sich daraus etwas erschaffen, das Menschen berührt? Reisen spielt ebenfalls eine große Rolle. Unterschiedliche Städte, Kulturen und Lebensweisen öffnen neue Perspektiven. Und natürlich die Zusammenarbeit im Team, wir kommen aus ganz verschiedenen Ländern, jeder bringt ein eigenes Verständnis von Luxus und Schönheit mit. Diese Vielfalt an Sichtweisen ist für mich enorm inspirierend.